Truman Capote Comeback des großen Einsamen

Mit seinem Tatsachenroman "Kaltblütig" revolutionierte er die erzählende Literatur einst im Alleingang - und wurde zu Amerikas berühmtestem Schriftsteller. 22 Jahre nach seinem Tod feiert der genialische Snob Truman Capote eine triumphale mediale Wiederkehr.


Als 1980 sein letztes, zu Lebzeiten publiziertes Buch, der Erzählungsband "Musik für Chamäleons" erschien, war der Schriftsteller Truman Capote nicht nur in den Augen der literarischen Öffentlichkeit Amerikas bereits ein erloschener Vulkan, ein verglühter Stern. Denn offenbar hatte er selbst gespürt, dass er nie zu Ende bringen würde, was er unerschütterlich als sein Hauptwerk bezeichnet hatte: jenes als Schlüsselroman und ultimatives Sittenbild des New Yorker Jet Sets und seiner Intellektuellen konzipierte Riesenwerk "Answered Prayer", das wie kein zweites Buch dieses Autors mit dem Feuer spielte.

Schriftsteller Capote (1974): Von Depressionen geschüttelt
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Schriftsteller Capote (1974): Von Depressionen geschüttelt

1975 hatte Capote das erste Kapitel daraus in dem Magazin "Esquire" veröffentlicht - und damit den Anfang seines Endes heraufbeschworen. Denn was er für die geplante Sammlung entlarvender Porträts offenbar bewusst in Kauf nahm, war Hochverrat an all jenen Freunden, Weggefährten und intellektuellen Widersachern, deren Nähe und Zuspruch ihm stets als unentbehrlicher Lebenstreibstoff gedient hatte. Die infolge der Veröffentlichung in "Esquire" einsetzenden Schmähungen seiner Kollegen und Freunde, darunter auch die seiner einstigen Vertrauten, der Schriftstellerin Harper Lee, 
trafen den exaltierten homosexuellen Szene-Paradiesvogel mit voller Wucht. Von Depressionen geschüttelt, griff er immer öfter zur Flasche.

Ausgezehrt vom Alkohol brachte er zwar 1979 halbwegs erfolgreich eine längere Entziehungskur hinter sich und unternahm einen neuen Anlauf in Richtung seines Romans; am 25. Februar des Jahres 1984 aber verließen ihn schließlich die Kräfte: Der Exzentriker schied freiwillig aus dem Leben, sprang ab - und blieb fortan allem voran der Autor von "In Cold Blood" ("Kaltblütig"); jenes Geniestreichs, der die erzählende Literatur fast im Alleingang revolutionierte. Denn Capote, "der vollkommenste Stilist seiner Generation", wie Norman Mailer seinen schriftstellerischen Widersacher einmal zähneknirschend nannte, hatte etwas völlig Neues geschaffen: einen non-fiktionalen Roman, der bewies, dass eine Tatsachenerzählung genauso spannend sein konnte wie ein Thriller. Zugleich läutete er mit seiner "Real Fiction" die Geburtsstunde des später nicht zuletzt mit Autoren wie Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe assoziierten "New Journalism" ein.

"Ich hatte mir das Thema nicht ausgesucht, weil es mich besonders interessierte", bekannte Capote hinterher mit Blick auf "In Cold Blood". "Es war, weil ich einen Non-Fiction-Roman schreiben wollte, ein Buch, das sich ganz wie ein Roman lesen sollte, nur dass jedes Wort darin wahr sein sollte." Was jedoch anschließend folgte, war der prozesshafte Abstieg eines zwar begnadeten, aber ebenso ruhm- und gefallsüchtigen Schriftstellers. Capote, der schreiberisch zu  allem fähig war, verlor während der Arbeit an "Answered Prayer" Zug um Zug jedes Maß, seinen literarischen Gegenstand und irgendwann auch das eigene Leben aus den Augen.

Denn die aufreibende Recherche für seinen 1967 von Richard Brooks verfilmten Tatsachenroman war für ihn am Ende zu einer Erfahrung geworden, von der er sich nie mehr erholen sollte. "Kaltblütig" hatte den Autor solcher Meisterwerke wie "Andere Stimmen, andere Räume" (1948), "Die Grasharfe" (1951) oder "Frühstück bei Tiffany" (1958) nach seinem Erscheinen 1961 zum berühmtesten Schriftsteller Amerikas gemacht - ihn gleichzeitig aber kreativ ausgelaugt. "Ich würde es bestimmt nicht noch mal machen", bekannte er später in einem mit Lawrence Grobel geführten Interview. "Denn das Schreiben des Buches war zweifellos die emotional stärkste Erfahrung meines Lebens als Künstler. Hätte ich damals, als ich anfing "In Cold Blood" zu schreiben, gewusst, was es alles nach sich ziehen würde, ich hätte es niemals begonnen." 

Heute, 22 Jahre nach seinem traurigen Abgang vom
New Yorker Parkett, wird Capote gleich mehrfach wieder entdeckt: Für die Kinoleinwand in Bennett Millers Capote und Doug McGraths "Infamous" (mit Toby Jones und Sandra Bullock) sowie als unvergleichlicher Stilist und Schöpfer eines eigenen literarischen Genres. Darüber hinaus als Stilikone und - wie manche behaupten - gar als Held der Popkultur.

Ein Umstand, dem der Elitemensch Capote, der
stets darauf bedacht war, sich vom Rest der Masse sichtbar abzusetzen, gewiss heftig widersprochen hätte. Denn so emsig der gebürtige Südstaatler auch damalige In-Location wie das New Yorker "Studio 54" frequentierte und dabei Größen wie Andy Warhol zu seinen illustren Weggefährten zählte, so unmissverständlich bestand der nur 1,65 Meter große Schriftsteller-Riese auf Klassenbewusstsein und Standeszugehörigkeit.

Eine Haltung, die ihn am Ende, von allen verlassen, zu einem großen Einsamen machte - unfähig, seine innere Rangordnung zu revidieren, in der die Kunst stets über dem Menschen rangiert hatte. Vor diesem Hintergrund erscheint Capotes eigentliches, mit großer zeitlicher Verzögerung nun wieder ans Tageslicht gespültes schriftstellerisches Debüt, der Kurzroman "Sommercrossing" ("Sommerdiebe"), wie der Blick zurück in ein noch unberührtes, seinem Autor für alles offen stehendes Amerika.

1943 begonnen, hatte Capote die Geschichte der 17-jährigen Grady McNeil, die sich einen Sommer lang durch ein flirrend heißes New York treiben lässt, in den Parkplatzwächter Clyde verliebt und damit den Bruch mit ihren Eltern riskiert, immer
wieder verworfen. Doch als 1948 sein Roman "Andere Stimmen, andere Räume" erschien und den seinerzeit 24-jährigen schlagartig berühmt machte, geriet sein eigentliches Debüt
in Vergessenheit. Zwar beendete Capote Grady Neils Geschichte zehn Jahre später - an eine Veröffentlichung aber dachte er wohl nicht mehr.

So galt der kleine, wunderbar lichte Roman irgendwann als verschollen. Bis das Manuskript kürzlich überraschend in einem Auktionskatalog von Sotheby's auftauchte - und Amerikas literarische Öffentlichkeit in helle Aufregung versetzte. Tatsächlich aber fixiert der Zeitpunkt, da Capote letzte Hand an das Buch legte, ziemlich genau jenen Moment, da er sich zu Höherem berufen fühlte - und damit unbewusst auf sein Verderben zusteuerte. "Mehr und mehr kam mir 'Sommercrossing' dünn, clever und ungefühlt vor", bemerkte er 1969. Er spürte, dass "eine andere Sprache, eine geheime spirituelle Geographie im Begriff ist, in mir aufzublühen."

Gemeint ist jene andere Topographie New Yorks, die der Clubs und gesellschaftlichen Events mit ihren Stars und Sternchen, die Capote in "Answered Prayer" erfolglos zu vermessen suchte; jenem unseligen, nie beendeten Romankoloss,
der ihn schließlich um den Verstand brachte.
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Truman Capote: "Sommerdiebe". Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Kein & Aber. Zürich 2006. 160 S., 19,90 EUR



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