Blog von Wolfgang Herrndorf "Ein Jahr in der Hölle, ein tolles Jahr"

Während "Tschick" sich zum Millionenseller entwickelt, kämpft Wolfgang Herrndorf mit einem Gehirntumor. In seinem Blog "Arbeit und Struktur" führt er Tagebuch. Es ist das erschütternde Protokoll einer tödlichen Erkrankung - und ein Frontbericht aus dem Medien- und Szenebetrieb.
Von Thomas Andre
"Arbeit und Struktur": Screenshot der Internetseite www.wolfgang-herrndorf.de

"Arbeit und Struktur": Screenshot der Internetseite www.wolfgang-herrndorf.de

6.9.2011 13:16 Und immer wieder vergesse ich die Sache mit dem Tod. Man sollte meinen, man vergesse das nicht, aber ich vergesse es, und wenn es mir wieder einfällt, muss ich jedes Mal lachen, ein Witz, den ich mir alle zehn Minuten neu erzählen kann und dessen Pointe immer wieder überraschend ist. Denn es geht mir ja gut.

Wolfgang Herrndorf, zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen 46 Jahre alt, geht es gut, weil er in Berlin lebt, Freunde hat, an seiner Seite eine Frau, von der auch der Autor selbst manchmal nicht weiß, auf welche Weise er eigentlich mit ihr verbunden ist, und dann ist da auch noch "Tschick", sein Bestseller. Herrndorf ist angekommen, endlich, nach Jahrzehnten am Existenzminimum: ein erfolgreicher Schriftsteller. Er schreibt ein digitales Tagebuch, in dem er von "Tschick" berichtet, vom Vorankommen mit dem Werk. "Arbeit und Struktur" heißt der Blog, und "Arbeit und Struktur" heißt das Buch, das jetzt erscheint. Es versammelt alle tagebuchartigen Einträge vom 8. März 2010 bis zum 20. August 2013, dem letzten, verfasst knapp eine Woche vor Herrndorfs Freitod am 26. August.

Das ist die eigentliche Pointe: Herrndorf, dessen Ausreißer-Roman "Tschick" seit Ende 2010 Millionen von Lesern verschlungen, ungezählte Schulklassen geliebt haben, ist im Moment seines größten persönlichen Erfolgs dem Tode geweiht. "Arbeit und Struktur" ist nicht nur das Journal eines intellektuellen Künstlerlebens, ist nicht nur Werkstattbericht eines Erzählers und Frontbericht aus dem Medien- und Szenebetrieb Berlin-Mitte. Es ist vor allem der stellenweise erschütternde Bericht einer tödlichen Erkrankung, der Abschiedstext eines sein Schicksal irgendwie meisternden mittelalten Mannes, der am Leben hängt, aber an einem Glioblastom leidet: einem bösartigen Hirntumor.

Das Abgeklärtsein hat Methode

Die meisten Betroffenen haben nach der Diagnose keine anderthalb Jahre mehr zu leben. Zunächst hatte Herrndorf das Tagebuch als Mitteilungsmedium für seine Peergroup konzipiert. Erst nach einigen Monaten schaltete er es online, und schon damals konnte man, wollte man als Leser gar nicht immer lesen: Weil es nicht schön ist, jemandem beim Sterben zuzusehen. Dabei sind doch nicht nur die zyklisch auftretende Panik des Verfassers und die ungnädige, glasklare Rekapitulation des eigenen Verderbens die hervorstechenden Merkmale dieses außergewöhnlichen Textes, sondern auch das Auskosten der Restzeit und das Bewusstsein des Wesentlichen, was ein Leben ausmacht. Hier geht es wirklich einmal um alles, wenn sich in manchen Momenten die Existenz auf das MacBook und die daneben liegende Pistole verdichtet; das eine der Erfüllungsgehilfe beim Fertighauen des Werks, das andere die Exitstrategie - "Ich muss wissen, dass ich Herr im eigenen Haus bin."

Während sein Befinden zwischen Angst und Gleichmut changiert, ringt Herrndorf seinem Restleben große Literatur ab, außer dem glitzernden "Tschick" noch die düstere Agentenparodie "Sand", ein noch nicht veröffentlichtes Werk mit dem Titel "Isa" - und das Tagebuch, in dem sich am Ende jeder Eintrag mal mehr, mal weniger um die Kostbarkeit des eigenen Lebens und dessen Bedrohtheit dreht. Herrndorf referiert seine Operationen, Medikamente, Arztbesuche, er schreibt über seine manischen Phasen, die Anfälle, die der Arzt "neurologische Defizite" nennt, über den teilweisen Verlust der Sprache.

Das Nüchterne dieser Schilderung eines ständig drohenden Selbstzerfalls wird konsequent durchgehalten - die Ironie ist hier Ausweg, das Abgeklärtsein hat Methode. Sentimentale Anflüge sind selten, Nostalgie manchmal erlaubt, aber nie süßlich. Resümees werden regelmäßig gezogen: "Bilanz eines Jahres: Hirn-OP, zweimal Klapse, Strahlen, Temodal. 1 3/4 Romane, erster großer Urlaub, viele Freunde, viel geschwommen, kaum gelesen. Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind" (28.3. 2011, 9:40).

"Schwanzvergleich" mit Uwe Tellkamp

"Arbeit und Struktur" ist ein Akt der Selbstentblößung im Angesicht des Unvermeidlichen. Wo das Ende der Existenz absehbar ist, sind es Arbeit, Struktur und das Soziale, die Herrndorf vor dem freien Fall retten. Phasen der absoluten Lebensmüdigkeit nennt er Nihilismus-Versuche, sie halten nie lange vor. Zumindest gewinnt man als Leser diesen Eindruck; die Blog-Tätigkeit franst zum Schluss hin aus, da müssen ihm schon Freunde und Lektoren helfen, das Tagebuch weiterzuführen. Über Tage hinweg schreibt er gar nichts, aber auch in den Phasen, in denen er sich im relativen Vollbesitz seiner Kräfte befindet, bleiben Lücken in diesem Lebens- und Sterbensbuch.

Über den Erfolg schreibt Herrndorf nur kursorisch, er hält sich lieber beim nie überwundenen Selbstzweifel an der eigenen literarischen Potenz auf. "Komplexbeladen" nennt der sich hier einmal, der in seinem Blog auch ein Lektüreprotokoll anfertigt mit Leseempfehlungen - Rainald Goetz, Don DeLillo, Stendhal - auf der einen und übellaunigem Kollegengedisse auf der anderen Seite: den "Schwanzvergleich" mit Uwe Tellkamp ("sprachlich verlotterter Scheißdreck") gewinnt Herrndorf jedenfalls nach eigener Einschätzung.

Und so ist diese Chronik der Krebsjahre eines sensiblen Menschen, der ein großes persönliches Umfeld hatte, aber zeitweise viel allein war, auch eine bisweilen lustige Angelegenheit. Gerade übrigens, wenn Herrndorf der Furor packt. Die Krankheit hat paradoxerweise dafür gesorgt, dass seine Bücher endlich fertig wurden. Wo er vorher jahrelang an jeder Formulierung schraubte, bringt er es jetzt notgedrungen zu Ende. Aber der Formwille verlässt ihn nicht, schon gar nicht beim Tagebuch, das auf seine Art Herrndorfs Opus magnum geworden ist: eine Frucht dessen, was er den "berufsbedingt ununterdrückbaren Impuls" nennt, "dem Leben wie einem Roman zu Leibe zu rücken".

Erfolg und Bestätigung werden unwichtig, wenn man an einer unheilbaren Krankheit leidet. Für Freunde bringt man manchmal zu wenig Interesse auf. Es ist auch von bemerkenswerter Offenheit, wie krass Herrndorf sich als gelegentlichen Sozialphobiker darstellt - medizinischen Quacksalbern und zu hilfsbereiten Bekannten gegenüber, er führt sie in seinem Blog unbarmherzig vor. Notwehrreaktionen von jemandem, der keine Zeit zu verlieren hat und dieses Signal via Blog an die Öffentlichkeit sendet.

Bis zum Schluss geht Herrndorf im Plötzensee in Berlin schwimmen, man liest von jenen Nachmittagen in diesem Tagebuch des Verschwindens wie von so manchem anderen etliche Male. Aber nichts ist redundant, wo jeder zusätzliche Tag dem Schicksal abgepresst wird. Die Frage, warum es gerade ihn getroffen hat, stellt Herrndorf nicht, trotzdem spricht sein Ressentiment gegen alle Religion sicherlich von vielem, besonders aber von einer gewissen Unversöhnlichkeit.

Und doch, schreibt Herrndorf einmal, waren die letzten drei Jahre seine besten.