Türkischer Apollinaire-Verleger Erst vor Gericht, dann zur Preisverleihung

Er wollte eine Reihe mit erotischer Literatur herausgeben - doch nun steht der Verleger Irfan Sanci in der Türkei vor Gericht. Ihm wird ein Verstoß gegen den Obszönitäts-Paragrafen vorgeworfen. Die nächste Anhörung ist am 2. November - am selben Tag wird ihm ein internationaler Preis überreicht.

Es ist nicht so, dass das Werk, um das es geht, außerhalb jeder Diskussion steht. "Die Heldentaten eines jungen Don Juan", erstmals 1911 veröffentlicht, schildert äußerst bildhaft die sexuellen Erlebnisse eines 15-Jährigen, der Schwestern, Mägde und seine Tante schwängert - "Die 'poetische Dimension' dauert drei Zeilen", urteilte der SPIEGEL anlässlich des Erscheinens einer deutschen Übersetzung im Propyläen-Verlag 1971.

Doch geschrieben hat das Buch der unter anderem von Picasso hoch gerühmte Dichter Guillaume Apolliniare (1880-1918), und damit sollte es sich unzweifelhaft um ein Werk der Literatur handeln. Genau das ist aber der Knackpunkt bei einem Gerichtsprozess, in den der türkische Verleger Irfan Sanci derzeit verwickelt ist.

Irfan Sancis Verlag Sel Yayincilik , der seit 1990 Werke türkischer und ausländischer Autoren veröffentlicht (darunter Nick Hornby, Ian McEwan oder Raymond Queneau), startete 2009 mit einer "Erotischen Serie", in der neben Autoren der Weltliteratur auch Werke von jungen türkischen Autorinnen erscheinen sollten. Doch drei der ersten vier Veröffentlichungen der Reihe wurden von einer staatlichen Kommission als "nichtliterarisch" eingestuft - damit würde ihre Veröffentlichung unter den Obszönitäts-Paragrafen des türkischen Strafrechts fallen.

"Das Buch wird verfolgt, weil es das Schamgefühl der Öffentlichkeit verletzt", sagte Sanci der Zeitung "Hürriyet Daily News": "Ich soll in meinem eigenen Land bestraft werden, aber ich bekomme auch einen internationalen Preis. Das ist tragisch."

Der internationale Verlegerverband IPA  gab bei der Frankfurter Buchmesse bekannt, dass er Irfan Sanci einen speziellen Freiheitspreis verleihe, um "seinen Mut zu belohnen, mit dem er sich Herausforderungen stelle, die seine Freiheit bedrohten, Bücher zu veröffentlichen." Der IPA sieht in dem möglichen Verbot der Bücher "potentielle politische Zensur" und fordert den Freispruch des Verlegers.

Erstaunlich ist die Verfolgung der erotischen Romane besonders vor dem Hintergrund, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erst im Februar 2010 im Sinne eines anderen Verlegers geurteilt hatte, der einen weiteren pornografischen Roman von Guillaume Apollinaire, "Die elftausend Ruten" verlegt hatte. Die Bücher wurden beschlagnahmt (und sollten ursprünglich sogar vernichtet werden), der Verleger zu einer Geldstrafe verurteilt. Dies widersprach dem Artikel zur freien Meinungsäußerung der Europäischen Menschenrechtskonvention, urteilte das Gericht.

Laut der englischen Zeitung "The Guardian" sind derzeit etwa 70 Fälle in der Türkei anhängig, bei denen Autoren oder Verleger vor Gericht stehen. Besonders scharf wird von der Europäischen Union der Straftatbestand in Artikel 301 wegen "Beleidigung des Türkentums" kritisiert. Auf Grundlage des Artikels war unter anderem der spätere Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk strafrechtlich verfolgt worden.

In der Urteilsbegründung im Falle Apollinaire verwies der Menschenrechtsgerichtshof darauf, dass das Werk zum europäischen Literaturerbe zähle. Allerdings war es bis 1970 in Frankreich verboten, und auch die Staatsanwaltschaft München beschlagnahmte Ausgaben von "Die elftausend Ruten" in den Jahren 1971 und 1987.

Im Rahmen der Istanbuler Buchmesse soll Irfan Sanci den Preis des Internationalen Verlegerverbandes überreicht bekommen - am Nachmittag des 2. November. Am Vormittag hat der Verleger keine Zeit: Da muss er zur Anhörung vor Gericht, wo auch der Apollinaire-Übersetzer Ismail Yerguz angeklagt ist. Das Verlagshaus will seine Erotische Serie fortsetzen - zwei Titel pro Monat sollen im neuen Jahr erscheinen.

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