TV-Buch Aufklärung in verzappelten Zeiten

Sieh an: Man kann also noch leidenschaftlich gegen die Blödheit der Mattscheibe kämpfen. Der Journalist Alexander Kissler rechnet in seinem Buch "Dummgeglotzt" mit dem Fernsehen ab - der Windmühlenkampf eines seltenen und einsamen Ritters.
Von Matthias Matussek
Die Spannbreite der Peinlichkeit - fürs Erste ermessen von Volkmusiker Hinterseer

Die Spannbreite der Peinlichkeit - fürs Erste ermessen von Volkmusiker Hinterseer

Foto: SWR

Das Erstaunlichste an der Polemik "Dummgeglotzt" des "SZ"-Autors Alexander Kissler ist nicht der Befund, sondern der Weg dorthin, der mit imponierender Ausdauer und wahrer Todesverachtung beschritten wird.

Dass wir uns zu Tode amüsieren, wissen wir seit Neil Postman. Und dass es immer noch flacher geht, ist auch nicht neu. Doch Kissler, der mit einem profunden Buch zur Philosophie und zur Gottesfrage ("Der aufgeklärte Gott") vor einem Jahr Aufsehen erregt hat, macht nun bitterernst.

Er hat sich das Triviale schlechthin - das Fernsehen - vorgeknöpft. Er will sich "hingeben" und das über Wochen hinweg, denn: "Den Blick der Medusa, der die Welt verhext, bezwingt man nur, wenn man ihm standhält."

Gleich im Vorwort stellt er das Resultat seiner TV-Expedition klar: Von den rund sieben Milliarden Euro, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen pro Jahr an Gebührengeldern ausgibt, hat er "keine Minute erwischt, die den Aufwand gelohnt hätte". Auf das ZDF würde er gleich ganz verzichten.

Wimmern und flimmern

Verfall überall, ganz besonders bei den Privatsendern. Schlüssellochszenen, Schönheits-OPs, Brüllereien im Hartz-IV-Sumpf, die endlosen Alpenpanoramen mit ihren Silbereisens und Hinterseers, die sogenannten Schicksalsrecherchen mit mächtig aufgedrehten Reportern, Schattenriss-Zeugen und dramatischen Kommentaren aus dem Off - die Geduld, mit der Kissler das alles minutiös beschreibt, hat einen eigenen Witz.

Er schildert den Verlauf von Lichters Kochshow wie eine Theaterkritik, er zählt die verständnisvollen "Hmms" und "Okays" von Kerner nach, und die Dramaturgie eines Abends bei Anne Will wird zu einem bizarren Argumentationskonzert mit verschiedenen Stimmen - penibel recherchiert und in dieser Penibilität komisch und durchaus relevant.

Kissler surft nicht über die Oberfläche, sondern versucht, einzudringen in die Tiefen des Fernsehorkus, in immer neuen, vergeblichen Anläufen. "Lauter Fehlbohrungen, doch kein Grundwasser", würde Gottfried Benn sagen, und Seite um Seite wird dem Leser bewusster, wie sehr es sich bei der Glotze um ein Paralleluniversum handelt, voller Scheindebatten, bevölkert von Scheinmenschen mit Scheinfrisuren, die Scheinkonflikte austragen.

Verzweifelt engagiert

Kissler staunt, er polemisiert, er spottet und höhnt, aber seine Leidenschaftlichkeit kommt nicht zynisch oder abgebrüht daher, sondern verzweifelt. Verzweifelt über die bisweilen groteske Lügenhaftigkeit des Mediums. Verzweifelt auch darüber, dass wir uns an dessen Lügenhaftigkeit so vollständig gewöhnt haben, dass sie weitergereicht und zur Lebensmaxime werden.

Kissler fragt anlässlich einer TV-Schönheitsoperation zum Beispiel ganz ernst, ob die Klientin, die dort ihren Körper zu Markte trägt - sie will Schlagersängerin werden - hinterher glücklicher sein wird. Fragen, die sonst keiner mehr stellt.

Dieses Buch ist ein Paradox. Es versucht sich, in einer schrillen und verzappelten Welt, mit der geduldigen, stillen Arbeit der Aufklärung.


Alexander Kissler: "Dummgeglotzt - wie das Fernsehen und verblödet", Gütersloher Verlagshaus; 192 S., 16,95 Euro

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