Ukrainische Krimis, Familiengeschichten, stille Heldenporträts So gut, dass man sich Taschentücher bereitlegen sollte

»Damit nicht auch noch der Honig nach Krieg schmeckt«: Andrej Kurkow erzählt von einem Imker im Donbass, Katja Petrowskaja von Revolutionären und Bolschewiken. Diese Romane über die Ukraine empfehlen wir.
Autorin Petrowskaja: Leerstellen im Familiengedächtnis

Autorin Petrowskaja: Leerstellen im Familiengedächtnis

Foto:

Arno Burgi / picture alliance

1. »Vielleicht Esther« von Katja Petrowskaja

»Man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche«, schreibt Katja Petrowskaja zu Beginn ihres Buchs »Vielleicht Esther«. Darin erzählt die gebürtige Kiewerin von den Leerstellen ihres Familiengedächtnisses, von den unzähligen »Vielleichts«, die Krieg, Besatzung und Genozid hinterließen.

Statt all den Schmerz in eine kausale Erzählung zu bringen und damit erklärbar zu machen, was doch nicht erklärbar ist, stülpt sie die Splitter gut sichtbar nach außen – in der zerborstenen Struktur des Texts, aber auch auf Ebene der Geschichte. Das gelingt Petrowskaja so gut, dass man sich Taschentücher bereitlegen sollte.

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Petrowskaja, Katja

Vielleicht Esther: Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2013, dem Aspekte-Literatur-Preis 2014, dem Ernst-Toller-Preis 2015 und dem Schubart-Literaturpreis 2015

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 285
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Die Journalistin und Autorin wuchs in Kiew auf, im paradiesischen Rain ihres schweigenden Großvaters, und in einem Bezirk, »der nach dem Krieg entstanden war und keine Vergangenheit zu haben schien, nur eine saubere Zukunft«. Aber auch in sozialistische Lügen drängt sich so mancher Schmerz. Irgendwann tritt er so deutlich in das Leben Petrowskajas, dass sie auf Spurensuche in die Vergangenheit reist. Sie nimmt die Leserinnen und Leser mit, zu den Bolschewiken und Revolutionären, in Gefängnisse und Waisenhäuser, zu Frauen, die Jahrzehnte auf die Heimkehr ihrer kriegsversehrten Männer warten, und nach Babyn Jar, der Schlucht bei Kiew, in der Hunderttausende Menschen von den Nationalsozialisten in den Tod geschossen wurden. Auch Petrowskajas Verwandte, die nicht rechtzeitig fliehen konnten oder wollten.

Ihre Urgroßmutter, die titelgebende Vielleicht Esther, hat es nicht mal bis dahin geschafft. Sie wurde schon auf dem Weg von deutschen Soldaten erschossen. Und hinterließ deshalb sogar in ihrem Namen eine Leerstelle. Man kann diese Passagen ohnehin kaum aushalten. Aber man sollte. Wer sie nun liest, denkt unweigerlich an die furchtbare Gegenwart. Und an die Verantwortung, die gerade Deutschland hat. Elisa von Hof

2. »Graue Bienen« von Andrej Kurkow

Autor Kurkow:

Autor Kurkow:

Foto: Guillem Lopez / IMAGO

Was gerade in der Ukraine passiert, das schwelt dort seit 2014. Sergej – und außer ihm nur noch Paschka, sein liebster Feind seit Kindertagen – lebt in einem verlassenen Dorf in der Grauen Zone zwischen den Fronten im Donbass. Sergej kümmert sich nur um das Wohlergehen seiner sechs Bienenvölker. Der Konflikt, die Einschläge und das Politische? Interessieren ihn nicht. Der stille Held in grauer Spätwinterlandschaft sieht sich selbst nicht als Teilnehmer, nur als »Einwohner des Krieges«. Sein Haus »stand im Krieg, aber es nahm nicht daran teil«.

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Andrej Kurkow

Graue Bienen: Roman

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 448
Übersetzt von: Sabine Grebing und Johanna Marx
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Im Frühling macht Sergej sich mit seinen Völkern auf den abenteuerlichen Weg in den Westen, damit seine Bienen wieder in ruhiger Umgebung ihren Nektar sammeln können: »Damit nicht auch noch der Honig nach Krieg schmeckt«. Autor Kurkow (»Pinguine frieren nicht«) ist Ukrainer, schreibt auf Russisch und zeichnete in seinem Roman 2019 die Allegorie einer dystopischen Realität, in der Unbeteiligte sich irgendwie einrichten müssen. Immer auf der Hut vor den jeweiligen Obrigkeiten, immer auf der Suche nach einem ruhigen Ort. Als Flüchtling fühlt Sergej sich nie. Er ist bei seinen Völkern – ein dienender Angehöriger ihres summenden, friedlichen Staates. Arno Frank

3. »Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch« von Marina Lewycka

Autorin Lewycka (2012): Platz für Ambivalenz

Autorin Lewycka (2012): Platz für Ambivalenz

Foto: Ulf Andersen / Getty Images

Vordergründig ist der Roman »Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch« von Marina Lewycka eine tragikomische Familienstory: Ein über 80-jähriger verwitweter, leicht exzentrischer Ingenieur aus der Ukraine, der mit seiner damaligen Frau und den beiden Töchtern nach dem Zweiten Weltkrieg in England Zuflucht gefunden hatte, heiratet eine fast 50 Jahre jüngere Frau. Laut Nikolai ist Valentina nicht nur die schönste Frau der Welt – blond, hohe Wangenknochen, fantastischer Busen –, sondern auch Nietzsche-Kennerin und in Gefahr. Indem er seine Landsfrau heiratet, rettet er sie vor einem Leben in Mangel und Chaos, der Normalzustand im sich auflösenden Sowjetreich. Die Töchter sind entsetzt, sie unterstellen der Frau unlautere Absichten – und sollen Recht behalten. Vera (das Kriegskind) und Nadia (das Nachkriegskind), seit dem Tod der Mutter zerstritten, verbünden sich, um Valentina wieder loszuwerden. Denn die will zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, Geld und ein dickes Auto – die Liebe des greisen Nikolai will sie nicht.

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Marina Lewycka

Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch: Roman

Herausgeber: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Seitenzahl: 368
Übersetzung: Elfi Hartenstein
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Die Autorin, als Kind ukrainischer Flüchtlinge 1946 in einem Lager in Kiel geboren, lässt kein Klischee aus: Der Busen! Der Akzent! Die Geldgier! Doch sie gestattet der Icherzählerin Nadia so viel Ambivalenz und Selbstzweifel, dass die Karikatur ihrer Heiratsschwindlerin relativ wird. Fast nebenbei erfahren Leser und Leserinnen, wie wechselhaft die Geschichte der Ukraine verlaufen ist in den letzten hundert Jahren. Jeder und jede Einzelne war von Krieg und Unterdrückung betroffen – und blieb es ein Leben lang. Vor dem Hintergrund des aktuellen Kriegs in der Ukraine kann man das Buch, das nur noch antiquarisch erhältlich ist, wie eine unorthodoxe Lehrstunde in Mentalitätsgeschichte lesen. Katharina Stegelmann

4. »Die Erfindung des Jazz im Donbass« von Serhij Zhadan

Autor Zhadan: Eine lustig verkommene Welt

Autor Zhadan: Eine lustig verkommene Welt

Foto: Haus für Poesie / gezett / IMAGO

Es wird viel gesoffen in den Romanen des ukrainischen Autors Serhij Zhadan. Moldauischer Brandy und russischer Wodka, Weißwein aus Blechkanistern und Bier sind im Roman »Die Erfindung des Jazz im Donbass« Grundnahrungsmittel für Gangster, Glücksritter und launische Frauen. Der Romanheld Hermann, Anfang 30, wirft seinen Geldwäscherjob in der Großstadt hin, weil er im wilden Osten des Landes auf eine Tankstelle, die seinem Bruder gehört, aufpassen will. Der Bruder ist verschwunden. Als letzter aufrechter Mann stellt Hermann sich dem Großbonzen der Gegend, einem Oligarchen, entgegen. Der Besitz des Bruders ist nicht viel mehr als »vier alte Zapfsäulen, das Kassenhäuschen, ein leerer Mast, an dem man bei Bedarf jemanden aufknüpfen konnte«. Es ist eine lustig verkommene Welt, in der »Die Erfindung des Jazz im Donbass« spielt.

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Serhij Zhadan

Die Erfindung des Jazz im Donbass: Roman

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 394
Übersetzt von: Juri Durkot und Sabine Stöhr
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In ihr treten Mafiosi-Typen mit vorzüglichem Musikgeschmack auf, die auch mal einen Tanklaster in die Luft jagen; junge Frauen, die sich vor dem Helden zwar bereitwillig entkleiden, aber ihm Zudringlichkeiten streng verbieten; dazu allerlei brutale »Businessmeny«.

Im großen Trubel finden sich in diesem Buch viele Sätze, denen man anmerkt, dass Zhadan, Jahrgang 1974, als Lyriker angefangen hat. »Kühe weideten, mit Stricken fest am Boden angebunden wie Zeppeline«, schreibt er einmal. Ausgiebig besingt er den Himmel, die Wälder und die Gerüche der Landschaft im Industrierevier des Donezbeckens, des sogenannten Donbass. Der Zauber des Romans entsteht gerade aus der Mischung von Poesie, groteskem Humor und knallhartem Krimi-Realismus. Wolfgang Höbel