Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" Alter, Affe, Angst

Krieg, Vertreibung, Neurosen - und Affenforschung: In "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" schildert Ulrike Draesner die deutsche Geschichte anhand von vier Generationen einer Familie. Ein fulminanter Roman mit skurrilen Figuren.
Ulrike Draesner: Die Familie des Vaters floh 1945 aus Schlesien

Ulrike Draesner: Die Familie des Vaters floh 1945 aus Schlesien

Foto: Swen Pfˆrtner/ picture alliance / dpa

Es ist fast schon schwindelerregend, wie hoch Ulrike Draesner die Latte mit ihrem neuen Roman gelegt hat. Aber eigentlich erwartet man auch nichts anderes von dieser Autorin, die hochgelobt ist, viele Preise bekommen hat und sicher noch einige bekommen wird. "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" lautet der Titel. Draesner macht sieben Sprünge und noch ein paar dazu, um ihr großes zeitgeschichtliches Panorama, das vier Generationen umspannt, aufzublättern. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, um Vertreibung, Flucht und Gefangenschaft, aber auch um die Gegenwart: Wie gehen die Romanfiguren, die Bombenangriffe, Hunger und Tod erlebt haben, mit ihrer Vergangenheit, mit dem Verlust von Heimat um? Wie weit sind sie traumatisiert, und wie weit geht das Leid auf die nachfolgendenden Generationen über? Und wer leidet am Ende eigentlich mehr?

Dass Draesners Roman kein durchweg deprimierender Bilderbogen geworden ist, liegt an dem immer wieder aufblitzenden Humor, an den zum Teil sehr skurrilen Hauptfiguren. Das fängt schon beim Namen an: Wie um alles in der Welt kann man Eustachius Grolmann heißen? Dieser Eustachius, als Kind auch "Stach" oder "Stächelchen" genannt, ist am Anfang zweiundachtzigdreiviertel Jahre alt, die Dreiviertel sind ihm wichtig. Ein Charmeur, Verführer, Sturkopf - und Affennarr. Als Hirn- und Affenforscher hat er sich einen Namen gemacht, im Alter nimmt seine Affenliebe groteske Züge an. Er hält heimlich zwei dieser Tiere bei sich zu Hause und baut ihnen ein Dschungelparadies im Garten.

Ganz oben in der Schicksalshierarchie

Eustachius Grolmann ist aber auch ein Gezeichneter: Als Kind war er 1945 mit seiner Familie aus Schlesien in den Westen geflohen, zwischenzeitlich bei eisigen Temperaturen, mit durchweichten Pappkoffern. Zudem musste er den Tod seines behinderten Bruders Emil verarbeiten, der auf der Flucht ums Leben kam. Trotz dieser frühen Erschütterungen ist Grolmann nicht larmoyant, sondern hat sich eine Überlebens-Philosophie zurechtgelegt: "Ich bin entronnen, ich habe so viel Glück gehabt." Gleichzeitig findet er, dass das Unglück anderer Menschen im Vergleich zu seiner Misere deutlich weniger wiegt, er steht in der Schicksalshierarchie quasi ganz oben. Diesen Leidenstrumpf spielt er auch gegenüber seiner Tochter Simone, Professorin und ebenfalls Affenforscherin, aus. Die braucht ihm gar nicht erst mit ihren Kümmernissen zu kommen - "wie gut es dir geht", sagt er lapidar. Nur bei seiner geliebten Enkelin Esther, Simones Tochter, zeigt Eustachius mehr Großherzigkeit.

Simone muss also sehen, wie sie selbst klarkommt mit ihren Neurosen. Sie hat, so bizarr es klingt, Angst vor Schnee. Die Ursache liegt in der Vergangenheit des Vaters, der als Kind auf der Flucht durch verschneite Wälder gestapft war. Die Katastrophen des Vaters, von denen sie schon als Kind gehört hat, sind zu den Katastrophen der Tochter geworden. Trost findet sie, deren Ehe unspektakulär dahindümpelt, schließlich in der Beziehung zu Boris, dem feinfühligen Psychologen, dessen Familie im Krieg aus Ostpolen fliehen musste. Wieder eine Fluchtgeschichte, die die Autorin ausführlich auslotet.

Fast schmerzhafte Lebendigkeit

Ulrike Draesner hat in ihren Roman eine Menge hineingepackt. Nicht nur Krieg und Vertreibung, sondern auch diverse Familienkonflikte, Traumata und Neurosen. Und dazu eine Menge Details aus der Affenforschung. Für den Leser ist es nicht immer leicht, allen Spuren und Fallstricken zu folgen. Gelegentlich hat man das Gefühl, Draesner verspannt sich etwas in ihrem Anspruch, ein Meisterwerk zu schaffen. Manchmal überzieht die Autorin auch und greift zu sehr in die Effekt-Kiste, etwa wenn sich Grolmann, der Hirnforscher, Elektroden in den Schädel einpflanzen lässt, um das eigene Hirn beim Denken zu beobachten. Schließlich tritt er auch noch in einer Talkshow auf und macht sich selbst zum Affen - das ist für einen Moment lustig, aber auch irgendwie entbehrlich.

Und trotzdem: "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" ist eines der großen Bücher des Frühjahrs. Dass biografische Einflüsse eine Rolle spielen, überrascht nicht, die Familie von Draesners Vaters floh 1945 aus Schlesien. Was die Autorin daraus gemacht hat, ist fulminant. Immer wieder findet sie großartige Bilder und Metaphern, dabei wechselt sie - die auch als Autorin von Gedichten bekannt ist - stellenweise ins Lyrische. Häufig gelingt es ihr, ganz tief in ihre Figuren hinein zu kriechen, die sie abwechselnd zu Wort kommen lässt. So bekommen die Kriegsversehrten eine für den Leser fast schmerzhafte Lebendigkeit.

Jetzt hätte man gern unendlich viel Zeit, um sich in diesen kolossalen Roman über Schicksal und Überlebenswillen zu versenken.