Umberto Eco neu gelesen Der Faschismus ist überall

In einem kurzen Essay beschrieb Umberto Eco bereits 1995 kurz und genau, welche Merkmale den "ewigen Faschismus" ausmachen - seine Analyse trifft auch heute noch zu.
Rechtsextreme Casa-Pound-Mitglieder in Mailand

Rechtsextreme Casa-Pound-Mitglieder in Mailand

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Luca Bruno/ AP

Es gibt nicht den einen Faschismus, der historisch fixiert mit der NS-Zeit verbunden ist, sondern er taucht in mehreren Varianten auf, beißt sich fest wie ein Geschwür, wird größer, durchdringt still, aber mächtig die ganze Gesellschaft. So sah es der verstorbene italienische Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco. Sein Vortrag "Der ewige Faschismus", den er zum ersten Mal 1995 hielt, wurde nun in einem gleichnamigen Sammelband veröffentlicht.

Nach Hanau, nach Halle, nach dem NSU-Terror (um nur einige Beispiele zu nennen) passt sein Text perfekt zur Zeit. "Der Ur-Faschismus ist immer noch um uns, manchmal in gutbürgerlich-ziviler Kleidung", so Eco. Ein Satz, der akkurat beschreibt, dass Faschismus nicht sofort erkennbar ist - und nicht nur als Idee eines Randphänomens irgendwo isoliert im Osten auftaucht, sondern genau da, wo er am wenigsten vermutet wird: in der sogenannten Mitte der Gesellschaft.

Schriftsteller Umberto Eco

Schriftsteller Umberto Eco

Foto: Jacopo Raule/ Getty Images

Seinen Vortrag hielt Eco ursprünglich am 25. April 1995 an der Columbia University in New York. Kein zufällig gewähltes Datum, sondern der 50. Jahrestag der Befreiung Italiens. Eco sprach auch aus eigener Erfahrung. Im Jahr 1942, drei Jahre vor der Befreiung, war er zehn Jahre alt und bekam den Preis eines Pflichtwettbewerbs für junge italienische Faschisten.

Auch deshalb sind seine Wörter dringend ernst zu nehmen: Er kennt das faschistische Regime unter Mussolini, er war als Kind Teil von ihm und kann es gleichzeitig von neueren Formen unterscheiden - aber auch Gemeinsamkeiten erkennen. In seinem Vortrag arbeitet er konkrete Merkmale heraus, die den "ewigen oder Ur-Faschismus" auszeichnen, der immer wieder auftaucht. Dazu gehören:

  • Kult der Überlieferung und das Zusammenfügen von Ideen oder Philosophien zu einem neuen Weltbild

  • Ablehnung der Moderne

  • Kult der Aktion um der Aktion willen ohne vorheriges Nachdenken

  • keine Kritik annehmen

  • Angst vor dem Andersartigen

  • Appell an die frustrierten Mittelklassen

  • Obsession für Verschwörungen / Appell an die Fremdenfeindlichkeit

  • die Feinde gleichzeitig als zu schwach und zu stark anzusehen

  • Verachtung der Schwachen

  • Erziehung zum Heldentum

  • Machismo

  • Populismus

  • verarmte und einfache Sprache, um das kritische und komplexe Denken zu unterdrücken

Viele dieser Merkmale würden zum Beispiel auf die AfD - "Flügel" hin oder her - ­zutreffen; oder auch auf die Identitäre Bewegung. Daran ändert sich auch nichts, wenn Co-AfD-Chef Tino Chrupalla nach Hanau und der Hamburg-Wahl vorgibt, in seiner Partei nun über Rassismus sprechen zu wollen.

FDP, Hufeisen-Theorie, AfD

Auch wenn Eco es nur kurz andeutet: Die Werkzeuge, die den Weg in den Faschismus bereiten, sind die Verschiebung im Diskurs und Vermeidungsstrategien - beide greifen ineinander:

Im Gegensatz zu Italien, wo die Neonazis und Rechtsextremen wie die von Casa Pound ohne Scham sich selbst Faschisten nennen, scheint es in Deutschland auf den ersten Blick weniger offensichtlich zu sein. Aber hier verschiebt die ständige Gleichsetzung von linkem und rechtem Terror den Diskurs: Einige Politiker sprechen nach dem rechten Terrorakt in Hanau gleichzeitig über brennende Mülltonnen, linksextreme Gewalt und rechtsextremen Terror. Andere bemühten die Hufeisen-Theorie: Das ist "die Mitte", die verschleiert, sie will nicht genau benennen - eine Vermeidungsstrategie.

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Eco, Umberto

Der ewige Faschismus

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 80
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Die funktioniert vielleicht auch so gut, weil in Deutschland noch immer die Idee eines Faschismus verankert ist. Eco aber unterscheidet zwischen Totalitarismus, Nazismus und Faschismus. Für ihn gibt es zudem zwar nur den einen Nazismus, aber mehrere Spielarten des Faschismus. "Der Begriff konnte zu einer Sammelbezeichnung werden, weil ein faschistisches Regime auch dann noch als faschistisch erkennbar bleibt, wenn man ein oder mehrere Merkmale abzieht", schreibt Eco.

In seinem kurzen Vortrag arbeitet er sich an Italien und Deutschland ab, unterscheidet den Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus: Während der Nationalsozialismus in eine rassistische Theorie des Ariertums, also in eine Philosophie eingebettet war, war der italienische Faschismus, vor allem sein politischer Führer Benito Mussolini, frei von jeglicher Philosophie - er hatte keine Theorie, sondern nur eine Rhetorik, die nicht minder gefährlich war. Er war verschwommen - fuzzy, wie Eco schreibt.

Trauer nach dem Terrorakt in Hanau

Trauer nach dem Terrorakt in Hanau

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance/dpa

Gleichzeitig war der Faschismus in Italien die Strömung, die viele liberale Politiker in Europa davon überzeugte, dass dieses neue Regime eine "revolutionäre Alternative" zur kommunistischen Bedrohung sein könnte.

Hier lässt sich einiges von Ecos Gedanken auf heute übertragen - wenn zum Beispiel alles Kommunismus zu sein scheint, was sich eben nicht in der Mitte wiederfindet. In Italien werden selbst Politiker des Partito Democratico von der Rechten als Kommunisten beschimpft, obwohl sie nicht (neo-)liberaler sein könnten.

Ähnliches lässt sich auch in Deutschland betrachten - und zwar beim Thüringen-Debakel. Aus Angst vor einem vermeintlichen Kommunismus, den die Linke darstellen und der sich stellvertretend an der Person Bodo Ramelow manifestieren soll, wurde lieber dafür gesorgt, eine Person aus der "liberalen Mitte" zu wählen.

Umberto Ecos Appell

Was also tun, mit diesen Merkmalen, mit diesen Denkanstößen, die uns Eco hinwirft? "Es ist unsere Pflicht, ihn zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen - jeden Tag, überall in der Welt", schreibt Eco über den Faschismus.

Sein Appell ist einer, der in die Vergangenheit zurückblickt, um nicht zu vergessen, niemals. Der aber gleichzeitig immer auch in der Gegenwart verortet ist, der die Augen nicht verschließt vor neuen Formen des Faschismus, die sich hinterrücks einschleichen.

Bei allen unterschiedlichen Lesarten von Ecos Vortrag muss eins hängen bleiben, sich in den Kopf festsetzen: Der Faschismus ist kein ausschließlich in der Geschichte festgeschriebenes, abgeschlossenes Phänomen. Er wabert weiter unter uns.