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»Underground Railroad« von Colson Whitehead als Serie Der schwarze Gegenentwurf zu »Vom Winde verweht«

Episch und emotional: In »Underground Railroad« flieht eine Frau vor einem Sklavenjäger durch die Vereinigten Staaten. Starregisseur Barry Jenkins findet Worte und Bilder für das Unerzählbare.
aus DER SPIEGEL 19/2021
William Jackson Harper und Thuso Mbedu in »Underground Railroad«: »In Dir steckt eine Traurigkeit«

William Jackson Harper und Thuso Mbedu in »Underground Railroad«: »In Dir steckt eine Traurigkeit«

Foto:

Atsushi Nishijima / Amazon Studios

Eine Gruppe Menschen bewirtschaftet eine Farm, baut Wein an, treibt Handel. Auf den ersten Blick liegt Frieden über dieser Szene, die Mitte des 19. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Indiana spielt. Doch wenn Cora sich durch das Naturidyll bewegt, dann mit gebeugtem Rücken und Angst im Blick, als wappnete sie sich gegen eine unsichtbare Gefahr.

»In dir steckt eine Traurigkeit, und ich wünschte, ich würde ihre Wurzel kennen«, sagt Royal zu ihr, ein Mann, der sich in sie verliebt hat. Aber Cora, die von einer Baumwollplantage in Georgia geflüchtete ehemalige Sklavin, kann sich nicht öffnen. Zu groß ist der Horror, den sie erlebt hat; zu groß der Schmerz über den Verlust der Menschen, die sie auf diesem Weg begleitet haben.

Der Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton) ist Cora auf den Fersen – eine Figur wie Ahab aus »Moby Dick«

Der Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton) ist Cora auf den Fersen – eine Figur wie Ahab aus »Moby Dick«

Foto:

Amazon Studios

Cora ist die Hauptfigur aus »Underground Railroad«, Colson Whiteheads großem Roman über die Sklaverei in den USA. Der Regisseur Barry Jenkins hat ihn nun für den Streamingdienst Amazon Prime Video als neun Stunden langes Epos verfilmt. Stellenweise werden die dramaturgischen Mittel einer Serie bedient, im Grunde ist das Ganze aber eine Literaturverfilmung, die sich nicht um die üblichen Filmlängen schert. Ein künstlerisches Großereignis.

Jenkins ist seit seinem Oscar für »Moonlight« einer der bekanntesten schwarzen Regisseure der USA. In »Underground Railroad« findet er Worte und Bilder für das eigentlich Unerzählbare, zeigt sprachlos machende Gewalt. Er geht an die Wurzeln der Trauer und des Misstrauens, die bis heute das Verhältnis von schwarzer Minderheit und weißer Mehrheit in den USA bestimmen.

Die Geschichte von »Underground Railroad« spielt vor fast 200 Jahren, und doch schwingt das Wissen um den qualvollen Tod von George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten im vergangenen Jahr in vielen Szenen mit. Die historische Perspektive ist für Jenkins ein Vehikel, um der Welt zu erzählen, was es bedeutet, heute als schwarzer Mensch in den USA zu leben.

In einem Interview hat Jenkins davon gesprochen, dass er während des Drehs immer wieder in Tränen ausgebrochen sei und die Arbeit habe unterbrechen müssen. Auch für den Zuschauer wird »Underground Railroad« zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, gerade weil Jenkins nie absichtlich auf die Tränendrüse drückt. Aber die Figuren wirken wie schon in seinen früheren Werken besonders plastisch. Typisch auch für ihn: das beharrliche Beobachten der Figuren. Ganz nah bleibt seine Kamera an Cora und den anderen Charakteren; die Zeit dehnt sich, auf der Tonspur weht leise der Wind, es öffnet sich eine innere Welt.

Für viele Jahre wegweisend

Mit dieser Mischung aus epischem Bombast und intimem Kammerspiel folgt Jenkins Cora auf ihrer Flucht durch fünf US-Bundesstaaten. Ständig auf den Fersen ist ihr der manische Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton).

Wie schon im Buch wird dabei die Underground Railroad – historisch korrekt eigentlich ein Schleusernetzwerk, das Sklaven mittels geheimer Routen und Schutzhäuser zur Flucht verhalf – zu einer wirklichen Untergrundbahn.

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In South Carolina findet Cora eine Freiheit, die sich als goldener Käfig erweist, in North Carolina muss sie sich über Monate auf einem Dachboden verstecken, in Tennessee gerät sie erneut in Gefangenschaft. Cora, von der südafrikanischen Schauspielerin Thuso Mbedu mit großer Leidensfähigkeit gespielt, bleibt vor allem eines, egal wohin sie flüchtet: der Besitz eines anderen Menschen.

Größtenteils bleibt Jenkins nah an der Romanvorlage. Wenn er eigene Akzente setzt, dann auf überraschende Weise. Wie im Fall des Sklavenjägers Ridgeway, der bei Jenkins viel stärker als bei Whitehead an Kapitän Ahab aus »Moby Dick« erinnert: ein Getriebener, den sein blinder Hass immer weiter antreibt, bis er schließlich selbst davon verschlungen wird.

Nie waren das schwarze Kino und Fernsehen so stark wie in den vergangenen Jahren, nie gelang schwarzen Künstlern die Selbstverortung künstlerisch so unterschiedlich und überzeugend wie heute. Barry Jenkins hat mit seinem überraschenden Oscarerfolg vor vier Jahren maßgeblich dazu beigetragen, diese Welle loszutreten.

Mit »Underground Railroad« ist ihm nun etwas ganz Großes gelungen: der schwarze Gegenentwurf zum Filmklassiker »Vom Winde verweht«, der rassistische Klischees bedient. Er dürfte für viele Jahre wegweisend bleiben.

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