Elif Shafaks Istanbul-Roman Eine tote Prostituierte, eine Millionenstadt, ein zerrissenes Land

Warum musste sie so gewaltsam sterben? Das Schicksal einer Prostituierten wird in Elif Shafaks neuem Roman "Unerhörte Stimmen" zu einer Parabel auf die gespaltene türkische Gesellschaft.

Autorin Elif Shafak lebt seit zehn Jahren in London
Roberto Ricciuti/ Getty Images

Autorin Elif Shafak lebt seit zehn Jahren in London

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Zehn Minuten und 38 Sekunden, so lange arbeitet das Gehirn einer Studie zufolge nach dem Tod weiter. Genau diese Zeit hat Tequila Leila, um sich noch einmal an die wichtigsten Stationen ihres Lebens zu erinnern. Die Istanbuler Prostituierte wurde soeben ermordet und in einen Müllcontainer geworfen. Sich der Endgültigkeit ihrer Situation bewusst, hofft sie auf ein schönes Begräbnis und rekapituliert, wie ihr Leben so gewaltsam enden konnte.

Tequila Leila ist die Hauptfigur in Elif Shafaks neuem Roman "Unerhörte Stimmen". Episodenhaft erzählt die Autorin, wie das Kind streng religiöser Eltern aus dem ostanatolischen Van zu einer jungen Frau wird, die nach Istanbul flieht und dort schließlich in einem Bordell landet.

Leilas Geschichte tut weh. Sie ist geprägt von Unterdrückung, Gewalt und Missbrauch. Dennoch macht Shafak aus ihrer Figur kein Opfer. Leila ist viel mehr als das, was ihr geschehen ist. Sie ist eine hoffnungsvolle Kämpferin, die weder aufgibt noch die eigene Liebenswürdigkeit verliert. Möglich ist das vor allem, weil Shafak ihrer Hauptfigur fünf Freunde zur Seite stellt. Allesamt Figuren aus Istanbuls Halbwelt, von der Gesellschaft geächtet und nirgendwo zugehörig. Diese fünf, so hofft die tote Leila, werden sie finden und ihr Rosen ans Grab legen.

Preisabfragezeitpunkt:
12.06.2019, 10:21 Uhr
Ohne Gewähr

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Elif Shafak
Unerhörte Stimmen: Roman

Verlag:
Kein & Aber
Seiten:
432
Preis:
EUR 24,00

Das ist allerdings nicht so einfach, wie sich im zweiten Teil des Buches herausstellt. Denn einer türkischen Prostituierten, deren Familie sich nicht um die Beerdigung kümmern will, steht kein würdevolles Begräbnis zu. Also riskieren die Freunde alles, um sich gebührend von ihrer Leila verabschieden zu können.

Die Konflikte sind geblieben

In "Unerhörte Stimmen" macht Shafak einmal mehr die gesellschaftlichen Außenseiter zu den Helden ihres Romans. Die türkische Autorin setzt sich seit Jahren für Frauenrechte in ihrer Heimat ein. Auch in ihren Büchern widmet sie sich immer wieder dem Kampf der Frauen für mehr Selbstbestimmtheit und zeigt dabei die Bruchstellen der türkischen Gesellschaft auf.

Leilas Geschichte spielt lange vor dem Aufstieg des heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sie wird in den Sechzigerjahren geboren und stirbt Anfang der Neunziger. Die Konflikte, die Shafak beschreibt, haben dennoch nicht an Aktualität verloren. So zeigt die Autorin die Zerrissenheit zwischen Religion und Moderne auf, zwischen kleinasiatischem Wertekanon und westlichem Weltbild - und auf den Straßen Istanbuls liefern sich Nationalisten und Rechte blutige politische Kämpfe. All das ist eng verbunden mit dem Leben der Hauptfigur. Und all das spielt auch heute eine große Rolle.

Die Akteure haben sich geändert, die Konflikte sind geblieben. Und noch immer ist Istanbul das wirtschaftliche Zentrum des Landes - politisch umkämpft und ein Spiegelbild der kontrastreichen türkischen Gesellschaft: in Asien verwurzelt, auf dem Sprung nach Europa.

Shafak hat ihr Buch Monate vor den Kommunalwahlen im März vollendet. Dennoch klingt es fast wie eine Prophezeiung, wenn sie schreibt: "In Wahrheit gibt es kein Istanbul, sondern viele Istanbuls, die, immer in dem Wissen, dass am Ende nur eines überleben würde, miteinander stritten, konkurrierten und kollidierten."

Welches Istanbul gewinnt?

Derzeit tobt in der Metropole ein Machtkampf um das Bürgermeisteramt. Am 31. März holte sich die Opposition mit nur wenigen Stimmen vor Erdogans Partei den Sieg. Unter Druck annullierte die Wahlkommission jedoch das Ergebnis und setzte Neuwahlen an. Welches Istanbul dabei gewinnt, könnte die Zukunft der Türkei für die nächsten Jahre bestimmen.

Shafak selbst hat sich in jüngeren Interviews besorgt über die Situation geäußert. Sie gehört zu den prominentesten Kritikern Erdogans und reist aus Angst vor einer möglichen Festnahme nicht mehr in die Türkei. Sie lebt in London und kämpft von da aus für Demokratie - und gegen die Unterdrückung von Frauen.

Einen Beitrag dazu könnte sie nun mit ihrem Roman geleistet haben. Denn die Geschichte der Prostituierten Leila ist wahrhaftig. Problemlos kann man sich vorstellen, dass es überall auf der Welt Frauen gibt, deren echtes Leben dem fiktiven von Leila gleicht - allerdings werden ihre Geschichten nie gehört.

Mit ihrem Buch hat Shafak diesen ungehörten Frauen eine Stimme gegeben und sie zu Menschen gemacht, die mehr sind als Opfer oder Figuren am Rande der Gesellschaft.



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