Unterhaltungsroman Rentiergeweih aus Schaumstoff

Mit ihren witzigen und bewegenden Einwanderergeschichten aus der Ukraine und anderswo stieg Einwanderin Marina Lewycka zur Bestsellerautorin auf. Ihr aktueller Roman knüpft an die Erfolge an - aber das Katastrophenpuzzle wirkt stellenweise gewaltsam zusammengeklebt.

Getty Images

Wäre Georgie Sinclair eine Frau aus dem Leben, hätte sie genug damit zu tun, ihre explodierende Ehe zu überdenken, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihren halbwüchsigen Sohn einigermaßen in der Spur zu halten. Aber Georgie Sinclair ist eine Romangestalt, erfunden von der in Kiel geborenen und in England lebenden Schriftstellerin Marina Lewycka. Seit ihrem 2006 erschienenen Bestseller "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" zählt die Tochter ukrainischer Einwanderer zu den Großmeisterinnen gehobener Unterhaltung, weshalb die Heldin ihres neuen Romans in ein wild konstruiertes Katastrophenpuzzle tappen muss.

Georgie, eigentlich Georgina, lernt Mrs. Shapiro, eine alte Jüdin kennen, die mit vier Katzen in einer Geistervilla vegetiert. Die kauzige alte Dame wird krank, Spekulanten und Sozialhelfer zocken um ihr Haus und ihre Selbstbestimmung. Im Seniorenheim lauern raffgierige Ärzte und herzlose Pfleger, die smarten Immobilienmakler entpuppen sich als Sado-Maso-Softies, respektive Heiratsschwindler.

Klebstoff-Experte, Armageddon-Panik und Zeugen Jehovas

Die Handwerker, die das Haus retten sollen, sind keine Pakistani, sondern Palästinenser, was mit der tragischen Biografie der Hausbewohnerin kollidiert. Georgies Ex vögelt die Frau seines Freundes, Sohn Ben virtualisiert sich zwischen Jesus und dem Antichrist in eine Armageddon-Panik, die sein Leben bedroht. Georgies Arbeitgeber, ein attraktiver Klebstoff-Experte, ist leider schwul, die Katzen "Wonderboy" und "Stinkerle" kriegen es mit einem "Phantomscheißer" zu tun. Und irgendwo zwischen Georgies Heimatstadt Kippax/West-Yorkshire und dem antiken Lydda müssen ja auch noch Auschwitz, die Zeugen Jehovas, der Nahostkonflikt und ein Buch im Buch mit dem Titel "Das verspritzte Herz" untergebracht werden.

Lewyckas Leser lieben offensichtlich diese Welt, in der Ehebrecherinnen Ottoline heißen und Verführer wie Mark Diabello mit "dunkel schwelenden Augen direkt in meine Seele - oder direkt in mein Höschen" blicken, denn der Roman "Das Leben kleben" hat es wieder auf die Bestsellerliste geschafft. Wie schon in ihrem Traktor-Debüt gelingt es der Autorin, Einwandererschicksale, aberwitzige Sozialkonflikte, Krimielemente und Frauentrash in den ganz normalen Alltagswahnsinn einbrechen zu lassen. Doch wirken die Einzelteile der Epoxidharzhärter-Kolportage diesmal arg gewaltsam zusammen geklebt.

Wunderbar komisch und anrührend schreibt Lewycka, wenn sie sich aus ihrem apokalyptischen Schreiblabor an Weihnachten heim zu Mama und Papa begibt, sie trägt beim Kochen ihr Rentiergeweih aus Schaumstoff, er seine neuen Nikolaushausschuhe. "Die Lichter am Weihnachtsbaum blinkten im Wettstreit mit dem stumm geschalteten Fernseher in der Ecke, wo sich die Sängerknaben vom King's College lautlos die Seele aus dem Leib schmetterten. Zur Truthahnbrust aus dem Kühlregal rührte der Vater eine Instant-Bratensoße. 'Ich wette, du hättest nicht gedacht, dass ich mich noch mal in einen neuen Mann verwandele, Jean', sagte er zu meiner Mutter. 'Nein, wirklich nicht', sagte meine Mutter. 'Wo sind die neuen Teile?'"


Buch Marina Lewycka: "Das Leben kleben". (Nähere Angaben siehe oben links.)



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frodophoenix 17.05.2010
1. ah
gern geschehen ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.