US-Autor J.T. LeRoy Auf der Jagd nach Rumpelstilzchen

Wer ist J.T. LeRoy? Ein ehemaliger Stricher, der sich mit hoch gelobten Texten selber therapiert? Oder eine literarische Phantasiefigur, mit der eine Künstlerin Verleger, Stars und Medien narrt? Amerikas Zeitungen suchen eine Antwort - und stiften noch mehr Verwirrung.

Die literarische Welt liebt Verwirrspiele, und Amerika hat in dieser Hinsicht ein besonderes Talent. Thomas Pynchon zum Beispiel, Autor von postmodernen Großromanen wie "Die Enden der Parabel" und "V", schrieb ein epochales Werk nach dem anderen - wo er lebte und wie er aussah, wusste bis Ende der neunziger Jahre jedoch nicht einmal sein Verleger. Oder J. D. Salinger, Verfasser des Kultbuchs "Der Fänger im Roggen": Der Schriftsteller verschwand Mitte der Sechziger von der Bildfläche; zwischenzeitig wurde spekuliert, ob er unter anderem Namen schreibe oder überhaupt noch am Leben sei.

J.T. Leroy  steht seinen berühmten Kollegen in nichts nach - im Gegenteil: Der Jungautor verwirrt Publikum, Kritiker und Leser wie kein anderer Star des Literaturbetriebs. Dabei schien lange Zeit alles ganz einfach: LeRoy galt als ehemaliger Stricher, den seine Mutter, eine Truckstop-Hure aus West Virginia, im Alter von zwölf Jahren sitzen gelassen hatte. LeRoy schlug sich alleine durch, nahm Drogen und wurde, dem Tode nah, von einer Sozialarbeiterin aufgegriffen. Er machte eine Therapie und begann zu schreiben. Sein Debüt, der im Jahr 2000 erschienene Roman "Sarah", wurde zur literarischen Sensation.

Sensationell ist auch der Verdacht, den US-Autor Stephen Beachy in einem großen Artikel  geäußert hat: LeRoy könnte eine Erfindung sein. Für die gerade durch den Judith-Miller-Skandal gebeutelte "New York Times" wäre dies eine weitere Schlappe, zumal das Blatt erst letztes Jahr ein längeres Porträt von LeRoy druckte. Darin wird der Schriftsteller als niedliches und zugleich lebenskluges Opfer misslicher Verhältnisse dargestellt, mit einer "mädchenhaften Stimme, die kindliche Juchzer immer dann unterbrechen, wenn ihm etwas gefällt".

Multiple Autoren-Persönlichkeit

Beachy, selbst Schriftsteller, vertritt im "New York Magazine" jedoch die Ansicht, dass LeRoy von einer anderen Person lediglich dargestellt wird. Beachys Nachforschungen zufolge gibt es keinen einzigen stichhaltigen Beweis, dass jemand namens Jeremy LeRoy - das T steht angeblich für "Terminator" - tatsächlich existiert. Auch die immer wieder kolportierte Lebensgeschichte, nach der LeRoy der Sohn einer Prostituierten und eines religiösen Schriftstellers ist, sei nicht beweisbar.

Beachy vermutet, eine Frau namens Laura Albert stehe hinter dem raffiniert inszenierten Schwindel. Albert, die auch unter den Namen Emily Frasier oder Speedie firmiert, gehört mit ihrem Mann, dem Gitarristen Geoffrey Knoop, zu der Rockband Thistle, in der auch LeRoy spielt. Der Legende nach soll Albert als Emily Frasier den damals verzweifelten LeRoy von der Straße geholt und bei sich aufgenommen haben.

Mitte Oktober heizte die "Washington Post"  die Debatte mit weiteren Spekulationen an. Man habe einen Anruf von einer Person erhalten, die wahrscheinlich LeRoy sei und die Beachy als eifersüchtigen Autor bezeichnete, der seinem Konkurrenten den Erfolg neide. Tatsächlich hatten Beachy und LeRoy denselben Agenten, der Beachy vor geraumer Zeit fallen ließ. Gefragt, ob er Laura Albert sei, habe der Anrufer geantwortet, er habe das Recht, sein Geschlecht frei zu wählen. "Von jetzt an, wenn sie mich fragen , ob ich Laura Albert bin, werde ich sagen, vielleicht."

Who is Who?

Wer also ist die Person, die regelmäßig bei New Yorker Medienevents auftaucht, Brieffreundschaften mit Madonna, Liv Tyler und Wynona Ryder unterhält und im Auftrag des "New York Times"-Reisemagazins im September für eine Reportage nach Paris flog? Sollte der stets mit Perücke und Sonnenbrille bewehrte LeRoy womöglich gar nicht existieren oder sich wie Andy Warhol in der Öffentlichkeit von anderen darstellen lassen, wäre das nicht nur für die "New York Times" eine Blamage. LeRoys Agent zum Beispiel will mit seinem Schützling letztes Jahr nach Cannes gereist sein; Beachys Verdacht tat er als Verdächtigungen eines "nur wenig gedruckten Autors" ab, "der dieselbe Zielgruppe im Auge hat".

Die Zielgruppe, das sind in LeRoys Fall nicht selten Jugendliche, die sich mit dem drastischen Schicksal des Autors identifizieren. Für viele ähnlich Misshandelte ist LeRoy ein Idol; sollte seine Vita eine Inszenierung sein, wäre das für sie ein Schlag ins Gesicht. Doch bislang ist die Identität dieser schillernden Figur nicht aufgeklärt, und die amerikanischen Medien arbeiten munter an einer weiteren Verwirrung.

So macht sich "Washington Post"-Autor David Segal zwar über die Gutgläubigkeit der "New York Times" lustig, berichtet selber aber stolz von einem Telefonat, dass er mit LeRoy geführt hat. Von der Skepsis gegenüber LeRoys Werdegang ist da nicht mehr viel zu merken. Geschmeichelt von der Herzlichkeit des Autors, der einen Essay Segals für einen Sammelband auswählte, lobt der Journalist das literarische Rumpelstilzchen als jemanden, der "berühmt und verletzlich, traurig und großartig zugleich" sei. "Er schien jemand zu sein, dem man lieben könnte" - und weiterhin vermarkten als großes Medienrätsel zwischen Boulveard und Feuilleton.

Daniel Haas

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