US-Autor James Salter "Man muss uns abknallen, damit wir Ruhe geben"

Streitbar, agil und schonungslos ehrlich: So päsentierte sich der gefeierte US-Autor James Salter bei seiner Lesereise durch Deutschland und die Schweiz. Der 80-jährige Schriftsteller hat allen Grund, selbstbewusst zu sein: Seine neuen Erzählungen sind exzellent.

"Da drüben!", sagt James Salter und weist auf die beiden letzten freien Clubsessel am Rande der weitläufigen Lounge des Basler Swisshotels. Dann geht er entschlossen los, mit federndem Schritt und keineswegs wie einer, dem 80 Jahre in den Knochen stecken.

Zwar hat sein verwittertes, von tiefen Falten gezeichnetes Gesicht mittlerweile etwas vom spröden Charme eines in die Jahre gekommenen Mittelgewichtsboxers - dennoch wirkt der breitschultrige Alte mit dem schlohweißen Haar und der hohen Stirn erstaunlich dynamisch. "Schriftsteller gehen nicht freiwillig in Pension", scherzt er, während er Platz nimmt und der Bedienung ein Zeichen gibt. "Die muss man schon ausrangieren und abknallen, damit sie endlich Ruhe geben."

Vom Piloten zum Romancier

James Salter gehört zur Generation von Saul Bellow und Arthur Miller, kam allerdings später zur Literatur als seine legendären Kollegen. Jahrelang führte er das gefährliche Leben eines Bomber-Piloten der US Air Force, flog Einsätze in den USA und Europa, im Pazifik und zuletzt in Korea - bis er 1957 unter dem Pseudonym Salter zu publizieren begann, spannend geschriebene Romane, die von seinen Erfahrungen als Pilot erzählen.

Seine ersten beiden ersten Werke, "The Hunters" und "The Arm of Flesh", erhielten gute Kritiken; ihre Verkaufszahlen aber tendierten lange gegen Null. Bis 1978 sein Buch "Lichtjahre" erschien - und ihm höchstes Lob der amerikanischen Schriftsteller-Elite eintrug. "Satz für Satz ein Meister" schwärmte Richard Ford, Tobias Wolff lobte ihn als "einen der größten lebenden Autoren". Susan Sonntag pries seine Bücher als "intensives ästhetisches Vergnügen".

"Die übertreiben alle", wiegelt der im Juni 1925 als James Horowitz in Washington, D.C geborene Salter ab. "Es tut gut, wenn man erfolgreich ist. Doch blenden lassen sollte man sich davon nicht. Schon gar nicht, von dem was Schriftsteller über einen sagen. Alles Lügner, glauben Sie denen kein Wort."

Umweg über Europa

Kürzlich ist seine zweite Storysammlung "Letzte Nacht" im Berlin-Verlag erschienen, die Salter unter anderem auf vier Lesungen in Deutschland präsentierte. Während andere Autoren seines Alters den Tourstress konsequent meiden, ist der Mann, der seit geraumer Zeit zwischen seinen Wohnsitzen in Aspen und Long Island pendelt, ruhelos auf Achse. "Klar müsste ich mir in meinem Alter solche Reisen nicht mehr antun", murmelt er trocken, "doch was macht man nicht alles, um seine Botschaft in die Welt hinaus zu tragen."

Lange galt Salter, der in West Point studierte, 1945 in die Air Force eintrat und sein Geld später vor allem als Drehbuchautor verdiente, als "Writers Writer", als Autor, der vor allem von Autoren geschätzt wird. "Ein zweifelhafter Ruhm", wie Salter heute selbst sagt. "Denn was kann man sich für das Schulterklopfen eines Richard Ford schon kaufen?"

So nahmen seine Geschichten, ähnlich wie die seines Landsmannes Paul Auster, den Umweg über Europa, um ihre heimischen Leser zu erreichen. "Lichtjahre" verkaufte sich in den USA nur mäßig; hierzulande gingen allein 1998, dem Erscheinungsjahr der deutschen Übertragung, 30.000 Exemplare über den Ladentisch. Rasch folgten weitere Übersetzungen früherer Romane, die seinen Ruf als einen der führenden Prosaschriftsteller Amerikas festigten.

Das Entscheidende verschweigen

Insbesondere in seinen Romanen erweist sich Salter als sprachmächtiger Erzähler, der auch vor opulenter Rhetorik nicht zurückscheut, um seine Leser zu rühren. Seine wahre Stärke zeigt sich jedoch in der kleinen, an Tschechow und Maupassant geschulten Form. "Ich mag die strenge, unveränderliche Gesetzmäßigkeit der Kurzgeschichte", sagt Salter, der 1991 für eine seiner Storys den renommierten PEN/Faulkner-Award erhielt. "Denn eine Story schreiben heißt vor allem weglassen, Ballast abwerfen. Bis unter dem Überflüssigen das Wesentliche sichtbar wird".

Anschaulich demonstrieren dies auch seine zehn neuen Geschichten: Stories voller Melancholie und unterschwelliger Bedrohung, in deren Verlauf eine Geste, ein falsches Wort oder auch nur ein indiskreter Blick genügen, um ganze Lebensentwürfe zum Einsturz zu bringen.

"In einer Short Story zählt jedes Wort", erklärt Salter. "Und man sollte sich hüten, die entscheidenden Dinge auszusprechen. Wer unfähig zur Diskretion ist, der sollte lieber Romane schreiben." So erweist sich der Amerikaner nicht nur als souveräner Stilist, sondern auch als mitleidlos genauer Beobachter, der seine Figuren geschickt ins Verderben manövriert.

Konsequenz und Lakonie

Bestes Beispiel: Walter Such, Protagonist der Titelgeschichte "Letzte Nacht", der zunächst scheinbar mit Erfolg an der Schicksalsschraube dreht. Such glaubt, sich seiner krebskranken Frau Marit mit einer Todesspritze entledigt zu haben und sinkt in die Arme seiner jungen Geliebten Susanne. Die Zeit der Trübsal und der Heimlichkeit scheint überstanden. Doch Salter ist ein erbarmungsloser Erzähler und dreht die Laufrichtung seiner Geschichte am Ende um. Es folgt eine böse Pointe - und ein Schlusssatz, der Salter in eine Reihe mit den großen lakonischen Meistern wie Hemingway und Raymond Carver stellt: "Was immer zwei Menschen zusammenhält, war verschwunden. Es war, wie es war."

Salter lesen heißt, seinen Figuren dabei zuzusehen, wie sie entscheidende Fehler begehen - und dafür büßen müssen. Dieser Logik des Scheiterns folgen die zehn Erzählungen mit grausamer Konsequenz.

"Ich versuche nur, die Wahrheit zu schreiben", sagt Salter am Ende des Gesprächs, lächelt und steht auf. "Man nimmt etwas Wahres aus einem Leben und erzählt es ein Stückchen weiter. Mehr steckt gar nicht dahinter."


James Salter: "Letzte Nacht"
Erzählungen. Deutsch von Malte Friedrich. Berlin Verlag, 2005. 150 Seiten, 18 Euro

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