Vampir-Roman "Der Übergang" Der Virus-Stuss

Die Blutsauger haben sich festgebissen in den Bestsellerlisten. Jetzt kommt der nächste große Vampir-Hype: Justin Cronins Roman "Der Übergang". Doch das bereits für Millionensummen an Hollywood verkaufte Buch ist eine Mogelpackung: Statt einer komplexen Geschichte gibt es blutleere Effekte.

Concorde

Von Ulrich Baron


Seit immer mehr Menschen ihr Herz für Untote entdecken, droht Abstumpfung. Konventionelle Vampire mögen dem Keuschheitskitsch einer Stephenie Meyer noch Biss verleihen, doch ihr Schreckpotential liegt irgendwo zwischen Prinzessin Lillifee und einem alten Harry-Potter-Hut. Will man sie nicht zum Teenagerschwarm versüßlichen, zum kleinen Vampir infantilisieren oder in splatterhafte Blutpanscherei verfallen, muss man die Blutsauger neu erfinden.

In Justin Cronins Roman "Der Übergang" (Original: "The Passage") bestreitet ein Mann, dass die Killer, die ihn umbringen werden, überhaupt Vampire seien. Die kämen nur in "erfundenen Geschichten vor, nett aussehende Männer in Anzügen und Capes und mit guten Manieren, aber das hier ist die Wirklichkeit". Doch wenn die "Jumps", "Flyers" und "Virals" genannten Menschenjäger keine Vampire sind, was sind sie dann?

Dass die neue Schlürferspezies selbst ihren größten Vorbildern keine Achtung zollt, beweist sie beim Überfall auf ein Army-Camp. Gezeigt wird dort gerade Carl Laemmles Film "Dracula" von 1931. Die Soldaten werden den Schluss des Horrorklassikers nicht mehr miterleben - ein deutlicher Hinweis, dass der romantische Nackenbeißer ausgespielt hat.

Viren aus dem Regenwald

Vorbei die Zeiten also, als Bram Stokers "Dracula" literarisch ernstzunehmenden Schrecken verbreiten konnte. Als das Werk 1897 erschien, erschien selbst die Wissenschaft magisch: Magnetismus und Elektrizität, unsichtbare Wellen und Röntgenstrahlen, Hypnose und Scheintod-Erfahrungen ließen es möglich erscheinen, durch eine Blutmahlzeit Lebensenergie zu übertragen.

Heute aber zählen Blutkonserven ebenso zum Alltag wie das Wissen, dass der Zerfall toten Gewebes sich nicht umkehren lässt. Der 1963 geborene Harvard-Absolvent und Englischprofessor Cronin hat deshalb den Wert der Artenvielfalt erkannt und schöpft aus dem Genpool des Regenwaldes. Dort gibt es nicht nur Blut leckende Fledermäuse, sondern viele Virenstämme, von denen einer im Roman eine Art Langlebigkeitsgen verbreitet.

Eine Expedition in den Urwald geht schief, der Virus wird in die USA importiert - und es folgen die obligaten Menschenversuche. Die meisten Testpersonen verwandeln sich in langzahnige, klauenbewehrte Bestien, die einen Großteil der Menschheit infizieren beziehungsweise zerfleischen. Der kleine humane Restbestand wird belauert und noch 90 Jahre nach der Katastrophe als Beute angesehen. Nur der Romanheldin Amy, die als Sechsjährige zur Testgruppe gezählt hatte, vermögen weder Viren noch Virals etwas anzuhaben. Als ewig junge Hoffnungsträgerin strebt sie einem unbekannten Ziel zu.

Den Hauptteil dieses Endzeitpotpourris bestreiten die Nachkommen einer Art Kinderlandverschickung, die den Virals hinter einem Schutzwall aus Mauern und Flutlicht trotzen. Doch die Akkus der "Ersten Kolonie" werden den Strom der Windkraftanlagen nicht mehr lange speichern können. Als die noch immer kindliche, telepathisch begabte, aber nicht vampireske Amy dort auftaucht, kommt es zu Konflikten. Eine kleine Gruppe bricht mit ihr zu einem "weiten Ritt" auf, der bis nach Colorado führen soll - an die Quelle der Katastrophe und an den Kulminationspunkt des ersten Bandes.

Wie es in den beiden bereits angekündigten Folgebänden geschieht, weiß man noch nicht, aber da bereits in "Der Übergang" Akten aus dem Jahre 1003 nach den Befall zitiert werden, dürfte es noch lange so weitergehen. Breit und flach schleppt sich die Handlung bald dahin, weil Cronins Figuren diesen Vampirwestern nicht mit Leben füllen können. Perspektivwechsel, Zeitsprünge, eingestreute E-Mails, Tagebucheinträge und Dokumente erzeugen Brüche, doch keine Komplexität.

Infantile Regressionsphantasie

Wenn der US-Autor an einer Stelle Zombies als Metapher für den "langen, planlosen Marsch des mittleren Alters" versteht, wofür stehen dann seine Virals? In der Kolonie liegt ein Kinderhort, dessen Insassen bis zum achten Lebensjahr von der Außenwelt und dem Wissen um ihre Bedrohtheit abgeschirmt werden. Amy wurde zu Beginn von ihrem Entführer mit Karussellfahrten und Kakao traktiert. Die greise Tante, die die Welt vorher noch erlebt hat, wird nicht müde, von ihrer glücklichen Kindheit zu berichten. So erscheint dieses Buch als ebenso gewaltbereite wie infantile Regressionsphantasie, als Flucht vor peinigenden Gedanken an eine bedrohliche Wirklichkeit, die sich als Monster verkörpern. Eine Flucht in den Kitsch, die auch vor rührseligen Mutter-Kind-Szenen nicht zurückschreckt.

Selbst das Militär, das alles verbockt hat, erscheint als große Mutter, die ihre Jungs mit Nahrung, sauberer Kleidung und all jenem Knallkram versorgt, ohne den manche Leute sich keinen gelungenen Tag vorstellen können. In ungewollter Ironie lässt Cronin einen General sagen, die Vereinigten Staaten seien der Babysitter der Welt gewesen. In seinem Roman hätten sie selber einen nötig.

Der Autor hat vermutlich ausgesorgt. Rund 3,75 Millionen US-Dollar soll er für die Buch- und weitere 1,75 Millionen für die Filmrechte an der geplanten Trilogie kassieren. Während John Logan, der schon das Drehbuch für "Gladiator" geschrieben hat, an der Kinoversion arbeitet, habe er sich ein Klavier und seiner Tochter ein Pferd gekauft, erklärte der neue Bestseller-Star.

Den größten Coup hat er freilich verschlafen. Hätte er seine Virenträger neben Menschen auch Tiere anstecken lassen, so wäre Amerikas Spielwarenindustrie überglücklich und die Menschheit bald um Millionen fieser Viralmäuse, -hasen und -enten reicher. Aber wir haben ja noch zwei Teile vor uns.



insgesamt 10 Beiträge
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Jilocasin 17.08.2010
1. ohne titel
"Dracula" mit Bela Lugosi von 1991? Ich glaube nicht, Tim!
Wuschelkopp 17.08.2010
2. nö
empfehlenswert finde ich zumindest die ersten Teile von Hohlbeins Vampir-Epen, habe leider keinen Titel mehr parat (habe die Bände damals ausgeliehen bekommen). Interessanter Aspekt dabei: Vampir = Dämon im Menschen, d.h. es geht nicht um Biss = Vampir, sondern um den Kampf zwischen Menschlichkeit & animalischer Urkraft. Insgesamt gehobene Holbeinsche Durchschnittskost, liest sich recht flott...
Newspeak, 17.08.2010
3. ...
Das Interessante an den ganzen "Viren-machen-Menschen-zu-blutrünstigen-Zombies" Geschichten ist für mich immer der latente Grusel, daß es in der Realität tatsächlich seltsame Krankheiten gibt...an die denkt aber selten jemand...es ist doch im Grunde faszinierend, daß das Tollwut-Virus es durch Evolution geschafft hat, sich so effektiv zu verbreiten. Weil die Verbreitung über Speichel erfolgt, muß man den Wirt dazu bringen, jemand anderen anzufallen und möglichst zu beißen. Deshalb steigert das Virus in vielen Fällen die Aggresivität des Wirtes, es verhindert ferner, daß der infektiöse Speichel geschluckt wird (Hydrophobie) und führt bei Tieren dazu, daß sie umherwandern und ihre Scheu verlieren. Alles nur, um seine Vermehrungsstrategie zu optimieren. Und bei der Hälfte der Mechanismen hat keiner eine blasse Ahnung, wie sie auf molekularer Ebene funktionieren. Oder man nehme das Lesch-Nyhan Syndrom mit seiner Neigung die Betroffenen autoaggresiv zu machen. Also ich würde sagen, Viren, die in Gehirnprozesse eingreifen, die Stimmung und das Verhalten eines Menschen ändern können, insbesondere seine Aggressivität steigern, gibt es längst, und zwar ganz ohne Vampirgedöns.
Fraglich 17.08.2010
4. Meine Güte ....
... ist dieses Vampirzeug doch spannend ...
doublebass 18.08.2010
5. titel
Zitat von sysopDie Blutsauger haben sich festgebissen in den Bestsellerlisten. Jetzt kommt der nächste große Vampir-Hype: Justin Cronins Roman "Der Übergang". Doch das bereits für Millionensummen an Hollywood verkaufte Buch ist eine Mogelpackung: Statt einer komplexen Geschichte gibt es blutleere Effekte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,712078,00.html
ganz interessant in richtung vampire sind die bücher aus der sookie stackhouse reihe. japaner erfinden künstliches blut und die vampire haben es nicht mehr nötig auf menschliches blut zurückzugreifen. sie "outen" sich und fordern die gleichen bürgerlichen-; menschenrechte ein. das ganze spielt dann noch im sogenannten biblebealt in den südstaaten der usa. ganz amüsant und der bezug auf andere minderheiten ist unübersehbar.
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