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05. April 2019, 20:56 Uhr

Literatur aus der Psychiatrie

Man holt sich beim Lesen blaue Flecken

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Eva Gruber kommt in die Psychiatrie, soll eine Kindergartengruppe erschossen haben. Kann das sein? "Vater Unser", das Romandebüt der Österreicherin Angela Lehner, spielt mit unserer Sicht der Dinge.

Es ist ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Glänzend pink, rot verschwimmt sein Titel einem vor dem Augen. Kann man glauben, was man sieht? Glauben, was man liest? In drei Akten wird erzählt: Der Vater. Der Sohn. Der Heilige Geist.

"Vater Unser" heißt das Debüt der in Berlin und Wien lebenden, österreichischen Schriftstellerin Angela Lehner. Es erzählt den Irrweg einer Familie durch die Augen der Tochter. Gleich zu Beginn wird diese in ein psychiatrisches Krankenhaus, das Otto-Wagner-Spital in Wien, eingewiesen. Es heißt, weil sie, Eva Gruber, eine komplette Kindergartengruppe erschossen habe.

Dann sitzt Eva Gruber in einem abgeschlossenen Behandlungszimmer und redet mit ihrem Arzt, als würden sie beide Kapuzenpullover tragend in einer Dönerbude sitzen und Rap hören. Korb nennt sie ihn, den Doktor Korb. Ich kann alles erzählen, fragt Eva ihn. Alles und nichts, antwortet ihr der Arzt. Und Eva entgegnet: "Dann sag ich doch mal nix zum Ficken."

Schlagfertig ist die Gruber. Und so raubeinig, dass man sich beim Lesen blaue Flecken zuzieht. Man stößt sich an ihr, dann lacht man auf. Aber nur kurz. Kann das sein, fragt man sich immer wieder. Kann das sein, dass ein Arzt genauso unverschämt ist, wie seine Patientin. Denn die Tatsache, dass Eva und ihr Bruder Bernhard, vom Vater vergewaltigt wurden, kommentiert Korb nur damit, dass er ja ein sehr potenter Mann sei, der Vater.

Gesund sind die, die Regeln machen

Und so erzählt "Vater Unser" das, was die meisten Geschichten aus psychiatrischen Einrichtungen erzählen: Es sind nicht die Verrückten, die verrückt sind, sondern doch vielmehr die, die draußen mühelos mitspielen. In vielen kleinen Bildern wird das erzählt.

Etwa wenn der Nachtpfleger von Eva Gruber eine Erklärung erwartet, warum sie das Polster durch ihr Zimmer geschmissen hat, und sie entgegnet, dass sie eben Lust darauf hatte. Sei das etwa verboten? Allerdings, sagt der Nachtpfleger, man kann nicht einfach ein Polster durch die Gegend werfen. Aber die Bettdecke, fragt die Gruber. Die auch nicht. Gesund ist ein sehr enges Feld. Kaum wirft man mal ein Polster, wird man nicht mehr dazu gerechnet.

Gesund sind die, die Regeln machen. Die Lehrer, die Eva Gruber im Unterricht schlugen, weil sie das Vater Unser nicht auswendig konnte, oder eben so viel Angst hatte, es nicht zu können, dass sie vergaß, dass sie es doch längst auswendig konnte. Ihr Vater hatte einen Altar in seinem Zimmer, einen Rosenkranz und ein gerahmtes Bild des rechtspopulistischen Lokalmatadors Jörg Haider. Ja, ach was, ist vielleicht ein ganzes Land, Österreich, mitunter alles andere als heile und gesund?

Familie ist ein Basar

Die Sprache von "Vater Unser" ist auf die angenehmste Art und Weise immer wieder mit Österreichischen Einsprengsel durchzogen. "Speiberanten", "Tschick" und "Stiegenhaus" lesen sich immer wunderbar. Ansonsten ist Lehners Sprache eine schnörkellose. Die Geschichte ist ihr Vexierspiel. Man nimmt eine Fährte auf, und muss sie schnell wieder verlassen.

Eva Gruber - in der Schule hieß es immer sie lüge viel - führt den Leser scheinbar aufs Glatteis. So hat sie zum Beispiel keine Kindergartengruppe erschossen. Sie hat das nur erzählt, um in das gleiche Krankenhaus eingewiesen zu werden, in dem auch ihr magersüchtiger Bruder Patient ist. Sie will ihm nah sein, ihn retten, weil sie ihn liebt. Der Bruder aber fühlt sich nicht geliebt, sondern bedroht durch die Nähe der Schwester. Er will keinen Kontakt zu ihr.

Familie - sie ist ein Basar, auf dem Schuld gegen Handlungen und Handlungen gegen Schuld getauscht werden. Es wird gefordert, geopfert und gekämpft - um Aufmerksamkeit. Denn Familie, verdammt, sie definiert wer man war, nun ist, und wer man sei können wird. Und doch glaubt Eva Gruber, sie nicht zu brauchen. Im Gegenteil: "Ich habe die Familie nicht zum Leben gebraucht, ich brauche sie nicht zum Töten."

Auch klar ist: Blut ist ein ganz besonderer Saft. Und Eva Gruber ein ganz besonderer Mensch. Sie will nur das Beste. Wie für das Meerschweinchen, das in ihren Händen starb, damals, als sie Kind war, und es, um es zu erwecken, immer wieder auf den Boden warf. Was die anderen Kinder aber nur sahen war, dass Eva Gruber ein Meerschwein auf den Boden warf. Und eben, dass es dann tot war.

Dass die eigene Perspektive immer nur die eigene ist, ist ein Unglück. Als Leser kann man sich nur schwer von Eva Grubers Perspektive lösen - und das ist das Glück dieses Debüts. Man kann das 288- seitige "Vater Unser" allerdings schnell auch ein zweites Mal lesen. Beim zweiten Mal wäre es - und das schaffen nicht viele Bücher - womöglich ein anderes. Dass es dem Leser aber die Laune hebt, das kann nicht versprochen werden.

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