Vegetarier-Gipfel in Berlin Austausch der Anständigen

Von Verbraucherzorn keine Spur: In Berlin trafen Karen Duve und Jonathan Safran Foer aufeinander. Der Andrang war enorm. Doch die beiden Verfasser von Vegetarismus-Bestsellern waren viel zu sehr einer Meinung, als dass eine Debatte hätte aufkommen können.

Von Meredith Haaf


Im Berliner Ostbahnhof gibt es eine große Menge unterschiedlicher Fressbuden, die das liefern, was man braucht, wenn man die Nacht in einem der nahe gelegenen Clubs durchgetanzt oder -getrunken hat: warmes, salziges, fettiges Fleisch. Als Burger, vom Dönerspieß, auf der Pizza. Das findet man gut, wenn man aus der Maria oder dem Berghain zur S-Bahn wankt. Kommt man aber aus einer Lesung, bei der die beiden wichtigsten Anti-Fleisch-Bestseller der letzten zwölf Monate vorgestellt wurden, so wie das am Donnerstagabend Hunderte junge Berliner taten, ist der Effekt ein anderer: Irritiert blickte man auf die Schlange der McDonald's-Kunden, fassungslos starrte man dem Pärchen hinterher, das mit Dönern in der Tüte Richtung Spree eilte. Haben diese Menschen denn keine Moral?

Was würden Jonathan Safran Foer und Karen Duve jetzt tun? Die Antwort: Nichts. So gesittet und wenig radikal ging es wohl selten auf einer Vegetarismus-Veranstaltung zu. Von Wutbürgertum und Verbraucherzorn keine Spur, hier kochen keine Emotionen hoch, nur eine kleine Amerikanerin stürmt am Ende der Veranstaltung im wehenden Gewand auf die Bühne, um Jonathan Safran Foer zu erklären, wie sehr sie ihn liebt und ihn, "im Namen aller, die heute hier sind", zu umarmen.

Anlass der Veranstaltung im Fritzclub im Postbahnhof ist Duves neues Buch "Anständig essen", ein Selbstversuch, in dem die Schriftstellerin ihren Weg von der Wirklichallesesserin zur aufgeklärten Veganerin darstellt. Safran Foer präsentiert seinen Bestseller "Tiere essen."

Murren im Publikum

Der Andrang ist enorm, der Saal gleich doppelt ausverkauft - in einem Nebenraum verfolgen Hunderte die Lesung auf einer Videoleinwand. "Dass sich so viele Menschen durch die Kälte schleppen, um uns per Video zuzusehen, wie wir über Fleisch reden, das übersteigt die Vorstellungskraft", schwärmt Jonathan Safran Foer. Entweder er kokettiert, oder er unterschätzt, wie perfekt es in die Zeit passt, dass der Lieblingsautor von Millionen Bildungsbürgerkindern ein Buch geschrieben hat, in dem er die Ernährungsindustrie anprangert. Wer sich heute aufgeklärt geben will, redet übers Essen. Dazu gehört auch, dass man immer mal wieder mit dem Gedanken spielt, auf Fleisch zu verzichten.

Das Publikum ist größtenteils jung und ziemlich gediegen. Es fängt schnell an, zu murren, wenn eine Zuschauerfrage zu lange dauert. Es ist nicht hier, um zu diskutieren, sondern, um sich etwas erzählen zu lassen. Gut, dass Duve und Safran Foer sich gar nicht erst streiten wollen - dazu sind sie viel zu sehr einer Meinung: "Das System ist kaputt", sagt Foer. "Man will sich ja nicht bevormunden lassen", meint Duve. Keiner von beiden möchte irgendwen bekehren. Wir gegen die Industrie, das ist der Tenor des Abends.

"Es ist so schön, klare Grenzen zu haben und auf diese Dinge zu verzichten", sagt Duve. Als die Moderatorin Shelly Kupferberg mit dem klassischen Ernähungsweichei-Argument kommt, man müsse ja nicht so kategorisch sein, es wäre ja auch schon wichtig, sich bewusst zu werden, wo das alles herkommt, faucht Duve sie beinahe an: "Gerade wenn man es weiß, ist es umso schlimmer. Es reicht doch nicht, wenn ich sage, ich bin so ein sympathischer Genussmensch, deswegen esse ich es trotzdem." Da sei ihr jeder Ignorant lieber, der sich nie damit beschäftigt habe. Seltsamerweise applaudiert niemand.

Wenn du deinen Freund anblaffst, bist du einfach nur ein Arschloch

Er habe sich die Frage gestellt, welche Grenzen wir uns heute selbst setzen, sagt Foer, und ob Fleisch eben auf der anderen Seite der Grenze liege. "Dieses Buch zu schreiben war, wie Zähne zu ziehen - aus meinem Penis", sagt Foer. Foer ist sympathisch, er hat Humor, er will keine Vegetarier-Nervensäge sein. Er sagt nicht: Hört auf, Fleisch zu essen. Er schaut ins Publikum und sagt: "Niemand will, dass Tiere gequält werden. Wir wollen eigentlich alle dasselbe, wir wollen das Richtige tun." Und was ist das Richtige? "Man macht es nur richtig, wenn man kein Fleisch isst." So einfach ist das. "Kein Fleisch zu essen ist keine Lifestyle-Frage, es ist einfach nur eine Sache, die man macht."

"Und wie können wir andere Menschen dazu bringen, auf Fleisch zu verzichten?", fragt ein Vertreter des Vegetarierbundes im Publikum. "Wenn du deinen Freund im Supermarkt anblaffst, weil er sich Schinken kauft, erreichst du gar nichts. Dann bist du einfach nur ein Arschloch", erklärt Foer. Das Publikum jubelt.

Anders als Duve, die sich als Opfer ihres eigenen Buches bezeichnet und den Veganismus für die einzige Möglichkeit hält, lehnt Foer Essen als Identifikationsfrage ab: "Ich lebe nicht vegetarisch, ich esse einfach nur so wenig Fleisch wie möglich. Und das ist eben nichts."

Das gefällt dem Publikum: Man wird hier in Ruhe gelassen, man darf es sich selbst überlegen. Man darf weiter mit dem Gedanken spielen, ob man auf Fleisch verzichtet - oder nicht. Aber die Antwort ist immerhin einfacher geworden: Heute Abend kein Döner auf dem Heimweg.



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