Das Leben im Rohzustand Anfang 30, Single und auf Alkoholentzug

Ottila beschließt, ein guter Mensch zu werden. Denn ihr Leben findet sie armselig. Anneliese Mackintosh hat sie zur Hauptfigur ihres unbequemen Romans gemacht: "Verdammt perfekt und furchtbar glücklich".

Die Suche nach dem Glück startet für Ottila mit einem Einkaufsbon der Supermarktkette "Food Saver". Kostenpunkt: 20,38 englische Pfund. Zur Ausrüstung gehört ein Liter Ginger Beer - alkoholfrei. Dazu eine Packung Kondome der Reihe "Wundertüte" - die mit 20 Stück, man weiß ja nie. Der Tag: 25.1.2014. Die Uhrzeit: 18:02.

Normalerweise würde Ottila solche zufälligen Details im Alltag kaum bemerken. Aber genau diese Details markieren einen Schritt in Ottilas Leben, der die Wahrnehmung darüber überhaupt erst möglich macht: An diesem 25.1.2014 erlebt Ottila zum ersten Mal ein Date in nüchternem Zustand.

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Mackintosh, Anneliese

Verdammt perfekt und furchtbar glücklich: Roman

Verlag: Blumenbar
Seitenzahl: 368
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04.02.2023 08.03 Uhr

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Anneliese Mackintoshs neuer Roman "Verdammt perfekt und furchtbar glücklich" ist die Geschichte einer unbequemen Selbsterkenntnis. Ottila ist Anfang 30, Single und auf Alkoholentzug. Ihr Vater ist tot. Die Schwester: psychisch krank. Tagsüber arbeitet sie als Marketing-Angestellte in einem Krebsberatungszentrum: "Voll creepy!"

Mit ihrem Chef hat sie eine Affäre. Und den findet sie auch nur deshalb sexy, weil er der "einzige Mensch auf Erden" ist, "der noch armseliger ist als ich". Mit Alkohol spült sie in den Bars von Manchester täglich ihr Leben runter. Bis sie eines Nachts in den Spiegel guckt - und mit Würgekrämpfen im Krankenhaus landet.

Die Wolken von Rausch und Partynebel lichten sich. Dahinter wird Ottilas Leben auf schmerzhafte Weise im Rohzustand sichtbar: "Vielleicht habe ich nie richtig getrauert, weil ich immer zu besoffen war." Mit Thales, einer Cafeteria-Aushilfe, versucht sie eine normale Beziehung zu führen. Doch Thales hat seine eigenen Seelenprobleme. Die Beziehung wird zur Bewährungsprobe.

"Wie ist das eigentlich, Spaß zu haben?"

Ottila beschließt, ein guter Mensch zu werden. "Brav", sagt sie. Ihrem toten Vater zuliebe. Und glücklich. Aber schon das Wort "glücklich" passt nicht so richtig. "Mir ist vorher nie aufgefallen, wie widerlich besoffene Menschen sind", kommentiert sie die Rotweinflecken an den Zähnen ihrer besten Freundin Grace - und meint sich selbst. Auf einer Liste fasst sie all das zusammen, was sie in ihrem Leben bereut und lieber hinter sich lassen will: Im Bus gekotzt. Im Flieger gekotzt. Mit einem 15-Jährigen rumgemacht. Tripper. "Verlorene Hirnzellen. Verlorene Zeit."

Zum Glücklichwerden braucht sie die Hilfe einer Therapeutin. Im O-Ton spult sie die Dialoge auf der Couch ab. "Pat.: Wie ist das eigentlich, Spaß zu haben? Therap.: Heißt das, Sie haben keinen Spaß?" Spaß konzentriert sich für Ottila auf Zitronenkuchen backen, Enten füttern, eine Katze streicheln. Und selbst da ist sich Ottila nicht sicher. Wie auch. Sie nimmt sich mit ihrem Alkoholentzug schließlich zum ersten Mal in ihrem Leben selber wahr.

Und das tut sie in Form einer beinahe schon dokumentarischen Bestandsaufnahme. Mackintosh arbeitet mit unterschiedlichen Medien und Textformen: Der Kopie eines Plakates vom schwarzen Brett der ambulanten Chemotherapie. Mitschnitten ihrer Therapiesitzungen im O-Ton, inklusive Denkpausen und Geräuschen, die sie in Form von Regieanweisungen als "leises Schniefen" oder "ausgedehntes Schweigen" kenntlich macht. Bis hin zu realen Textquellen wie der Internetadresse einer Kletterhalle in Manchester, die Ottila mit ihrer Freundin besucht.

Indem sie die Dokumente im Original stehen lässt, überlässt sie ihnen damit ihre eigene scheinbar ungefilterte Wirkung: Das Testament des Vaters zeigt sie im Wortlaut. Genauso den flapsigen Kommentar einer Zeugin seines Todes, entnommen von einem Internetblog: "Um diese Horrorszene zu vergessen, sind wir dann im Nardini's Eis essen gegangen. Gibt echt Schlimmeres!" beschreibt TeamEdward247 sein "krassestes Date ever".

Die einzelnen Textschnipsel fügen sich zu einer auf den ersten Blick willkürlichen Collage zusammen. Tatsächlich aber hat jeder dieser Schnipsel in Mackintoshs Roman eine genau kalkulierte Funktion. Teilweise entstehen radikale Gegenschnitte. Liebes-SMS an Thales stehen neben Erinnerungen an Gruppensex mit Freundin Grace.

Ottila rückt den Lesern auf die Pelle

Dazu gelingt es Mackintosh mit wechselnden Medien und Dialogformen der Figur Ottila auch ganz unterschiedliche Stimmen zu geben. Mit ihrer Schwester kommuniziert Ottila in erster Linie per Snapchat, mit ihrer Mutter per E-Mail, mit ihrer Therapeutin im Vieraugengespräch. Der Tonfall und die Sprache Ottilas variieren zwischen den beinahe schon klischeehaften Rollen, die aber gerade in diesem Nebeneinander als Rollen bloßgestellt werden: Mal ist sie die fürsorgliche ältere Schwester ("Alles Gute für die EKT, Minchen. Hier kommt ein Bild von einer Ananas mit Sonnenbrille."), mal die schwächelnde Patientin ("Ich habe Tagträume, total intensiv.").

Anneliese Mackintosh zeigt damit ihr Feingespür, aus verschiedenen Erzählsträngen ein streng kalkuliertes Drama in fünf Kapiteln zusammenzufügen. Schon in ihrem Debütwerk "So bin ich nicht" lässt sie ihre Protagonistin über den Umweg von Drogenexzessen und Sexaffären ihre Kindheitstraumata verarbeiten. In "Verdammt perfekt und furchtbar glücklich" wird die Hauptfigur noch einmal vielschichtiger und glaubwürdiger. Ottila rückt den Lesern auf die Pelle - näher als jeder Psychotherapeut.

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