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12. Oktober 2007, 12:00 Uhr

Verlage im Nobelfieber

Der Preis ist heiß

Von Andrea Tholl

Wer als Verleger einen frisch gekürten Nobelpreisträger unter Vertrag hat, kann sich über einen schönen Imagegewinn freuen. Doch eine Lizenz zum Gelddrucken ist die Ehrung nicht. Denn auch in der Verlagsbranche gilt: Wer schon hat, dem wird noch mehr gegeben.

Die Champagnerkorken müssen an diesem Tag wohl an einem anderen Ort geknallt haben. Am gestrigen Nachmittag jedenfalls war die Stimmung am Stand von Hoffmann und Campe auf der Frankfurter Buchmesse nicht sonderlich euphorisch. Verwunderlich, denn der Hamburger Verlag hätte Grund genug gehabt, außer Rand und Band zu sein: Nicht allzu oft wird der mit 1,1 Millionen Euro dotierte Nobelpreis für Literatur an einen Autoren aus dem eigenen Programm vergeben. Gestern gab die Schwedische Akademie bekannt, dass die Britin Doris Lessing, seit 17 Jahren bei Hoffmann und Campe, die höchste literarische Ehrung erhalten wird.

Nobelpreisträgerin Lessing vor ihrem Haus in London: "Es ist ein Royal Flush"
AFP

Nobelpreisträgerin Lessing vor ihrem Haus in London: "Es ist ein Royal Flush"

Für einen Verlag ist das schön für das Renommee. Aber vor allem: schön fürs Geschäft. "Einen Tag nach Bekanntgabe des Preisträgers werden sofort alle Lagerbestände rausgeschickt und sind dann in den Buchhandlungen sofort vergriffen, das ist klar", sagt Markus Klose, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing bei Hoffmann und Campe. Und dann geht es erst richtig los: Bis zu 50.000 Exemplare des gerade erschienen Lessing-Romans "Die Kluft" werde man binnen einer Woche nachdrucken lassen.

Verzehnfachte Auflage

Doch nicht nur der Hamburger Verlag dürfte von der Auszeichnung Lessings profitieren. "Wir müssen uns das mit anderen teilen", sagt Klose. Denn nicht nur Lessings neuestes Werk werde "ordentlich an Fahrt gewinnen", auch frühere Bücher dürften wieder verstärkt nachgefragt werden; zum Beispiel "Das goldene Notizbuch" oder "Eine Afrikanische Tragödie" - Geschichten, die die 87-Jährige zu einer Kultautorin machten. Und die anderen sind bei S. Fischer und Goldmann erschienen.

Für die Verlage gilt: Von einem Nobelpreis lässt man sich überraschen, aber nicht überrumpeln. Als 2003 der Südafrikaner John M. Coetzee gekürt wurde, rollte die Maschinerie bei den Fischerverlagen ohne Verzug an. "Wir reagierten völlig cool", sagt Dr. Uwe Rosenfeld, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing. "Innerhalb einer Stunde war alles Technische erledigt." Die Bestände wurden gecheckt, die Druckerei, der Handel und die Presse informiert.

Gelohnt hat sich das allemal. Coetzees verkaufte Auflage hat sich damals in Deutschland verzehnfacht. So einen Sprung schafft nicht jeder Preisträger, aber eine Verfünffachung hält Rosenfeld in jedem Falle realistisch. Es gilt die Faustregel: Je bekannter der Autor und sein Werk, der den Nobelpreis erhält, desto wahrscheinlicher ist es, nach der Bekanntgabe richtig Geld zu verdienen.

Elfriede Jelineks Buch "Die Klavierspielerin" katapultierte sich mit dem Preis von 2004 auf eine Auflage, die Ralf Tornow, Leiter Marketingorganisation und Vertrieb des Rowohlt Verlags in Reinbek, "im sechsstelligen Bereich" ansiedelt.

Und Hanser zog den Erscheinungstermin von Orhan Pamuks Roman "Istanbul" nach den guten Nachrichten aus Stockholm im letzten Jahr von Februar auf November vor. Bereut hat man den Aufwand nicht: Die verkaufte Auflage steigerte sich um ein gutes Drittel auf 100.000 Bücher.

Geschäftig, erfreut - aber gelassen

Dass aus einem Nobelpreisträger kein Bestsellerautor werden muss, zeigt das Beispiel Harold Pinter. Der Preisträger von 2005 brachte es in Deutschland vorher auf eine verkaufte Auflage von etwa 500 Büchern im Jahr. Nach dem Nobelpreis lag sie bei rund 2.500. "Nicht viel, aber sehr gut für das Image", meint Tornow.

Auf einen Nobelpreis reagiert die Branche also geschäftig, erfreut - aber gelassen. Das hat sie mit der diesjährigen Preisträgerin gemein. Sie hätte ja eh schon fast alle Literaturpreise in Europa gewonnen, sagt Lessing, "also bin ich entzückt, sie jetzt alle zu haben. Es ist ein Royal Flush." Und zwar nicht allein für sie, sondern auch für ihre Verleger.

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