Verlagschefin Unseld-Berkéwicz Suhrkamp-Umzug nach Berlin steht fest

Suhrkamp zieht Anfang 2010 nach Berlin - das sagte Ulla Unseld-Berkéwicz in einem Interview mit dem Sender 3sat. Der Umzug sei jedoch keine Sparmaßnahme, betonte die Verlagschefin - und lud alle Beschäftigten dazu ein, mitzukommen.


Frankfurt/ Hamburg - Berlin knüpfe als Hauptstadt wieder da an, wo es nach 1945 zum Aufhören gezwungen wurde, erklärte die Verlegerin zu ihrer Entscheidung dem Magazin "Kulturzeit" des TV-Senders 3sat, das am Freitagabend ausgestrahlt werden soll. "Außerdem ist es doch im Moment so: Die Lage politisiert sich bis tief hinein ins kulturelle Leben, da muss Suhrkamp vor Ort sein." Wie einst in den sechziger Jahren Frankfurt sei heute "eben das Labor in Berlin".

Suhrkamp-Chefin Unseld-Berkéwicz: Umzug von Suhrkamp für Anfang 2010 geplant
Uwe Dettmar / Suhrkamp Verlag

Suhrkamp-Chefin Unseld-Berkéwicz: Umzug von Suhrkamp für Anfang 2010 geplant

Nach wochenlanger Debatte wählte die Verlegerin damit ungewöhnlich klare Worte. Die Umzugspläne sorgten in der Vergangenheit für Streit zwischen der Verlegerin Unseld-Berkéwicz mit der Schweizer Medienholding AG Winterthur, die ebenfalls einen Teil von Suhrkamp besitzt.

Die Mehrheit der Gesellschafter begrüße nun den Vorschlag der Geschäftsführung, hieß es von Verlagsseite.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollen die 127 Beschäftigten am späten Freitagnachmittag auf einer Betriebsversammlung über die Pläne des Verlags informiert werden.

Eine Sparmaßnahme sei der Umzug jedenfalls nicht, sagte Unseld-Berkéwicz. In dem 3sat-Interview versicherte sie, dass es zu keinen Entlassungen kommen werde. Alle Mitarbeiter seien eingeladen, nach Berlin mitzukommen. Weiterhin würden eine Dependance und die drei Stiftungen in Frankfurt bleiben.

Mit der Umzugsentscheidung zieht Suhrkamp nach eigenen Angaben zugleich einen Schlussstrich unter die juristischen Fehden zwischen den Verlagsgesellschaftern, die in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen sorgten. Die Unseld-Familienstiftung unter Vorsitz von Verlegerin Unseld-Berkéwicz sowie die Winterthurer Medienholding AG hätten ihre vor dem Landgericht Frankfurt anhängigen Prozesse durch einen Vergleich beendet, teilte der Verlag mit.

Teil der Einigung sei, dass die Unseld-Stiftung eine zeitlich befristete Möglichkeit zum Erwerb der Verlagsanteile der Medienholding habe. Diese Minderheitsanteile hält der Hamburger Unternehmer Hans Barlach. Er hat sich zuvor ebenfalls für einen Umzug nach Berlin ausgesprochen.

Der SPIEGEL hatte bereits Mitte Januar gemeldet, dass Gespräche zwischen dem Verlagshaus und Berlins Regierung bereits weit fortgeschritten seien und auch Angebote für entsprechende Immobilien enthielten.

Suhrkamp gehört zu den einflussreichsten Verlagen Deutschlands. Kein anderes Haus hat nach dem Zweiten Weltkrieg so viele bedeutende Schriftsteller und Philosophen verlegt, darunter Bertolt Brecht, Hermann Hesse oder Theodor W. Adorno. Auf Drängen Hesses hatte sich Peter Suhrkamp nach dem Krieg vom Verlag S. Fischer getrennt. Er gründete 1950 in Frankfurt seinen eigenen Verlag und nahm 33 prominente Autoren mit.

Nach dem Tod von Peter Suhrkamp im Jahr 1959 trat Siegfried Unseld dessen Nachfolge an. Er baute den Verlag sowohl in der Belletristik als auch in den Geisteswissenschaften zu einer der intellektuellen Säulen der alten Bundesrepublik aus. Nach dem Tode Unselds im Jahr 2002 übernahm seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz die Macht.

Zum Haus gehören seit Jahrzehnten unter anderem auch der Insel Verlag und der Jüdische Verlag. Unter Unseld-Berkéwicz kam der Verlag der Weltreligionen hinzu. Suhrkamp hat nach eigenen Angaben derzeit 127 Beschäftigte.

Der Umsatz wurde von der Fachzeitschrift "Buchreport" für 2007 mit rund 46 Millionen Euro angegeben. Im selben Jahr brachte der Verlag rund 500 neue Titel auf den Markt.

sta/dpa/AP



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