Debatte über Übersetzungen »Natürlich geht es immer auch um sprachliches Vermögen«

In den Niederlanden hatte sich Marieke Lucas Rijneveld zurückgezogen, weil es Rufe nach einer schwarzen Übersetzerin gab – der Verleger von Hoffmann und Campe darüber, wie das Buch von Amanda Gorman ins Deutsche übertragen wird.
Ein Interview von Claudia Voigt
Dichterin und Aktivistin Gorman

Dichterin und Aktivistin Gorman

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Kelia Anne

SPIEGEL: Amanda Gormans Gedicht »The Hill We Climb« wird am 30. März bei Hoffmann und Campe in einer zweisprachigen Ausgabe erscheinen, gerade arbeiten drei Übersetzerinnen an der Übertragung ins Deutsche. Warum gleich drei?

Tim Jung: Wir haben es hier mit dem aktuell wahrscheinlich berühmtesten Gedicht der Welt zu tun. Das war ja einer von diesen Momenten, die man nicht mehr vergisst, als Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden ans Rednerpult getreten ist und ihr Gedicht »The Hill We Climb« vorgetragen hat. Die Übersetzung eines Gedichts, das von so einer Kraft und Schönheit ist und zugleich eine solche Wirkungsmacht hat, bedeutet für einen Verlag eine große Verantwortung.

Zur Person
Foto: Frank Krems

Tim Jung, 48, ist seit Oktober 2019 Verleger des Hoffmann und Campe Verlages. Vorher leitete er sechs Jahre den Atrium Verlag und kurz auch den Arche Literatur Verlag.

SPIEGEL: Inwiefern?

Jung: Mit Amanda Gorman konnten wir eine Autorin für Hoffmann und Campe gewinnen, die auch dringende politische Anliegen hat. Sie ist eine Aktivistin, die sich gegen Rassismus einsetzt, die für Diversität in der Gesellschaft kämpft. Daraus entstand bei uns im Verlag die Idee, einen ungewöhnlichen Weg zu beschreiten und drei Personen mit unterschiedlichen Expertisen und Erfahrungen als Übersetzerteam zu beauftragen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Zu dem Team gehören Kübra Gümüşay, Hadija Haruna-Oelker und Uda Strätling. Wie entscheidend war es für die Auswahl der deutschen Übersetzerinnen, dass Hadija Haruna-Oelker eine schwarze Journalistin ist, dass Kübra Gümüşay eine kopftuchtragende Muslimin und Feministin ist?

Jung: Wir haben im Lektorat diskutiert, wie wir bestmöglich mit der Verantwortung umgehen, dieses Gedicht auf Deutsch zu veröffentlichen. Der Grundgedanke dabei war, dass auch persönliche Erlebnis- und Erfahrungswelten mit eingebracht werden sollten. Frau Haruna-Oelker beschäftigt sich intensiv mit Migrations- und Rassismusforschung. Sie bringt Erfahrungen mit, die weiße Deutsche nicht haben. Und Frau Gümüşay ist eine ausgewiesene Expertin für die Macht der Sprache und die Frage, wie Sprache unser Denken bestimmt. Frau Strätling wiederum ist eine begnadete Literaturübersetzerin, die unter anderem Claudia Rankine und Teju Cole ins Deutsche übertragen hat. Die drei haben ein Team gebildet und gemeinsam eine Übersetzung erstellt, in die unterschiedliche Expertisen und Erfahrungen eingeflossen sind und die ich im Ergebnis für brillant halte.

SPIEGEL: Der niederländische Verlag von Gorman, der Marieke Lucas Rijneveld damit beauftragte, das Gedicht zu übersetzen, wurde kritisiert, weil Rijneveld eine weiße Person ist; sie trat von der Aufgabe zurück. Wie beurteilen Sie diesen Fall?

Jung: Gar nicht, da ich nicht alle Hintergründe kenne. Ich lege allerdings Wert auf die Feststellung, dass wir unsere Entscheidung für unsere Übersetzerinnen lange vor den Ereignissen in den Niederlanden getroffen haben und unser Team schon lange stand.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich eine schwarze Übersetzerin aus Deutschland besser in die Lebenswelt einer jungen schwarzen Frau aus den USA einfühlen kann?

Jung: Ich denke, dass es leider einen Unterschied macht, ob man als schwarz oder weiß wahrgenommen wird, und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Ich würde mir sehr wünschen, dass dem nicht so wäre, aber die gesellschaftliche Realität sieht anders aus.

SPIEGEL: Was hat das für grundsätzliche Folgen für die Übersetzungsarbeit? Es ist ja Teil des Berufsbildes, sich in die Erlebnis- und die Sprachwelt des jeweiligen Autors hineinzudenken.

Jung: Natürlich geht es immer auch um sprachliches Vermögen, kulturelles Wissen, Recherche und Empathie. Deshalb ist auch nichts Grundsätzliches aus unserer besonderen Herangehensweise in diesem besonderen Fall abzuleiten. Jedes neue Buch, jede neue Autorin und jeder neue Autor werfen neue Fragen auf und verlangen eine eigene Antwort auf die Frage: Wer übersetzt? Wir werden das auch in Zukunft immer wieder individuell entscheiden.

SPIEGEL: Amanda Gorman ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Müssen auch solche Erfahrungswerte durch eine Übersetzerin abgedeckt werden? Wo verlaufen die Grenzen?

Jung: In diesem Fall da, wo wir sie gezogen haben. Ich glaube, dass wir mit unseren Übersetzerinnen die bestmögliche Wahl getroffen haben. Am Ende kommt es darauf an, dass eine der Brillanz Amanda Gormans angemessene Übersetzung entsteht, die zugleich getragen ist von Respekt vor den Anliegen der Autorin. Und das ist der Fall.

SPIEGEL: Beim Durchschauen deutscher Ausgaben von englischsprachigen Romanen fällt auf, dass Schriftstellerinnen oft von Übersetzerinnen übertragen werden und die Bücher von Männern von Übersetzern. Wurde darauf in der Vergangenheit schon besonders geachtet?

Jung: Die Frage, wer die bestmögliche Übersetzerin oder der bestmögliche Übersetzer ist, stellt sich für uns als Verlag mit jedem Buch neu. Die Wahl der Übersetzerin oder des Übersetzers ergibt sich aus den individuellen Herausforderungen, die der jeweilige Text stellt. Und natürlich spielt auch eine Rolle, wer gerade zeitlich verfügbar ist. Die Debatte, die durch den Fall Rijneveld losgetreten worden ist, rückt übrigens die Bedeutung von Übersetzungen noch einmal ganz grundsätzlich neu in den Fokus. Übersetzerinnen und Übersetzer sind wichtige und unverzichtbare Botschafter, deren Arbeit äußerst wertvoll ist.

SPIEGEL: Allerdings ist die schlechte Bezahlung von Übersetzern legendär. In den Honoraren bildet sich nicht ab, wie anspruchsvoll diese Arbeit ist.

Jung: Es stimmt, die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern ist von höchstem Wert. Aber wenn Sie sich unter Übersetzerinnen und Übersetzern, die in der Regel für verschiedene Verlage arbeiten, einmal umhören, könnte ich mir vorstellen, dass Hoffmann und Campe im Vergleich nicht ganz schlecht abschneidet.

SPIEGEL: Vom Umfang des Textes her ist es eine überschaubare Aufgabe, Amanda Gormans Gedicht »The Hill We Climb« zu übersetzen. Wie teilen sich die drei Übersetzerinnen die Arbeit auf?

Jung: Wir haben das Gedicht nicht filetiert, es wurden nicht bestimmte Teile von unterschiedlichen Personen übersetzt. Die Übersetzerinnen haben als Team gearbeitet und »The Hill We Climb« mit einer Stimme ins Deutsche übertragen. So was kann natürlich auch schiefgehen, aber hier hat es sehr gut funktioniert, und am Ende steht ein fantastisches Ergebnis. Besondere Herausforderungen erfordern eben manchmal besondere Maßnahmen. Und die haben wir hier ergriffen.