Betrug in der Ehe Ein Tsunami, der alle Bindungen zerstört

Véronique Olmi schreibt mit Vorliebe über Menschen, die in Gewohnheit und Überdruss feststecken. In "Das Glück, wie es hätte sein können" mischt sie den perfekten Nährboden für das Fremdgehen an: ein allzu erwartbares Leben.

Véronique Olmi: Spezialistin für Lebenslügen
Marianne Rosenstiehl

Véronique Olmi: Spezialistin für Lebenslügen


Es ist schon bemerkenswert, wenn ein Ehemann abends zu seiner Frau sagt "Wir gehen raus", egal, ob sie Lust hat oder nicht. Ihr bleibt nur noch, die Babysitterin anzurufen und sich eine warme Jacke überzuwerfen. Er will raus, weil er sich eingezwängt fühlt in seinem allzu erwartbaren Leben, mit der ihm allzu ergebenen Ehefrau. Sie folgt ihm, weil sie es nicht gelernt hat, eigene Wünsche zu äußern. Sie verlassen ihr komfortables Haus in Montmartre, um in einer stickigen Bar zu landen, in die sie sonst nicht gehen würden. Serge ist Chef einer Immobilienagentur, 60 Jahre alt, egozentrisch. Lucie ist schön und dauerfröhlich, 30 Jahre jünger als er, eine Nestbauerin, die sich um die beiden Kinder und alle häuslichen Belange kümmert. Kann das gut gehen?

"Das Glück, wie es hätte sein können" heißt der zehnte Roman von Véronique Olmi, Spezialistin für Lebenslügen aller Art. Lebenslügen, die irgendwann aufbrechen müssen, weil sie sonst nicht mehr zu ertragen wären. Olmi, die in Frankreich auch als Theaterautorin erfolgreich ist, schreibt über Menschen, die in Gewohnheit, Heuchelei und Überdruss feststecken. Oft braucht es zwischen ihnen nur eine kurze Begegnung, einen schnellen Blick, ein paar Sekunden der Irritation, damit sich alles ändert, und die Tragödie ihren Lauf nimmt. Das ist auch im neuen Buch nicht anders.

Begegnungen voller Leidenschaft

So wird die Bar, in der Serge und Lucie ihren Whisky trinken, zum Schicksalsort. Da ist nämlich auch Suzanne, die Frau, die bei ihnen zu Hause den neuen, sündhaft teuren Flügel gestimmt hat. Suzanne ist über 40, nicht schön, nicht anziehend, eher vulgär, aber jemand, der, anders als Serge, keine Angst vor dem Leben hat. Sie tanzt allein, ohne sich darum zu kümmern, dass sie in dem Moment ohne Partner ist. Später treffen sie und Serge sich heimlich, Begegnungen voller Leidenschaft, aber ohne Wärme. Was folgt, ist ein Tsunami, der alle Bindungen zerstört: Die Ehe von Serge und Lucie geht auseinander, Suzanne trennt sich von ihrem Mann. Und am Ende zerbricht auch die Beziehung zwischen dem Makler und der Klavierstimmerin.

Was haben sie nun gewonnen, diese beiden Menschen, die beschlossen haben, nicht mehr ängstlich am Status quo zu kleben und ein neues Leben zu beginnen? Suzanne traut sich endlich, selbst Klavier zu spielen, anstatt nur die Instrumente anderer Leute zu stimmen. Und sie ermutigt Serge, sich endlich seiner Vergangenheit zu stellen. An dieser Stelle fährt die Autorin allerdings eine Menge Dramen auf - eine der Schwächen des Romans: Sein Vater Hubert ist in Wahrheit nicht nur sein Stiefvater, sondern und zudem gewalttätig. Seine Mutter Thérèse hängt immer noch an ihrer alten Liebe, David, dem leiblichen Vater von Serge, und will Hubert verlassen. Der dreht durch, lässt David umbringen, zwei Jahre später stirbt Thérèse. Und so weiter und so weiter.

In einem Interview hat Véronique Olmi einmal erklärt, eine Bewunderin Fjodor Dostojewskis und seiner vielschichtigen Figuren zu sein. Auch Olmi schafft mit Serge und dessen Stiefvater abgründige Figuren, aber die verzweifelte Radikalität eines Dostojewski haben sie nicht. Ganz anders als in Olmis Debütroman "Meeresrand", ihrem vielleicht stärksten Roman, in dem eine Mutter mit ihren beiden Söhnen ans Meer fährt, wo sie die kleinen Kinder tötet.

h-Moll-Sonate als Leitmotiv

Trotzdem: Bestechend ist - wie so oft bei Olmi - die Sprache, die auch in der Übersetzung poetisch und suggestiv wirkt. Die Musikalität, die Olmi erzeugt, hat auch eine inhaltliche Entsprechung: In einer Szene empfängt David den kleinen Serge und dessen Mutter bei sich und spielt ihnen auf dem Klavier die h-moll-Sonate von Franz Liszt vor, ein Leitmotiv im Buch. Das Pech ist nur, dass der kleine Serge die Musik gar nicht hören will, er fühlt sich unwohl in der Intimität, die zwischen David und Thérèse entsteht. Denn die heimliche Begegnung ist ein Betrug an dem Mann, den Serge für seinen Vater hält. Das ist eine dieser eindringlich-düsteren Szenen, die Olmi so gut beherrscht und die man sich sofort in einem Film vorstellt.

Indem sich Serge dem Grauen seiner Kindheit stellt, kann er sich ein Stück weit befreien. So ist dieses schmale Buch über die Liebe auch ein Selbstfindungs- und Selbstverwirklichungsroman. Was durchaus als Botschaft zu verstehen ist, die jedoch etwas zu dick aufgetragen wirkt. Die Subtilität, mit der die Autorin am Anfang Serge und Suzanne zusammen führt, lässt sie am Ende vermissen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Lady Hesketh-Fortescue 15.05.2014
1.
So bekommt man mal ein Sittengemälde der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nachgeliefert.
Korf 16.05.2014
2. Schade
Und wieder das alte Klischee: Frau, daheim, Nestbauerin vs. Mann, der ausbricht. Sorry, erlebe gerade das Gegenteil und bin von Stereotypenreitern wie Olmi, die der Gesellschaft immer noch alte und überlebte Bilder andienen, total genervt. Daumen runter.
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