Vertigo-Comics Tarantinos coole Kollegen

Fliegende Superhelden in bunter Unterwäsche? Der US-Comicverlag Vertigo schickt sie in den Ruhestand - und bringt Comics zurück auf Erde. Jetzt werden die besten Serien in Deutschland neu aufgelegt. SPIEGEL ONLINE zeigt Kostproben.

Von Jörg Böckem


Der Plan war verwegen: Im Jahr 2003 beschloss Karen Berger, Verlagsleiterin von Vertigo Comics, auf die üblichen Genreregeln zu pfeifen. Das 10-jährige Jubiläum des Verlags sollte mit einem besonderen Werk gefeiert werden, in jeder Hinsicht: Keines der üblichen Hefte oder Paperbacks, die in Comicläden oder Kiosken Teenagern feilgeboten werden, sollte es geben, und auch kein Prachtband für Liebhaber, in geringen Stückzahlen verkauft. Nein, Karen Berger wollte ein edles Hardcover, gedruckt in einer sechsstelligen Startauflage, ein richtiges Buch sein, dass sich auf dem Buchmarkt behaupten solte.

Vertigo-Comic "Y - The Last Man": Kluges Gedankenspiel
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Vertigo-Comic "Y - The Last Man": Kluges Gedankenspiel

Das Buch hieß "Sandman - Endless Nights", und es versammelte Kurzgeschichten, geschrieben von Neil Gaiman und gezeichnet von renommierten Comickünstlern aus der ganzen Welt. Es war eine naheliegende Wahl, denn Gaiman hatte mit seiner fulminanten Serie um den Herrn der Träume, in der er Fantasy kunstvoll mit Elementen aus klassischer Literatur und Legenden, Mythologie und Kunst verband, im vergangenen Jahrzehnt den Grundstock für den Erfolg des Verlags gelegt; die Serie wurde in die ganze Welt lizenziert und millionenfach verkauft.

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"Y - The Last Man", Band 3, Seiten 1 bis 4 (4 Bilder)


Bergers Plan ging auf - als erstes Comic schaffte es "Sandman" auf die Bestsellerliste der "New York Times", das Werk wurde in den Feuilletons bejubelt. Vertigo, ein Ableger des amerikanischen Comicgiganten DC, Heimat von Superman und Batman, hatte Comic-Geschichte geschrieben.

Logisch also, dass der deutsche Panini-Verlag den Start seiner deutschen Ausgabe von Vertigo Comics mit diesem epochalen Werk markiert. Überraschend dagegen, dass die in diesem Jahr folgenden Veröffentlichungen den Vergleich nicht scheuen müssen.

Zugegeben, so ziemlich alles, was da scheinbar neu auf den deutschen Markt kommt, ist eigentlich alt. Nicht alt wie die Zeitung von gestern oder Günter Grass, sondern alt wie Martin Scorsese oder das Frühwerk von Quentin Tarantino oder "Dark Side Of The Moon" von Pink Floyd - moderne Klassiker eben. Kein anderer Verlag hat in den neunziger Jahren das Comicgenre so radikal modernisiert wie Vertigo.

Zu Recht bezeichnet Karen Berger Vertigo als das HBO der Comics. Der amerikanische Kabel-Sender hat mit zahlreichen Serien wie "The Sopranos" und "Six Feet Under" bewiesen, dass Fernsehunterhaltung qualitativ hochwertig, anspruchsvoll und gleichzeitig erfolgreich sein kann. Wie HBO hat auch Vertigo den erwachsenen Konsumenten im Blick und scheut sich nicht vor Experimenten und Grenzübertretungen - Sex, Gewalt, Zynismus, aber auch Shakespeare-Zitate, Gesellschafts- und Sozialkritik sind keine Tabus. Vertigo schickt die fliegenden Superhelden in bunter Unterwäsche in den Ruhestand und bringt die Comics zurück auf Straße.

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"Sandman: Ewige Nächte", Seiten 1 bis 3 (3 Bilder)


So verbindet "Preacher", eine Art moderner Horror-Western um den Priester Jesse Custer, der zusammen mit einem versoffenen irischen Vampir und einer schießwütigen blonden Südstaaten-Schönheit auf der Suche nach Gott die USA bereist, stilsicher und fesselnd zynische Gesellschaftsanalyse und Religionskritik mit dem Charme von klassischen Hollywood-Western und Roadmovies - garniert mit viel Blut und Gewalt. Zu Recht wird Autor Garth Ennis mit Quentin Tarantino verglichen.

David Azzarellos "100 Bullets" gräbt sogar noch tiefer in den Abgründen amerikanischer Realität. Agent Graves, ein ominöser Fremder im Anzug, bietet betrogenen, chancenlosen Außenseitern die Chance auf Rache: Sie erhalten eine nicht registrierte Waffe, 100 Kugeln, nicht identifizierbar, dazu Beweismaterial, das einen Schuldigen an ihrem Elend benennt. Einen Schuldigen, der ob der gesellschaftlichen Verhältnisse wohl nie zur Rechenschaft gezogen würde. Daraus entwickelt sich nicht nur ein hochspannender, düsterer Thriller, sondern auch eine soziologische Studie des alltäglichen Elends in den Slums und eine Abhandlung um das Dilemma der Moral. "Sozialkritik mit der Waffe im Anschlag", wie es treffend in der amerikanischen Presse hieß.

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"Fables: "Legenden im Exil", Seiten 1 bis 3 (3 Bilder)


In "Y - The Last Man" erzählt Brian K. Vaughan davon, wie sich die Welt verändern könnte, würde eine Katastrophe biblischen Ausmaßes gleichzeitig alle männlichen Säugetiere auf der Erde töten - mit Ausnahme eines jungen Mannes und seines Haustieres, einem Rhesusaffen. Regierung, Wirtschaft, Militär und katholische Kirche brechen, beinahe sämtlicher Führungskräfte beraubt, zusammen; Flugzeuge fallen zu Tausenden vom Himmel, da das Gros der Piloten und Co-Piloten männlich ist. "Y" ist ein faszinierendes und kluges Gedankenspiel, dass mehr aussagt über die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als jede Statistik.

In Deutschland lief es für die Vertigo Comics bisher nicht wirklich rund. In den vergangenen Jahren hat der sehr engagierte, aber finanziell und logistisch konstant überforderte Kleinverlag Speed eine Reihe der besten Vertigo-Titel im Programm geführt, aber bis auf "Preacher" keine Serie zu Ende gebracht.

Panini, bei dem auch Marvel und DC Comics erscheinen, macht da weiter, wo Speed aufhören musste, führt Reihen wie "100 Bullets" oder "Y" weiter und liefert für Einsteiger die Anfangsbände nach. Auch "Sandman" wird neu gestartet, eine Neuauflage von "Preacher" ist geplant. Eine bisher in Deutschland unveröffentlichte Vertigo-Serie ist ebenfalls im Programm: "Fables" erzählt von Charakteren aus Märchen und Legenden, die von einem Aggressor aus ihrem Reich vertrieben wurden und sich in unsere Realität flüchten mussten. Im modernen New York bewohnen nun also Schneewittchen, der Wolf, Dornröschen, der Froschkönig, Blaubart, die Schöne und das Biest ein eigenes Stadtviertel, getarnt vor den normalen Menschen und im ständigen Spagat zwischen Anpassung und Bewahrung der Traditionen und Identität. Der Mord an Rosenrot reißt die Gemeinde schließlich aus ihrem Alltagstrott.

Ähnlich wie Neil Gaiman in "Sandman" gelingt Autor Bill Willingham, unterstützt von Zeichner Mark Buckingham, eine faszinierende Verbindung von Mythologie und modernem Alltag. Ein Werk in bester Vertigo-Tradition eben, das den Vergleich mit der Literatur nicht scheuen muss.

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