Geschichte verlorener Dinge Wo "lesbisch" neben "lesbar" steht

Ein Leuchtturm im Literaturherbst: Judith Schalanskys sucht in ihrem neuen Buch "Verzeichnis einiger Verluste" verschollene Schätze im Dunkel der Literaturgeschichte - und denkt sich ihren Teil dazu.

Als wäre es nicht mehr als eine Randnotiz wert, lautet der Titel von Judith Schalanskys neuem Buch schlicht: "Verzeichnis einiger Verluste". Das mag mehr nach einem staubigen Büroordner klingen als nach Lesevergnügen. Doch wer den Prosaband liest, kommt schnell zu dem Schluss: Hier liegt ein klarer Fall von falschem Understatement vor.

Wir haben es mit einem literarischen Säulengang zu tun, der uns durch die Jahrhunderte führt. Während wir darin wandeln, stoßen wir auf ausgestorbene Lebewesen, verlorene Schätze und Ruinen. Indem sie uns die 1980 geborene Autorin erneut ins Gedächtnis ruft, gelingt ihr so etwas wie eine literarische Denkmalpflege, nur ohne Vitrinenstaub und Archivgeruch.

Autorin Judith Schalansky

Autorin Judith Schalansky

Foto: imago/ Lichtgut

Schalansky weiß zu fesseln, in einem legendarischen, bisweilen archaischen Ton. Denn obgleich ihre kurzen Texte stets reich an recherchierten Fakten sind, stellt deren Anliegen ein genuin literarisches dar: "Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden." Es gilt, den Leser zum Miterleben und Einfühlen anzuregen und das Abwesende anwesend werden zu lassen.

Diese Ambition stellt die Autorin gleich im ersten Kapitel unter Beweis. Es führt uns in die Zeit der großen Entdecker. Nach tagelang orientierungsloser Fahrt trifft das Schiff unter der Führung von James Cook auf ein heute untergegangenes Atoll namens Tuanaki. In der Vorstellung der in einer miefigen Bibliothek forschenden Ich-Erzählerin verdichtet sich die nur teilweise dokumentierte Expedition zu einem Südseethriller mit unkalkulierbaren Inselbewohnern und einer beinah meuternden Besatzung. Indem Schalansky die Szenerie plastisch ausmalt, verwebt sie loses Quellenmaterial zu einer spannenden Story.

Wie Leerstellen die Fantasie simulieren

Ganz ähnlich verfährt sie auch mit dem äußerst fragmentarischen Bestand der antiken Liebeslyrikerin Sappho. Viele Poeten werden sich nach ihrem Tod auf sie beziehen. Überliefert ist von ihr hingegen nur wenig oder Widersprüchliches. Manche feierten sie als Schönheit, andere beklagten ihre angeblich männlichen Züge. Anlass zur Spekulation geben zudem Quellen, welche die Dichterin als Frauenliebhaberin zu erkennen geben.

Wie Leerstellen die Fantasie stimulieren können, lässt sich sehr einleuchtend an dem Beispiel der lesbischen Liebe dokumentieren, deren etymologische Herkunft sich eben auf Sapphos Geburtsinsel Lesbos zurückführen lässt. Die süffisante Beobachtung, dass "in deutschen Wörterbüchern [...…] 'lesbisch' gleich nach 'lesbar'" folgt, macht einen überzeitlichen Zusammenhang deutlich, nämlich zwischen dem erdichteten und dem echten Eiland, zwischen Mythos und Faktum, zwischen Fiktion und Wahrheit.

Letztendlich führt das "Verzeichnis einiger Verluste" vor, wie Geschichtsschreibung funktioniert. Sie muss aus verstreuten Informationen stets ein Narrativ bilden und trotz Lücken eine Ereignislogik herstellen. Das Erzählen wird von Schalansky somit als wichtige Kulturtechnik beschrieben. Allerdings nicht als fade Theorie, sondern als charmante Praxis. So variiert sie stets unterschiedliche Stile, Erzählperspektiven und Zugänge.

Um an das 1931 bei dem Brand des Münchner Glaspalastes zerstörte Gemälde "Hafen von Greifswald" von Caspar David Friedrich zu erinnern, ergeht sie sich nicht in einer spröden Bildbeschreibung. Stattdessen durchwandern wir mit einem Ich die an die Hansestadt sich anschließende Moorlandschaft des Rycktals. Ohne direkt auf das Werk einzugehen, entwirft die Autorin in Thomas Mann'scher Ausführlichkeit ein dichtes Sprachporträt des romantischen Biotops an sich.

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Schalansky, Judith

Verzeichnis einiger Verluste: Ausgezeichnet mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2018

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 252
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Wem dies zu lyrisch anmutet, mag möglicherweise einem kurzen Ausflug zum einstigen Palast der Republik oder zur römischen Arena, wo uns ein martialischer Kampf zwischen einem Löwen und dem ausgestorbenen Kaspischen Tiger in den Bann zieht, mehr abgewinnen. Losgelöst von der Frage, mit welcher Story wir uns am meisten identifizieren, gibt uns Schalansky beständig das Gefühl, noch einmal ein kindlicher Schatzsucher sein zu dürfen.

Ihre prachtvolle Fabulierkunst bewahrt, was wir längst vergessen glaubten oder noch gar nicht wussten. In schnelllebigen Zeiten wie den unsrigen kommt ihr Werk einem allen Wellengängen erhabenen Leuchtturm gleich, dessen Licht auf alles fällt, was wir als allzu leichthin gegeben wahrnehmen.

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