Sexuelle Freiheit Das Leben ist eine Serie von Ehebrüchen

Der Mann als notgeile Witzfigur: In "Esel im dritten Frühlingsmond" erzählt Viktoras Pivonas mit erstaunlich viel Selbstironie von erotischen Allmachtsfantasien.

"Von neun Betten, die in dieser Romanze eine Rolle spielen, stolperte ich in fünf"
Corbis

"Von neun Betten, die in dieser Romanze eine Rolle spielen, stolperte ich in fünf"

Von Thomas Andre


Gäbe es einen Preis für den besten Titel eines Romans in dieser Literatursaison, Viktoras Pivonas hätte ihn sicher. Sein neues Buch heißt "Esel im dritten Frühlingsmond", ein doppeldeutiger Spott über die namenlos bleibende Hauptfigur und deren Vorliebe für tantrische Sexstellungen. Jede Kapitelüberschrift hat irgendwie mit der asiatischen Liebeskunst zu tun - und weil der Erzähler ein Mann im reifen Alter ist, aber dem Geschlechtlichen nicht aus dem Weg gehen kann, verhält er sich wie ein Esel, der seinen dritten Frühling mit erotischen Tändeleien vertut.

Denn er will doch eigentlich ein Buch zu Ende bringen, Freizeitschreiber, der er ist. Im Hauptberuf arbeitet er in einer Beratungsagentur, und zwar zusammen mit einer enigmatischen Figur namens Bob Puder, die nie spricht und sich nur über Notizzettel mitteilt. Auf denen finden sich mehr oder weniger geistreiche Aphorismen ("Ich wurde erzogen, die Frauen zu lieben - aber keine, die ich liebte, hat es mir verziehen."), viel interessanter ist aber die weitreichende Entscheidung Puders, einfach die Klappe zu halten.

Man wünscht sich das als Leser dieses Romans recht schnell auch für das übrige Personal, das von einem Obere-Mittelschicht-Ennui befallen ist und nichts anders tut, als über Small-Talk-Geplänkel Geschlechtsverkehre anzubahnen. "Esel im dritten Frühlingsmond" ist ein Dialogroman, der das Gesellschaftsleben als eine Serie von Ehebrüchen beschreibt. Die Libertinage bekommt den Figuren nicht, und da ist es herrlich entlarvend, dass das Zentrum dieses Juste Milieus ein Therapeut namens Trockeneisz ist, der freilich nie selbst auf der Bildfläche erscheint: Die haben doch alle eine Macke.

Mit wem will ich's jetzt eigentlich noch mal treiben?

Zuvorderst der Ich-Erzähler selbst, den Pivonas, der 1933 in Litauen geboren wurde, nach dem Krieg nach Deutschland kam und in Hessen ein Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstitut gründete, als Kommunikationsneurotiker mit Schlag bei Frauen auftreten lässt: "Von neun Betten, die in dieser Romanze eine Rolle spielen, stolperte ich in fünf. In eines musste mir geholfen werden. Die Erinnerung an die beiden anderen meine ich meinen Bemühungen zu verdanken. Eines blieb erträumt."

Sollte es Pivonas, der bislang drei Romane veröffentlichte und an dem 2010 erschienenen "Talisman" ein Vierteljahrhundert arbeitete, es darauf angelegt haben, mit den sophisticated-überkultiviert zur Tat schreitenden Lustmenschen das Nervpendel kräftig ausschwingen zu lassen, es gelingt ihm vortrefflich. Dass sein Held alles andere als ein erotischer Loser ist und man dank seiner sinnlichen Wendigkeit praktisch nie an Seniorensex denken muss, erleichtert die Sache, die hier immer wieder auf eine durchaus selbstironisch und schelmenhaft in Szene gesetzte Vielweiberei hinausläuft.

Ines, Vera, Charlotte, Rike, Eva, Elisa, Martha - alle wollen nur den einen, und deswegen ist "Esel im dritten Frühlingsmond" vor allem auch ein erstaunlich notgeiler Roman, ohne je explizit zu werden. Die Not hat viel mit dem Management der Arrangements zu tun: Mit wem will ich's jetzt eigentlich noch mal treiben?

Die so promiske wie skrupulöse Agenda des Erzählers ("Meine Affären - ein Totentanz") entspringt einem urmännlichen Wesen. Hier entgleist einer schon mal beim Passieren eines Schulhofs: "Große Pause. Die Schülerinnen sahen entweder aus wie abgetakelte alte Huren oder wie aufgetakelte junge." Da verwundert auch nicht mehr, dass Frauen mit Beinbehaarung kritisch beäugt werden. Macho-Rollenprosa, gut getroffen, aber am Ende etwas fad und genauso anstrengend wie die Romanstruktur. Ist Bob nicht in Wirklichkeit eine Erfindung des Erzählers, ein Wunsch-Ich, das auf den Tanz mit den Frauen irgendwann ganz verzichtet? Die Identitätsverrätselung hat nichts Spielerisches; es ist ein altersmüder Frauenheld, der sich zum Weibe bettet, einmal sind es sogar zwei, ganz junge sogar. Wie strapaziös. Wenn er alleine ist, zählt er Frauen statt Schäfchen zum Einschlafen.

Man kann das verkorkste Bäumchen-wechsel-dich von Pivonas' Figuren bisweilen herrlich absurd finden und die ein oder andere Stelle dieser sprunghaften Prosa amüsant. Ein Lesevergnügen wird daraus leider aber eher nicht, schon allein deswegen, weil die grotesken Projektionsfiguren Puder und Trockeneisz keineswegs raffinierte Schöpfungen sind, sondern manierierte literarische Winkelzüge. Sie erschweren die Lektüre dieses Buchs, das von einem ambitionierten Autor stammt und sich am ehesten als allzu zwanglose Collage einiger schwerwiegender Seelenschäden und scheinbar dazugehöriger erotischer Freiheiten bezeichnen lässt. Die Bissigkeit der äußerlichen Taxierung kann dabei manchmal wunderbar bösartig geraten: Nicht jeder Kollege wird um seine Angetraute beneidet, weil diese manchmal "etwas von der Obszönität einer Ginseng-Wurzel haben; man sollte sie in der Erde lassen".

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tom143 05.06.2014
1. hier wundert einen wohl gar nix mehr
"Da verwundert auch nicht mehr, dass Frauen mit Beinbehaarung kritisch beäugt werden." Wuahahaha, willkommen in Deutschland
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