Roman über manisch-depressive Mutter Von der Sehnsucht nach Normalität

Alkohol, Schläge und exzessive Liebe: Die französische Autorin Violaine Huisman schreibt in "Die Entflohene" über ihre um Stabilität ringende Mutter - und Verheerungen an Kinderseelen.

Autorin Violaine Huisman
Beowulf Sheehan/ S. Fischer

Autorin Violaine Huisman


Wenn Catherine verbal austickt, sieht das in etwa so aus: Ihre Töchter würden sie ankotzen, schreit sie ihnen ins Gesicht, sie seien arme kleine Kröten, undankbar und dumm. Sie habe ständig Opfer für ihre Kinder gebracht, und sie sollten sie in Ruhe lassen mit ihren lächerlichen Problemchen. Ein ununterbrochenes Lamento, das die Mädchen mit einem pflichtschuldig reuevollen Gesicht ertragen - das haben sie mittlerweile gelernt.

Man könnte zunächst meinen, Violaine Huismans Roman "Die Entflohene" sei ein Beitrag zur "Regretting motherhood"-Debatte, dem Bedauern von Müttern, Kinder bekommen zu haben. Catherine ist jedoch eine janusköpfige Mutter: Einerseits beschimpft sie ihre Töchter, andererseits überschüttet sie sie mit ihrer überbordenden Liebe, und so können die Mädchen gar nicht anders, als die Mutter exzessiv zurück zu lieben. Mutterschaft, das bedeutet für Catherine, die manisch-depressiv ist, Segen und Fluch zugleich.

Autorin Huisman verarbeitet mit dem Buch ihr eigenes Leben und Leiden: Sie ist die jüngere Tochter einer kranken Mutter, "Die Entflohene" wirkt wie eine atemlose Achterbahnfahrt durch die Psyche einer auffallend schönen und schwer labilen Frau.

Es gibt eigentlich nichts, was Catherine, die stets in Designerklamotten und mit Vamp-Attitüde auftritt, nicht exzessiv betreibt. Sie fährt halsbrecherisch Auto, ständig rauchend, auf der Rückbank die Töchter. Auch sonst tut Catherine eine Menge, um sich zu Grunde zu richten. Sie trinkt, nimmt Unmengen von Medikamenten, Beruhigungs-, Schmerz-, Schlaf- und Aufputschmittel, alles zusammen. Halt gibt ihr nur ihre Tanzschule, die sie mit großem Engagement betreibt.

Preisabfragezeitpunkt:
19.05.2019, 01:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Violaine Huisman
Die Entflohene: Roman

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
256
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Eva Scharenberg

Antoine, ihr Gatte, ein reicher Geschäftsmann, ist für Catherine kein wirkliches Korrektiv. Er wirft sein Geld zum Fenster raus, vergnügt sich in diversen Affären - ganz anders als der ruhige, aber unspannende Paul, Catherines erster Ehemann. Alles in allem eine schrecklich durchgeknallte Familie, in der es keinen Alltagstrott gibt, obwohl sich alle nach Normalität sehnen, allen voran die Töchter.

Wie im Halbkoma

Catherine ist eine Meisterin der Selbsttäuschung. Sie verlässt Antoine, den sie liebt und mit dem sie ständig streitet, weil sie meint, ein neuer Mann würde sie retten und ins Lot bringen. Doch der neue "Typ" erweist sich als Niete. Als Catherine herausfindet, dass er mit seiner Sekretärin schläft, ist sie außer sich.

Schließlich landet sie in der Psychiatrie, und als sie nach längerer Zeit zurückkommt, ist sie mit Medikamenten vollgepumpt und erscheint wie im Halbkoma. Trotzdem kümmert sie sich, assistiert von Antoine, um die Töchter, irgendwie. Gelegentlich wird sie gewalttätig gegenüber der Älteren, als wolle sie zeigen, wer hier das Sagen hat.

Eine fragile Chefin im großen Chaos, eine moderne Medea, die ihre Kinder zwar nicht tötet, aber zumindest deren Seelenfrieden zerstört. So wie sie selbst als kleines Kind mehr oder weniger zerstört worden war, als sie, schwerkrank, mehrere Jahre in einem Krankenhaus verbringen musste, in dem Besuch verboten war und sie ihre Maman nicht sehen konnte.

Schonungslose Einblicke

Während im ersten Teil des Romans Violaine von ihren Kindheitserinnerungen erzählt, entwirft sie im zweiten Teil die Biografie ihrer Mutter, wie sie sich dieses exzessive Leben vorstellt, das kurz nach dem Krieg, 1947, beginnt und 2009 endet - wie wir im dritten Teil erfahren.

Violaine Huisman, geboren 1979, hat für ihren Debütroman mehrere Preise bekommen. Ihr Buch ist drastisch, atemlos, ungeschönt, entwickelt einen fast fiebrigen Sog und mitunter sogar einen halsbrecherischen Humor - ganz anders als Peter Handkes berühmte Erzählung "Wunschloses Unglück", in der der Autor eher distanziert von seiner depressiven Mutter und ihrem Selbstmord erzählt.

Dass es in Huismans Roman immer wieder zu inhaltlichen Wiederholungen kommt, ist der Konstruktion des Romans geschuldet und verzeihbar. Manchmal ist es etwas viel Drama, das uns die französische Autorin hier serviert, etwa wenn Catherine, vollkommen in Rage, nicht nur ihre Tanzschule abfackelt und die Karriere ihres Mannes zerstört, sondern auch noch das Familienhündchen absticht.

Trotzdem ist "Die Entflohene" ein starker Text, weil er schonungslose Einblicke in die Psyche einer hochgradig lädierten Frau gibt, die mühsam um Stabilität ringt - aber immer wieder abstürzt.



insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
silbenschleif 25.04.2019
1. Danke für die Rezension
Das ist das Buch, auf das ich gewartet habe. Lebensnah und dabei voller augenzwinkerndem Humor. So macht Lesen wieder Freude!
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Seite 1

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