Elendspanorama "Vorbereitung auf das nächste Leben" Amerika ist erledigt

Eine Geschichte vom unteren Rand der Gesellschaft: Atticus Lish gelang mit seinem Debütroman "Vorbereitung auf das nächste Leben" ein Überraschungshit in den USA, der das Pathos zurück in die Gegenwartsliteratur bringt.
Von Thomas Andre
Autor Lish: Nur Antidepressiva und Freigetränke an der Bar

Autor Lish: Nur Antidepressiva und Freigetränke an der Bar

Foto: Shelton Walsmith

Man erwartet ihn, den Dreck. Man weiß, dass die nächste Ungerechtigkeit kommt, die übernächste schlechte Entscheidung. Amerika ist in Atticus Lishs mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichneten Debütroman "Vorbereitung auf das nächste Leben" ein Land der begrenzten Möglichkeiten.

Ein Land, das seine Männer und Frauen in wahnwitzige Kriege schickt und danach die seelisch lädierten Veteranen kaltherzig sich selbst überlässt. Ein Land, das es sich leisten zu können glaubt, Männer und Frauen nur als Illegale ins Land zu lassen - um ihnen dann die übelsten und schlechtbezahltesten Jobs am unteren Rand der Gesellschaft zuzuteilen, die kein anderer machen will.

Skinner ist ein 23-jähriger Army-Infanterist und nach drei Einsätzen im Irak als tablettensüchtiger Säufer in New York gestrandet: ein depressiver, paranoider und unter Panikattacken leidender Bodybuilder, der mit seiner Pistole hantiert, wenn sich suizidale Tendenzen seiner bemächtigen. Und Zou Lei, seine Schicksalsbegegnung, ist eine ethnische Uigurin, die aus China in die Vereinigten Staaten eingewandert ist. Dort arbeitet sie ohne Arbeitserlaubnis in Suppenküchen, wird im Zuge des Patriot Act kurzzeitig verhaftet und ist grundsätzlich immer in Sorge wegen der Homeland Security; Alltag für Millionen von Menschen, die ohne Greencard in ihrer jeweiligen Community leben.

Dieses Milieu bildet zusammen mit dem des White Trash das Soziotop, in dem Lishs hochgelobter und jetzt auf Deutsch erscheinender Roman spielt. Skinner und Zou Lei verlieben sich ineinander und sind fortan eine hochprekäre Schicksalsgemeinschaft, die stets vom Auseinanderbrechen bedroht ist. In einer unerbittlichen Grisaille zeichnet der 1971 geborene Lish, der vor 9/11 kurzzeitig als Marine in der US-Armee diente, besonders das zwischen Dissoziierung und Hoffnung schwankende Psycho-Wrack Skinner in scharfen Zügen.

Der beinharte Realismus von "The Wire"

Es ist ein literarisches Kunststück, den naiv-theatralischen, nicht sonderlich sympathischen Proll mit unzulänglichen Selbstheilungskräften zum Helden dieser enorm direkten Prosa zu machen, mit dem der Leser trotz allem fühlt. Sie entfaltet mit einfachen Mitteln ein Elendspanorama, das alle soziologischen Wahrheiten über Amerika bündig zusammenzufassen scheint.

Die Verwahrlosung der Unterschicht und das Amerika der Verlierer, die xenophoben Existenzängste der Deklassierten und der nicht weniger unterdrückt-aggressive Verdrängungskampf zwischen den Einwanderern: All das führt der sich auf das genau beobachtende und temporeiche Erzählen verstehende Autor Lish über weite Strecken beeindruckend vor. Die filmisch anmutenden Episoden erinnern bisweilen an den beinharten Realismus der TV-Serie "The Wire".

"Sie wissen alles darüber, wie man im Krieg überlebt, aber nichts über das Zivilleben", sagt einer der Cops, die Skinner desorientiert auf der Straße antreffen. Skinners Kumpel wurde im Irak zum Krüppel geschossen und starb im Homeland Amerika auf der Siechenstation. Die Bilder verfolgen Skinner, der sich außerdem zwanghaft Sequenzen vom Einsatz in der Wüste anschauen muss - sein einziger Halt ist Zou Lei, die Lish konsequent mit falscher Grammatik ausstattet. Die Einwanderin ist eine Lernende, und was sie bei ihrem Liebhaber kennenlernt, ist die Kaputtheit der stolzen Nation, die für ihre Veteranen nur Antidepressiva und Freigetränke an der Bar übrig hat.

Ist "Vorbereitung auf das nächste Leben" ein moralisches Buch? O ja. Es ist außerdem ein Buch, das Pathos zurück in die Gegenwartsliteratur bringt und den Mut, plakativ zu sein. Kitsch as kitsch can, gerade in der Tragik der Loser-Romanze. Höhepunkt der Verschmelzung ist ein gemeinsames Workout im Fitnessstudio, wo die Männer mit den breiten Schultern Zou Lei angaffen: "Wenn sie sie bemerkten, reagierten sie wie Vieh auf der Straße, das nicht weiß, wie es dem Lastwagen ausweichen soll, der hinter ihm hupt." Es ist manchmal auch ein lustiges Buch.

Dass jeder es schaffen kann, heißt nicht, dass jeder es schafft

Mit dem Körper als Landschaft des Leidens: Die Schrapnellwunde am Rücken dient Skinner als hässliche Beurkundung seines Dienstes am Vaterland. Metaphorisch holt Lish alles aus dem physischen Aspekt der menschlichen Existenz heraus. Die Ertüchtigung des Körpers ist der Hebel, mit dem Skinner zurück- und Zou Lei überhaupt erst in die amerikanische Gesellschaft hineinfinden will.

Es geht Lish darum, einen präzisen Eindruck von den Schattenseiten Amerikas zu geben, der Verfügbarkeit von Schusswaffen, dem Alltag im Gefängnis, den allgegenwärtigen Drogen, der unwürdigen Massenunterbringung der Chinesen in Massenverhauen.

Der Appell, den Amerika aussendet, lautet, dass jeder es schaffen kann, wenn er sein Bestes gibt. In einer traumatisierten Gesellschaft, in der die Abgeschlagenen das sichere Ufer immer mehr aus den Augen verlieren, klingt jener Appell hohl. Er hallt auch in diesem fesselnden Roman wider, aber er verzerrt nicht die Realität; dass jeder es schaffen kann, heißt nicht, dass jeder es schafft.

Einmal läuft die entnervte Zou Lei ihrem unberechenbar launenhaften Freund davon, Meile um Meile strebt sie durch die Stadt. Er kann nicht Schritt halten, er röchelt und fordert sich noch einmal alles ab. Für einen Moment befreit ihn die Anstrengung. Wenigstens das.

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Atticus Lish:
Vorbereitung auf das nächste Leben

Übersetzt aus dem Englischen von Michael Kellner.

Arche; 528 Seiten; 24,99 Euro.

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