Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Endlich ein mutiges Buch, das polarisieren wird, frohlockt Peter Henning über Judith Kuckarts "Die Verdächtige". Olga Flor wagt in "Kollateralschaden" ein nur halb gelungenes Experiment, findet Jenny Hoch. Außerdem Bücher von Thomas von Steinaecker, Bernhard Jaumann und Josh Emmons.


Judith Kuckart, "Die Verdächtige", Dumont Buchverlag, 286 Seiten, 19.90 Euro

Mutige Bücher polarisieren. Die Schriftstellerin und Regisseurin Judith Kuckart hat jetzt ein solches Buch vorgelegt. Ein kühnes Buch, elegisch schön und widerstreitend dazu, weil die Autorin furchtlos und gegen alle Trends auf Innerlichkeit setzt.

Eine als Kriminalroman getarnte Liebesgeschichte, die uns in ihren intensivsten Momenten vergessen lässt, dass es sich bei dem Ganzen nur um ein Buch handelt. Denn wo andere sich bloß an ihren eigenen Wendungen wärmen, da wuchert diese Autorin mit Bildern und Gedanken, wie man sie in dieser Originalität zuletzt bei dem großen Nicolas Born gelesen hat.

Im Zentrum des Romans stehen der Kriminaler Robert, den gerade seine Frau verlassen hat, und die ebenso schöne wie geheimnisvolle Marga Burg. Sie hat Robert aufgesucht, um ihren Freund Matthias als vermisst zu melden. Gemeinsam mit seiner Kollegin Nico macht sich der mit seinen Gefühlen für seine Noch-Ehefrau kämpfende Robert auf die Suche nach dem Vermissten. Doch wohin er sich auch wendet – immer ist Marga schon vor ihm da. Bis Robert der Versteckspielerin nach einer gemeinsamen Reise in die Falle geht – und der Nahkampf beginnt.

Entschlossen und nur scheinbar distanziert schiebt Judith Kuckart, die ihre Klasse zuletzt mit Büchern wie "Lenas Liebe" oder "Kaiserstraße" andeutete, ihre Protagonisten wie Schachfiguren hin und her. Bis sich Liebes- und Kriminalgeschichte ununterscheidbar überlagern – und sich jeder auf seine Weise bloß noch zu retten versucht. Mit "Die Verdächtige" ist der Autorin etwas Besonderes geglückt: die Geschichte einer total gewordenen Unsicherheit und des Zweifels an den besten menschlichen Substanzen, den Gefühlen und Gedanken. Wer etwas über Menschen erfahren möchte, die er sonst nicht kennenlernen wird, dem sei Judith Kuckarts Roman dringlich empfohlen. Peter Henning

Thomas von Steinaecker: "Geister". Mit Comics von Daniela Kohl. Frankfurter Verlagsanstalt, 224 Seiten, 19,80 Euro

Thomas von Steinaeckers zweiten Roman "Geister" als "Comicroman" zu bezeichnen, ist etwas übertrieben, schließlich beginnen die gezeichneten Sequenzen erst im letzten Drittel des Buches. Dennoch entwickeln sie sich organisch aus der Handlung. Diese beginnt zunächst ganz konventionell auf eng bedruckten Buchseiten: Die Hauptfigur Jürgen leidet Zeit seines Lebens unter der Abwesenheit seiner älteren Schwester Ulrike. Sie ist vor seiner Geburt verschwunden und wurde wahrscheinlich ermordet. Doch so genau weiß das niemand.

In großen Zeitsprüngen und in klarer, schnörkelloser (Umgangs-)Sprache erzählt von Steinaecker aus der Innensicht Jürgens, wie er heiratet, selbst Vater wird, und dann, von Frau und Tochter verlassen, eine Stelle als Physiotherapeut in der bayerischen Provinz annimmt. Dort beginnt eine ihm unbekannte Frau, ihm aus dem Nichts heraus geheimnisvolle Comics zuzusenden. Sie hat darin das Leben seiner verschollenen Schwester weitergesponnen, mit ihrem eigenen verwoben und daraus die Comicfigur Ute kreiert.

In seiner Einsamkeit taucht Jürgen bald ganz in diese gezeichnete Welt ein, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen zunehmend. Thomas von Steinaecker beweist nach "Wallner beginnt zu fliegen" auch in "Geister" ein hervorragendes Gespür für Situationen, Stimmungen und für die Anstrengungen, die nötig sind, um bis zum Kern des Ichs vorzudringen. Jenny Hoch

Bernhard Jaumann, "Die Augen der Medusa". Ein Montesecco-Roman." Aufbau Verlag, 296 Seiten, 19, 95 Euro

Vergessen Sie Donna Leon, vergessen Sie Venedig! Denn hier kommt ein Italien-Krimi, der diese Bezeichnung verdient. Ein großartiges Stück Kriminalliteratur, das uns in ein Bergdorf namens Montesecco verschlägt und darüber hinaus mit allem wuchert, was das Genre im besten Sinne herzugeben vermag: Figuren, die das Gegenteil von Abziehbildern sind, ein Plot, der uns bis zuletzt bei der Stange hält und ein Geheimnis, das uns zu finsteren Phantasien verführt.

Die Rede ist von dem inzwischen dritten Montesecco-Roman des seit Jahren in Italien lebenden Augsburgers Bernhard Jaumann; einem offenbar viel zu wenig bekannten Meister seines Fachs, der sich seit 2003 "Glauser"-Preisträger nennen darf, und auf den an dieser Stelle mit Nachdruck hingewiesen werden soll. Denn Jaumann ist nicht nur ein findiger Erzähler, der es gekonnt versteht, höchst unterhaltsam Menschenforschung zu betreiben, sondern darüber hinaus ein kühler Perfektionist, der weiß, wie man Spannung erzeugt.

Erzählt wird die Geschichte einer winzigen Dorfgemeinschaft, in welcher jäh das große Verbrechen Einzug hält. Denn als vor den Toren des Städtchens Montesecco der Staatsanwalt einer Granate zum Opfer fällt, und bald darauf einer der ihren als Hauptverdächtiger gilt, macht das Dorf auf ganz erstaunliche Weise mobil gegen die scheinbare Übermacht der präsenten Medien und der Polizei. Eine David-gegen-Goliath-Geschichte rollt an, ein Glücksfall von einem Buch, bei dem am Ende der Mut zum Unerhörten triumphiert. Peter Henning

Olga Flor: "Kollateralschaden", Zolnay Verlag, 208 Seiten, 17,90 Euro

Wenn Menschen in einen Supermarkt gehen, tun sie das meist, um schnell und unkompliziert Lebensmittel einzukaufen. Folgt man allerdings der Schriftstellerin Olga Flor in ihrem dritten Roman "Kollateralschaden" dorthin, dann befindet man sich unversehens mitten in einem vielstimmigen Chor menschlicher Nöte, Ängste und Sehnsüchte.

Im Minutentakt berichtet die Österreicherin, Jahrgang 1968, aus dem Innenleben ihrer zahlreichen Protagonisten. Da ist die junge Rechtsaußen-Politikerin Luise, die doch nur einem Mann gefallen will, der ehemalige Angestellte im Stadtbauamt, der nun seine bettlägerige Frau pflegen muss, der lustlose Azubi Tobias, die kalorienbewusste Doris oder der wütende Obdachlose Anton. Sie alle scheinen in komplett unterschiedlichen Welten zu leben, und doch steuern sie ahnungslos alle auf dieselbe blutige Katastrophe zu.

Olga Flor wagt mit "Kollateralschaden" ein ungewöhnliches Experiment, das ihr eine Nominierung für die Long List des diesjährigen Deutschen Buchpreises eingebracht hat. Beim Lesen fragt man sich allerdings manchmal, was einem alle diese flüchtigen Stimmen eigentlich so unerhört Neues sagen wollen, aber das ist wohl ein Kollateralschaden dieser polyphonen Erzählkonstruktion. Jenny Hoch

Josh Emmons, "Leon Meed beschließt zu gehen." Aus dem Amerikanischen von Karin Dufner. Droemer Verlag, 428 Seiten, 16,95 Euro

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann Josh Emmons imponierendes Romandebüt als Leinwand-Adaption zu bewundern sein wird. Denn das opulente, an Robert Altmans "Short Cuts" erinnernde Epos des Kaliforniers vereint so ziemlich alles, was ein Roman besitzen muss. Noch dazu schielt er kinotauglich in die Abgründe menschlichen Scheiterns: Stories, die sich – geschickt ineinander verzahnt – zu einer Art Totale des beschädigten Lebens ausweiten. Und Charaktere, die man, ist man ihnen einmal begegnet, nie mehr vergisst.

Emmons, Jahrgang 1973, verknüpft eine Handvoll Lebensgeschichten zu einer Art Psycho-Patchwork. Er porträtiert Existenzen, die allesamt danach trachten, ihrem tristen Dasein zu entfliehen. Wesen wie die Lehrerin Elaine, die sich fühllos ihrem Vorgesetzten hingibt, bloß um ihren Job nicht zu verlieren; oder Pechvögel wie die junge Eve, die vom großen Glück phantasiert, während sie in einem McDonalds-Laden Burger grillt. Wie es Emmons vermag, diese Schicksale zu zeichnen, ohne auch nur eine Spur gefühlig zu werden, das ist grandios. So folgt man seinen katastrophischen Geschichten wie mit angehaltenem Atem – gebannt und betroffen von soviel nacktem Überlebenskampf. Peter Henning

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