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19. November 2008, 13:29 Uhr

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Die wichtigsten Bücher der Woche

Als Handwerker des Horrors stößt Stephen King mit seinem Erzählungenband "Sunset" an seine Grenzen, findet Ulrich Baron. Außerdem hat er Wielands beeindruckenden "Agathodämon" noch einmal gelesen. Sibylle Mulot geht mit Dubravka Ugresics "Baba Jaga legt ein Ei" auf ironische Hexenjagd.

Stephen King: "Sunset"
(Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner, Karl-Heinz Ebnet, Sabine Lohmann, Friedrich Mader und Hannes Riffel, Heyne, 480 Seiten, 19,95 Euro)

Dass hier manchmal Börsianer auftauchen und das Zentrum allen Grauens sich an einem Ort namens "Ackerman’s Field" befindet, müssen schrecklicher Zufälle sein. So frisch wie das auf März 2008 datierte Nachwort dieses Bandes ist nämlich nur die Geschichte "N.". Die anderen zwölf haben schon einige Jahre auf dem Buckel und sind für Magazine wie "The New Yorker", "Esquire" und "Playboy" verfasst worden.

Stephen King hat sie so geschrieben, wie man es dort wohl von ihm erwartete – schauerlich, ekelerregend, notfalls auch sentimental und schnörkellos auf absehbare Pointen hin. Das Leben nach dem Tod fällt hier provinziell aus ("Wilma"). Im Jenseits kann man sein Handy nicht aufladen. Selbst einem vermeintlich taubstummen Tramper sollte man nichts über seine Eheprobleme erzählen. Er könnte einem aus Dankbarkeit einen schrecklichen Gefallen tun ("Stumm").

Auch als Profikiller sollte man es ablehnen, eine "Höllenkatze" zu liquidieren, und als Frau an einem einsamen Strand nicht schauen, was dem reichen Nachbarn aus dem Kofferraum hängt ("Das Pfefferkuchen-Mädchen").

Zu warnen ist auch vor wackligen Klohäuschen ("In der Klemme"), die missgünstige Zeitgenossen zu einem widerwärtigen Streich verleiten könnten. Dann gibt es nur einen Ausweg.

Stephen King betätigt sich hier als wackerer, aber nicht sehr inspirierter Handwerker des Horrors - des alltäglichen wie des übernatürlichen. Und er stößt an seine Grenzen. In "N." greift er eine Vorlage des Horror-Altmeisters Arthur Machen (1863-1947) auf. Doch macht er ihm damit wenig Ehre, weil sich die Schrecken des 19. Jahrhunderts nicht mal eben schnell im 21. reproduzieren lassen. Ulrich Baron

Dubravka Ugresic: "Baba Jaga legt ein Ei"
(Aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Berlin Verlag, 368 Seiten, 22 Euro)

In all ihren Texten hat die große, in Amsterdam lebende kroatische Schriftstellerin versucht, autobiografisches Schreiben, Fiktion und Essay zu verbinden. In "Das Museum der bedingungslosen Kapitulation" (1998) verschmolzen diese Elemente zu einer Sternstunde des modernen Romans - der Beschwörung ihrer Kindheit und Jugend und des alten Jugoslawien. In "Das Ministerium der Schmerzen" (2005) thematisierte sie Leben im Exil. Und nun, in "Baba Jaga legt ein Ei", das Alter. Genauer gesagt, alte Frauen.

Drei sehr unterschiedliche Teile fächern sich nacheinander auf. Zunächst wird mit autobiografischem Gestus der Alterungsprozess der Mutter in Zagreb beschrieben, grimmig und anrührend, sowie die Begegnung mit Aba, einer jungen Frau, die der Erzählerin das eigene Alter unangenehm deutlich macht.

Der zweite Teil erscheint als skurriler kleiner Roman über drei Greisinnen, die in ein tschechisches Grandhotel reisen: die eine, um endlich zu sterben, die beiden anderen, um sich zu finden und womöglich am Wellness-Zirkus noch ein wenig teilzuhaben. (Der heimliche Tod der Greisin Pupa beim Hotelswimmingpool-Fest ist ein absolutes Highlight. So könnte man sich das glatt auch vorstellen.)

Der dritte Teil präsentiert sich als gelehrte Abhandlung über die slawische alte Hexe Baba Jaga. Die Volkskundlerin Dr. Aba Bagay (Aba aus dem ersten Teil? Oder (B)aba (Y)aga höchstselbst?) unternimmt es, für den "Verleger" die beiden vorliegenden Texte, also Mutterbericht und Drei-Greisinnen-Roman, auf verborgene Baba-Jaga-Bezüge abzuklopfen. Das ist wunderbar ironisch, amüsant und sehr lehrreich. Vor allem funktioniert es rückwirkend als verbindendes Konzept, das den gesamten Text noch einmal intensiv und anders aufleuchten lässt.

Hexen, Exgöttinnen, Große Mütter, Alte und uns selbst werden wir in Zukunft jedenfalls ganz anders betrachten. Sibylle Mulot

Christoph Martin Wieland: "Agathodämon"
(Herausgegeben von Jan Philipp Reemtsma, Hans und Johanna Radspieler, Insel Verlag, 308 Seiten, 34 Euro)

Was hätte aus dem Römischen Reich werden können, wenn sich dort nicht das Christentum ausgebreitet hätte, sondern die Schule des Apollonius von Tyana? In Christoph Martin Wielands Briefroman von 1799 tritt dieser antike Weise als "Agathodämon", als "guter Geist", auf und befreit seine Lebensgeschichte von den Wundertaten, die ihm ein wohlmeinender Biograf angedichtet hat.

Zu seinen angeblichen Wundern zählte die Erweckung Toter ebenso wie die Vertreibung einer vampirischen Empuse sowie ein ferngelenkter Tyrannenmord. Kein Wunder also, dass der Agathodämon die Berichte von Christi Auferstehung und Himmelfahrt als Verklärung eines Scheintodes durch dessen Apostel deutet.

In Gesprächen mit seinem Besucher Hegesias von Cydonia prophezeit Apollonius gleichwohl den Siegeszug des Christentums ebenso wie dessen Verstrickung in Mythologie und deren Überwindung im Zeitalter der Aufklärung. Doch weiß er auch, "daß es wohlthätige Vorurteile und schonenswerte Irrtümer" gebe, welche "weder eingerissen, noch unbehutsam untergraben werden dürfen, bis das neue Gebäude auf einem festern Grund aufgeführt ist".

Wielands Spätwerk ist zugleich literarische Religionskritik und Demonstration jenes "Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", als den Kant die Aufklärung definiert hat. Hier wirkt wahrlich ein guter, unbestechlicher und zutiefst menschlicher Geist. Ulrich Baron

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