Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Pennäler und Probleme: Sibylle Mulot erwärmt sich für François Bégaudeaus Erfahrungsbuch "Die Klasse". Japans Schockautorin Hitomi Kanehara und ihr Roman "Obsession" ließen Jenny Hoch dagegen kalt - während Ulrich Baron mit Stefán Mánis "Das Schiff" fieberhafte Nächte erlebte.


François Bégaudeau: "Die Klasse"
(Aus dem Französischen von Katja Buchholz und Brigitte Große. Suhrkamp Verlag, 232 Seiten, 12,90 Euro)

Tag für Tag steht François Bégaudeau in einem Pariser Problembezirk vor seiner Klasse. Er ist Französischlehrer im Collège, dem Herzstück des französischen Schulwesens. Hier, in Klasse sechs bis neun, sind alle noch beisammen. Nach dem Abschluss (einer Art Mittleren Reife, dem "Brevet") erlischt die Schulpflicht. Die Guten gehen drei weitere Jahre aufs Lycée, bis zum Abitur ("Bac"), die anderen werden mit fünfzehn entlassen.

Sisyphos an der Tafel. Vor ihm Nordafrikaner, Schwarzafrikaner, Immigrantenkinder, chinesische Flüchtlinge, Franzosen. Frankreich ist bekanntlich das Land, in dem man sich Sisyphos "glücklich" vorstellt. Also tagaus, tagein dasselbe: schülerseits Unvermögen, Unwillen, Unbildung, die schier nicht weichen wollen (manchmal doch), lehrerseits Engagement, Frust, Überdruss, blanke Nerven, Disziplinierungsmaßnahmen, die uns altmodisch vorkommen.

Ist "Die Klasse" das Buch zum Film? Nein, umgekehrt. Das Buch wurde schon 2006 veröffentlicht und preisgekrönt. Der Film kam 2008 heraus und erntete die Goldene Palme in Cannes. Bégaudeau spielt darin selbst die Hauptrolle, zusammen mit seinen Schülern. Im Buch pflegt er einen äußerst lakonischen Stil und repetitive Strukturen - ein Nouveau Roman im Schulmilieu, pur und packend. Der (kommende Woche auf Deutsch anlaufende) Film traut sich dies leider nicht zu: eine dramaturgisch scheinbar opportune Verstrickungshandlung wurde in der zweiten Hälfte für die Hauptperson dazukonstruiert - Ergebnis: zwitterhaft. Fast große Kunst. Das Buch dagegen ist aus einem Guss. Jeder wird jeden Tag schuldig, im Alltagstakt.

Die deutsche Buchübersetzung entstand unabhängig von der Filmsynchronisierung. Sie trifft den Ton des Originals sehr gut, meistert die Übertragung so vieler kultureller Unübersetzbarkeiten redlich, und die unvermeidlichen kleinen Fehler halten sich in engen Grenzen. Buch wie Film spielen in einem französischen Problembezirk. Sie entsprechen also nicht den Erfahrungen der großen Mehrheit französischer Schüler. Sondern den Erfahrungen anderer Problembezirke, auch international. Sibylle Mulot

Hitomi Kanehara: "Obsession"
(Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Ullstein Verlag, 224 Seiten, 18 Euro)

Ihr erster Roman "Tokyo Love" schlug ein wie eine Bombe. Die Japaner waren schockiert über die Brutalität und Offenheit, mit der eine 19-Jährige über eine emotional verwahrloste Jugendliche und deren Lust an Schmerz und Erniedrigung schrieb. Hitomi Kanehara wurde mit dem begehrten Akutagawa-Preis ausgezeichnet und gilt seitdem als Literaturstar.

Ihr neuer Roman "Obsession", der nun auf deutsch erscheint, kreist um ähnliche Themen: die Ziellosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung der jungen Generation Japans.

Exzentrisch ist gar kein Ausdruck, um das Wesen der 22-jährigen Rin zu beschreiben. Sie ist heillos Ich-bezogen, neurotisch und besessen von der Vorstellung, ihr frisch angetrauter Ehemann könnte sie betrügen. Also quengelt und nervt die kapriziöse junge Dame, die von Beruf Nachwuchsautorin ist, so lange, bis ihr selbst die Idee kommt, dass ihre notorische Unselbständigkeit und ihre beinahe schon psychotischen Zustände die Folge großer Verletzungen in ihrer frühen Jugend sein könnten. Auf Anregung ihres Verlegers beginnt sie eine Autofiktion zu schreiben, in der sie sich schrittweise in die Vergangenheit zurückbewegt.

Von der Anlage her ist "Obsession" ein harter, schneller Roman, dessen gedanklichen Sprüngen man Anfangs gerne folgt. Doch allzu schnell setzt ein gewisser Ermüdungseffekt ein: Zu abgedroschen wirken die Sex-, Orgien- und Selbstbestrafungsszenarien, die Rin sich auferlegt, zu unplausibel und verkürzt die Charakterisierung dieser Figur. Große Literatur ist das nicht, aber immerhin eine ungeschminkte Innenansicht der desorientierten japanischen Jugend. Jenny Hoch

Reinhard Wolters: "Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien"
(C. H. Beck, München, 255 Seiten, 18,90 Euro)

Seit Monaten bereiten sich Legionen von Autoren, Verlegern und Buchhändlern vor, die Schlacht gegen den römischen Feldherren Publius Quinctilius Varus ein zweites Mal zu gewinnen.

Aus der Vielzahl einschlägiger Publikationen hebt sich dabei das Buch des Tübinger Historikers Reinhard Wolters positiv hervor: Es präsentiert seine fundierte Gesamtdarstellung knapp und übersichtlich und ist in jeder Hinsicht preiswert. Der Tonfall ist sachlich, und Wolters verzichtet auf jene narrativen Elemente, die suggerieren, der Autor sei selbst dabeigewesen.

Tatsächlich war der heute zum "Urknall der deutschen Geschichte" aufgeblasene Sieg des Cheruskers Arminius über die römischen Legionen im Jahre 9 nach Christus bald in den Wäldern Germaniens verhallt. Mehr als ein Jahrtausend lang wurde die Erinnerung daran nur in einigen vergessenen – was Lokalisierung und Details anging ziemlich unergiebigen - lateinischen Quellen bewahrt, die in Klosterbibliotheken ihrer Wiederentdeckung harrten.

Ausgangspunkt der Arminius-Begeisterung war dann 1445 die Wiederentdeckung des "Germania" des Tacitus im Kloster Hersfeld, in deren Folge an über 700 Orten in Deutschland vergeblich nach eindeutigen archäologischen Befunden gesucht wurde.

Beeindruckender als die Geschichte der Schlacht erscheint also die ihres Vergessens, und in beiden Fällen erweist sich Wolters als ein ausgezeichneter Führer.

Dieses Geschichtsbuch erreicht literarische Qualitäten gerade durch den konsequenten Verzicht auf dichterische Freiheiten und besticht immer wieder durch nüchterne Feststellungen wie diese: "Nach allem, was wir wissen, wurde der Name 'Germane' von den Bewohnern jenseits des Rheins niemals als Selbstbezeichnung benutzt." Ulrich Baron

Stefán Máni: "Das Schiff"
(Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. Ullstein, 414 Seiten, 19,90 Euro)

Dieser isländische Schauerroman kommt wie gerufen zum Wintereinbruch: Neun Männer treiben auf einem Frachter, dessen Kommunikationseinrichtungen und Antrieb durch Sabotage zerstört sind, aus dem hohen Norden bis in antarktische Gewässer.

Warum sie das tun? Poes "Arthur Gordon Pym" und Lovecrafts "Berge des Wahnsinns" dürften nicht ganz unschuldig daran sein, dass der 1970 in Reykjavik geborene Stefán Máni sein "Schiff" auf diesen Kurs gebracht hat.

Doch lassen wir die Ahnen erst einmal ruhen, auch wenn Lovecrafts Monstergott Cthulhu hier bald sein grässliches Tintenfischhaupt erheben wird. "Das Schiff" – das sind 4000 Tonnen Stahl, die wild über die Wellen tanzen, und darin gefangen sind jene neun Männer, von denen jeder ein mehr oder weniger schreckliches Geheimnis hütet.

So gleicht dieser Roman einer infernalischen Verwechslungskomödie: Der eine ist ein Saboteur und Mörder, ein anderer huldigt unaussprechlichen Kulten, ein dritter hat Waffen an Bord geschmuggelt, und der Kapitän will einfach aussteigen.

Und dann ist da auch noch Mánis Joker, der Mann, der sich selbst auf gut Isländisch "Kölski" also "Satan" nennt. Er hat die Stelle eines anderen eingenommen. Für die Rausch- und Fieberphantasien jenes Zurückgelassenen könnte man diese Geschichte bisweilen halten, denn Máni lässt die Handlung beim Wechsel der Figurenperspektive wiederholt zurückspringen, wodurch man dieselbe Szene aus anderen Augen noch einmal erlebt.

So gleicht dieser Roman einem Alptraum, der einen immer wieder an Punkte zurückbefördert, an denen ein neuer Schrecken begonnen hat. Ein verlässlicher Begleiter für Nächte voller Fieber und Kälteschauer. Ulrich Baron

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insgesamt 1302 Beiträge
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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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