Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Der Psycho- als Partykiller: Philip Kerrs Thriller "Das letzte Experiment" hätte mehr Sorgfalt verdient, findet Ulrich Baron. Als hellsichtiger Zeitkritiker erweist sich der Ungar Sándor Márai - Sibylle Mulot ist von seinen Tagebüchern begeistert.


Philip Kerr: "Das letzte Experiment" (Aus dem Englischen von Axel Merz. Wunderlich, 462 Seiten, 19,90 Euro)

Man muss wohl Brite und erfolgreicher Thriller-Autor sein, um die davongelaufene Nazi-Prominenz von Eichmann bis Dr. Mengele gleich scharenweise auftreten zu lassen. Beim 1957 in Edinburgh geborenen Philip Kerr geht das so: Im Jahre 1950 kommt der Privatdetektiv Bernie Gunther zusammen mit etlichen untergetauchten NS-Größen ins argentinische Buenos Aires, wo ihn der Diktator, pardon: Präsident, Perón zu Ermittlungen in einer delikaten Angelegenheit bittet.

Ein junges Mädchen ist bestialisch ermordet worden; ein anderes ist verschwunden. Und es scheint Parallelen zu einem Fall zu geben, in dem Gunther 1932 während seiner Zeit bei der Berliner Mordkommission ermittelt hatte, bis ihn die Nationalsozialisten aus seinem Amt drängten. In Argentinien hat man nun den finsteren Verdacht, dass einer der Massenmörder, denen man Unterschlupf gewährt hat, ein psychopathischer Serienkiller sein könnte. Gunther hingegen stellt bei seinen Ermittlungen fest, dass in diesem Lande nicht nur Mädchen, sondern auch Juden verschwunden sind.

Wenn Kerr hier die Banalität des Bösen ironisieren wollte, so ist er auch deshalb gescheitert, weil sich Schreibtischtäter, denen ihr Steckbrief gewissermaßen an die Brust geheftet ist, in einem Psychothriller als Partykiller erweisen. Auch scheint der Ausdruck "Gratis-Peepshow" im Jahre 1932 verfrüht. Und das berühmte Berliner Künstlerlokal der Weimarer Zeit hieß nicht "Römisches Café", wie auf Seite 35 der deutschen Übersetzung, sondern "Romanisches Café", wie auf Seite 79. Egal ob Ermittlungs- oder Übermittlungsfehler – das stört die ansonsten durchaus spannende Lektüre erheblich. Ulrich Baron

Sándor Márai: "Literat und Europäer. Tagebücher I: 1943 – 1944"
(Aus dem Ungarischen von Akos Doma, herausgegeben von Ernö Zeltner. Piper, 474 Seiten, 39,90 Euro)

Sándor Márai: "Unzeitgemäße Gedanken. Tagebücher 2: 1945"
(Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz, herausgegeben von Ernö Zeltner. Piper, 436 Seiten, 39,90 Euro)

Sándor Márai war an seinem 43. Geburtstag im April 1943 der erfolgreichste Schriftsteller Ungarns. Nach eigener Aussage "manisch-depressiv veranlagt", litt er nach vielen glänzenden Jahren jetzt unter Zweifeln - an seiner journalistischen Überproduktion, an manchen seiner rasch dahin geschriebenen Romane. Sein kleiner Sohn war 1939 mit sechs Wochen gestorben, darüber kam er nicht hinweg. Politisch stand er als Bürgerlich-Liberaler auf verlorenem Posten. Ungarn befand sich auf deutscher Seite im Krieg, Nazis und Pfeilkreuzler triumphierten. Eine Nervenentzündung lähmte ihn monatelang.

Was dem Angeschlagenen in dieser Situation Halt gab, war eine für ihn neue Form des Schreibens: das Tagebuch. Ein Raum der Verzögerung, zwischen Journalismus und Fiktion. Dichter schrieben Tagebücher, Márai jetzt auch. Ein Jahr noch unter Friedensbedingungen. Dann, im März 1944, besetzten die Deutschen Ungarn, flohen die Márais aufs Land, war seine jüdische Frau plötzlich gefährdet, wurde ihr Vater deportiert, mussten Verwandte versteckt werden, brach die alte Welt zusammen.

Das Tagebuch war der Anker. Ich schreibe, also bin ich. Ich lese, denke und betrachte noch, gehe den Weg nach innen. Keine Kompromisse, stattdessen der Versuch, sich von einer Riesen-Enttäuschung namens Mensch zu lösen. Diesen Versuch wird Márai 45 Jahre lang fortsetzen. Und seine Tagebücher wird man später als das Hauptwerk des 'alten' Márai würdigen. In enger Zusammenarbeit mit ihnen, gewissermaßen, wurde er zu dem, den wir kennen: der standhafte Zinnsoldat des Pessimismus, der Stoiker.

Manisches Gefuchtel und Gefunkel

Stoiker? Doch nicht ganz. Das Unternehmen Tagebuch erreichte Gemütsberuhigung nur zum Teil. Der unendliche Zauber einer gebändigten, alles durchdringenden Melancholie wird immer wieder von manischem Gefuchtel und Gefunkel durchkreuzt. Márai war auch ein wütender Misanthrop, ein heftiger Zeitkritiker, ein besessener Prediger und virtueller Weltenlenker. Robert Musils Selbstanalyse ("Warum ich Schriftsteller geworden bin? Weil ich die Welt beherrschen wollte"), gilt für Márai genauso.

Natürlich suchte er bald auch mit seinen Tagebüchern wieder das Licht der Öffentlichkeit. Er gab sie (mit angemessenen Kürzungen) alle paar Jahre selbst heraus, während des Exils in einem ungarischen Exilverlag. Einzig seine letzten Aufzeichnungen von 1984 bis zu seinem Freitod 1989 erschienen später schon in voller Länge. Es gab hier nichts mehr zu kürzen. Der Funke war erloschen. Sie erschüttern in ihrer Heimatlosigkeit und Vereinsamung (und begleiteten den deutschen, nach Kanada ausgewanderten 62-jährigen Schriftsteller Lothar Baier in seinen Freitod).

Der Berliner Oberbaum Verlag hatte Márais Auswahl schon vor zehn Jahren auf Deutsch herausgebracht. Aber die unveröffentlichten Aufzeichnungen hierzu füllten einen Überseekoffer. Deshalb begann der Helikon Verlag in Ungarn vor einigen Jahren, eine vollständige Márai-Tagebuch-Edition zu erstellen, die der Piper Verlag in neuer Übersetzung auf Deutsch herausgibt - in "einer heute noch nicht endgültig feststehenden Zahl von Bänden". Tatsächlich umfassen schon die beiden ersten neuen Bände aus den Jahren 1943 bis 1945 hunderte von Seiten mehr als ihre Vorgänger. Was hatte Márai alles gekürzt?

Im ersten Band von 1943/44 praktisch nur die Spitzen. Seine Tagebücher sind keine Enthüllungs-Diarien, sondern ein Mix aus Leseerlebnissen, Beobachtungen der politischen Situation, Naturbeschreibungen, Gedanken über die Arbeit des Schriftstellers und Seelenerforschung. Bis zu einem Grad, der eine innerste Privatheit respektiert. Márai schrieb so, dass alle es lesen konnten. Mit Ausnahme der politischen Gegner und Kritisierten natürlich. Also ließ er, als er sie kurz nach dem Krieg in Ungarn veröffentlichte, einige zu scharf, zu misanthropisch, zu ausführlich oder zu privat geratenen Stellen weg.

Die eigentliche Überraschung ist der zweite Band aus dem Jahr 1945. Nur ein geringer Teil hiervon war im Sammelband "Tagebücher 1945 - 57" erschienen. Somit bietet die neue Ausgabe auf ihren jetzt 400 Seiten ein Dokument von hohem persönlichen und zeitgeschichtlichen Wert. Sie zeigt den Autor so direkt und unmittelbar wie selten bisher. Was für ein Jahr: Bombardements, Front, russische Befreier, der Versuch, das langsam bekannt werdende Ausmaß an Zerstörung und Ermordung zu verkraften, Pläne zur Auswanderung, die Notwendigkeit, im Hier und Jetzt zu überleben.

Márai zeigt sich als Wanderer zwischen Dorf und zerstörtem Budapest, Hunger und Nahrung, den alten Stadtverlockungen und den neu entdeckten Vorzügen des Landlebens. Er erscheint gelockerter, frischer, schreibt farbig, poetisch, anschaulich (und die Übersetzung liest sich wunderbar).

Für ihn dann besonders schwer erträglich: das Tun und Treiben der Täter, Mitläufer, Wendehälse, wildgewordenen Sieger, Ungebildeten, Vorlauten, Niveaulosen und Halbtalentierten! Sein ständig wiederholtes Klagen über den Fehlschlag von Bildung und Erziehung in Ungarn birgt ein tieferes Problem: Márais Leiden am anderen, an allen anderen - seine generalisierte Heterophobie. Ausnahme und Lichtblick: der kleine János, vier Jahre alt, sein späterer Adoptivsohn.

Es ist ein spannendes Vergnügen, Márai auch bei der allmählichen Verfertigung seines intellektuell-politischen Nachkriegs-Ichs zu begleiten. Manche seiner Zukunftsvermutungen sind so hellsichtig, dass man glauben könnte, sie wären später eingefügt. Zu Silvester 1945 sein Fazit: "Zwei Weltkriege habe ich erlebt. Ich glaube, jetzt folgt der dritte: mein eigener, also der wirkliche. Vielleicht überlebe ich ihn." - Auch dies klingt so gegenwärtig, als habe die Zeit sich nicht weitergedreht. Sibylle Mulot


Sándor Márai-Abende zu den neu erschienenen Tagebüchern: Literaturhaus Stuttgart, Mittwoch, 21. Januar, Literaturhaus Frankfurt, Mittwoch, 4. Februar, Literaturhaus Hamburg, Donnerstag, 5. Februar, jeweils 20.00 Uhr. Mit Sigrid Löffler und dem Schauspieler Jochen Nix.

Iwan Bunin: "Der Sonnentempel. Literarische Reisebilder"
(Deutsch von Dorothea Trottenberg, herausgegeben von Thomas Grob. Dörlemann, 416 Seiten, 24,90 Euro)

Anders als viele seiner Schriftstellerkollegen hat Iwan Bunin (1870-1953) dem Imperium des Zaren und seiner roten Nachfolger immer wieder entkommen können. Seine Reisen führten ihn in das westliche Europa, ins zerfallende Osmanenreich, zu den Moscheen Istanbuls und den Stätten der Bibel, durch Ägypten und bis nach Ceylon. Und 1920 ins französische Exil, von wo aus er 1933 gen Norden aufbrach, um als erster Russe den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen.

Seine literarischen Reisebeschreibungen gleichen jener Distel, die man "Rose von Jericho" nennt, und der er eine kleine Abhandlung über den Glauben an das ewige Leben gewidmet hat: "Wenn ein Pilger sie ausreißt und Tausende Werst weit wegbringt von ihrer Heimat, kann sie jahrelang liegen, trocken, grau, tot. Wenn man sie aber ins Wasser legt, beginnt sie sogleich zu knospen, winzige Blättchen anzusetzen und eine rosafarbene Blüte."

Da steht Ende des 19. Jahrhunderts ein russischer Schriftsteller vor dem Grabmal des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861) am Flusse Dnepr und preist ihn als "Zierde der russischen Literatur". Angereist ist er "Auf Kosakenart", auf einem Schiff, das "Tschaika" (Möwe) heißt. Er ahnt nichts von Revolution, von Zerfall, von Gazprom. Meint nur die Klage des Toten zu hören: "Warum habt ihr mich ins Grab gelegt, da ich doch Gottes Welt und meine Heimat so geliebt habe!"

Es ist dieser Stachel der Vergänglichkeit, dieser Eindruck, dass hier jemand alles in der Welt zum ersten und zum letzten Mal erblickt, der diesen Stücken einen unvergänglichen Zauber verleiht. Ulrich Baron

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insgesamt 1302 Beiträge
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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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