Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Diagnose Psychose - für die Angehörigen ist der Ausbruch einer Geisteskrankheit eine Familien-Katastrophe. Michael Greenberg hat einen literarisch dichten Erfahrungsbericht daraus gemacht. Außerdem in "Vorgelesen": Blinde Helden auf Island und Sibylle Knauss' prähistorischer Roman "Eden".


Michael Greenberg: "Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde. Eine wahre Geschichte"
(Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Christian Oeser. Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 19,95 Euro)

Angehörigenliteratur - ein aufstrebendes Genre, zwischen Sachbuch und Roman. Seit gut zehn Jahren traut man sich. John Bayley schrieb damals über seine an Alzheimer erkrankte Frau Iris Murdoch - Tilman Jens heute über seinen dementen Vater. Die Bestsellerautorin Danielle Steel damals über ihren manisch-depressiven Sohn Nick - der New Yorker Michael Greenberg heute über seine manisch-depressive Tochter Sally.

Prominent besetzt oder nicht, literarisch unterschiedlich stark: Immer entsteht das Porträt eines Angehörigen, seiner Krankheit und der Probleme, die sich daraus für "die anderen" ergeben. Und ein Bild des Schreibenden selbst.

Vom Ausbruch der Manie bei seiner fünfzehnjährigen Tochter wurde der damals noch unbekannte Schriftsteller Greenberg völlig überrascht. Eine Psychose, der komplette Zusammenbruch der Vernunft und Durchbruch des Wahns, brachte sie in die Psychiatrie. Greenberg zog praktisch mit ihr dort ein, ließ sich nicht abweisen. Er lernte die Krankheit kennen, protokollierte die Therapie.

Immer mehr Mitglieder seiner Patchwork-Familie tauchten mitfühlend und mitteilsam im Besucherraum auf - die Psychiatrie als geselliger Ort, als familientherapeutisches Zentrum, ironisch gespiegelt in einem fremden Chassiden-Clan, der sich dort ebenfalls aufhielt, bewundernd um einen heilig-wahnsinnigen Toraschüler geschart. Greenberg selbst bewunderte (beneidete?) die metaphorische Sprachkraft seiner Tochter, den Lyrismus ihres Wahns. Er entdeckte historische Leidensgefährten: den US-Lyriker Robert Lowell; die Tochter von James Joyce, Lucia; Virginia Woolf, Robert Schumann...

Knapp vier Wochen später wird Sally mit stärksten Medikamenten, mit einem "Verhaltensvertrag" und der Diagnose Bipolar I wieder entlassen. Nun sind die Angehörigen gefordert. Sie werden dabei selbst fast verrückt, unter einem heißen Teerdach im New Yorker Village, in der Hitze des Sommers 1996, als Margaux Hemingway sich das Leben nahm. Sally überlebt. Bleibt jahrelang symptomfrei, erleidet zwei Rückfälle. Ein Buch wie eine Glasglocke, in die man sich von außen hineinliest. Sibylle Mulot

Jón Kalman Stefánsson: "Himmel und Hölle"
(Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Reclam, 231 Seiten, 18,90 Euro)

"Poesie zu lesen, ist lebensgefährlich", denkt der Junge. Das Buch, das seinem Freund Bárður das Leben gekostet hat, erzählt vom verlorenen Paradies. Der Engländer John Milton hat es geschrieben, und geliehen hatte es ihm der Kapitän Kolbeinn, der vierhundert Bücher gesammelt, aber sein Augenlicht verloren hat.

"Vielleicht ist die Hölle eine Bibliothek, und du bist blind", hatte der Kapitän gemurmelt. Vielleicht ist die Hölle aber auch ein offenes Boot mit sechs Ruderplätzen, in dem man merkt, dass man seinen Parka vergessen hat, weil einen die Verse Miltons nicht loslassen wollten. Vielleicht ist die Hölle ein eisiges Nichts, das Bárður das Leben aussaugt, während ein Sturm aufzieht und die letzte Fischleine gekappt wird.

Was die fünf Überlebenden dann von Bárður an Land bringen, ist eine leere Hülle, und der namenlose Junge hat mit seinem Freund auch den letzten Rettungsanker verloren. Das einzige, was ihn noch mit dem Leben verbindet, ist das Buch, das er seinem Besitzer zurückgeben muss, das Buch vom verlorenen Paradies.

Der 1963 geborene Jón Kalman Stefánsson erzählt von einer Zeit, die auf Island noch gar nicht so lange vergangen ist, von Helden die alt geworden sind und blind, von der beunruhigend schönen, schwarzäugigen Wirtin Geirþrúður, und von der Mühe, die es kostet, in diesem Leben zwischen Himmel und Hölle standzuhalten. Ein Buch wie eine Perlenauster, unter deren rauer Schale sich ein strahlender Schatz verbirgt. Ulrich Baron

Sibylle Knauss: "Eden"
(Hoffmann und Campe, 383 Seiten, 22 Euro)

Der Berg schreit, und Asche rieselt vom Himmel, als die haarigen Gestalten dieses Romans um ihr Leben laufen. Der Berg hustet, der Berg brennt, und sein flockiger Auswurf schmeckt wie etwas Totes. Dann fällt Regen herab und verwandelt die Asche in Schlamm.

Der Mann, die Frau, das Kind, die da flohen, sind seit Millionen von Jahren tot. Geblieben sind nur ihre Fußspuren, die sich im erstarrenden Vulkanschlamm erhalten haben. Dreieinhalb Millionen Jahre lang, bis eine andere Frau einem anderen Mann nach Afrika folgt, um mit ihm zusammen nach den Resten unserer frühesten Vorfahren zu graben: Die Paläoanthropologen Mary und Louis Leakey sind die eigentlichen Helden dieses Romans. In ihren Genen lebt das Erbe jener Flüchtlinge fort, die schon den aufrechten Gang, aber noch keine Steinwerkzeuge kannten.

Sibylle Knauss hat mit "Eden" nicht einfach einen weiteren prähistorischen Roman geschrieben. Das Bewusstsein ihrer in eindrucksvollen Szenenfolgen auftretenden Urmenschen ist noch unentwickelt, ihre Gedanken sind zunächst skizzenhaft, aber ihr archaisches Denken und ihre Instinkte spiegeln sich noch in der spannungsreichen Beziehung von Mary und Louis wider. Am Ende von Marys Leben dann kehrt sich die Zeit um und reißt die greise Forscherin mit sich, weit zurück in die Ära der ersten menschenähnlichen Wesen - und darüber hinaus bis zum Anfang und Ende allen Lebens.

"Eden" verbindet Evolutionsgeschichte und Paläontologie zu einer Geschichte, in deren besten Momenten der Blick in jenen Abgrund aus Zeit hinabfällt, aus dem sich die Menschheit mühsam herausarbeiten musste, bevor sie in die kurze Phase ihrer überlieferten Geschichte eintreten konnte. Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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