Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

In der Finanzkrise kriegen wir die Bücher, die wir verdient haben. Zum Beispiel Laurent Quintreaus furiose Höllenfahrt einer Gruppe Top-Manager. Außerdem: solide Krimikunst von P.D. James und kluge Zeitgeschichten von Peter O. Chotjewitz.
Von Ulrich Baron und Daniel Haas

Laurent Quintreau: "Und morgen bin ich dran. Das Meeting"
(Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz, Unionsverlag, 184 Seiten, 16,90 Euro)

Das ist literarische Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit: Elf französische Top-Manager treffen sich zum so genannten Ideenfrühstück. Angeführt wird die Runde von Rorty, einer Mischung aus Machiavelli und Milton Friedman, auf dem Themenplan stehen Entlassungen, Reduzierung der Lohnkosten, Steigerung der Produktivitätsrate.

Wer hat die Hosen(träger) an im Kapitalismus? Typen wie Gordon Gecko, der Superbroker, den Michael Douglas in "Wall Street" (1987) spielte

Wer hat die Hosen(träger) an im Kapitalismus? Typen wie Gordon Gecko, der Superbroker, den Michael Douglas in "Wall Street" (1987) spielte

Foto: Cinetext

Elf Charaktere, deren Dilemma in inneren Monologen entfaltet wird, elf Suaden, in der diese vom Kosten-Nutzen-Denken vollkommen zerstörten Figuren über sich und andere die Säure der Verzweiflung ausgießen.

Zum Beispiel der von Hämorrhoiden geplagte Tissier, der als junger Mann über die revolutionären Ideen bei Marx und Proudhon promovierte und sich nun fragt: "Wie konnte aus dem enthusiastischen Akademiker dieser armselige Typ werden?"

Castaglione, die geheime Hardcore-Feministin, für die Männer eine Sollbruchstelle der Gesellschaft sind: "Gleich bei der Geburt kastrieren."

Oder De Vals, ein Sexfreak, der sich an Swingerclub-Abenden und Nietzsches Übermenschen-Philosophie berauscht. Rorty selbst, der von acht oder neun Kündigungen im Monat träumt.

Laurent Quintreau kreiert aus den Bewusstseinsströmen dieser Business-Zombies einen Malstrom der Zerrüttung. Die Struktur gibt Dantes "Göttliche Komödie" vor; das letzte Kapitel ist mit "Paradies" überschrieben.

Aber auch der Monolog des versponnenen Intellektuellen Alighieri verspricht keine Erlösung. Wie auch: Es gibt ja kein richtiges Leben im falschen. Aber wenigstens richtig gute Texte wie diesen. Daniel Haas

Peter O. Chotjewitz: "Fast letzte Erzählungen 2"
(Verbrecherverlag, 328 Seiten, 14 Euro)

Die spinnen, die Deutschen! Mehr als das: Sie "weben, töpfern, schwärmen für kaltgepresstes Öl und manche laufen in knielangen, handgestrickten Hirtenmänteln herum." Zumindest in der Toskana. Mit spitzer Feder spießt der Erzähler auf, was sich da "Unweit Florenz" abspielt. Dazu viele andere Szenen und Skizzen aus dem Deutschen Alltag zwischen Münchner Räte- und Bundesrepublik, aus dem Weltkrieg und dem homosexuellen kleinen Grenzverkehr zwischen Ost und West.

Am 14. Juni vor 75 Jahren in Berlin geboren, zählt der Jurist Peter O. Chotjewitz seit den sechziger Jahren zu den literarischen Stimmen der westdeutschen Linken.

Verkauft wurden die Werke des Wahlverteidigers von Andreas Baader aber nur schleppend. Mit Ausnahme des Romanfragments "Die Herren des Morgengrauens" (1978), das zur Hochzeit der RAF-Hysterie die Folgen eines "Sympathisantenverdachts" schilderte.

Zu Ausdrücken wie "Sympathisantenverdacht" liefert im fast letzen Erzählungsband der Großvater des Erzählers nun den Kommentar: Im Lauf der Jahrtausend habe sich wenig geändert - "nur die Wörter". Was die Linke braucht, ist also Geduld, bis die Welt den Wörtern folgt.

Selbstironie wäre auch nicht schlecht. So beobachtet der Erzähler der Toskana-Geschichte, dass die kommunistische "Unità" dort als einzige Zeitung nie ausverkauft ist, während sich das Volk um die "Gazetta dello Sport" prügelt und deren Artikel verschlingt: "Dreißig Milliarden für einen neuen Vorstopper; die spinnen doch!" Da fühlt sich der Deutsche erst recht wie zu Hause. Ulrich Baron

P. D. James: "Ein makelloser Tod"
(Aus dem Englischen von Walter Ahlers und Elke Link. Droemer, 553 Seiten, 19,95 Euro)

Ob Klimaerwärmung oder Schafskälte - der englische Landhauskrimi hilft einem, jeder Witterung zu trotzen. Und der Einstieg, den die 1920 geborene Altmeisterin P. D. James dazu liefert, spricht nicht gerade von Altersmilde: "Am 21. November, ihrem siebenundvierzigstem Geburtstag, drei Wochen und zwei Tage vor ihrer Ermordung, fuhr Rhoda Gradwyn zu einem ersten Termin bei ihrem plastischen Chirurgen".

Natürlich hat der Chirurg einen Doppelnamen: Chandler-Powell. Und natürlich hat Dr. Chandler-Powell für seine besseren Patientinnen ein Landhaus erworben - mit allem, was da so dranhängt.

Bis Seite 139 ist dieser Roman die Chronik eines angekündigten Todes. Dann ist der Eingriff glücklich verlaufen. Rhonda wird noch einmal wach. Da tritt eine "bleiche Gestalt, in Weiß gehüllt und maskiert" neben ihr Bett. Und dann? Dafür ist wieder einmal Commander Adam Dalgliesh zuständig, auf dessen Feingefühl in Mordsachen immer Verlass ist.

Mit ihrem Einstieg aber ist es P. D. James gelungen, das klassische Motiv der Vanitas, der eitlen Endlichkeit menschlichen Daseins in eine zeitgemäße Krimi-Handlung zu fassen. Die Operation sollte eine entstellende Narbe beseitigen, eine Verletzung aus Rhodas katastrophaler Kindheit. Ein neues, ein zweites Leben hätte beginnen sollen, und die Szene, wie ausgerechnet da dann der bleiche Tod an ihr Bett tritt, hätte jeden Totentanzmaler vor Neid erbleichen lassen.

Selbst der Schutzumschlag passt hier ins gelungene Bild: Im schwellenden Fleisch einer reifen Melone steckt noch das Messer, das es zerteilt hat. Ulrich Baron

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