Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Frösche, Heuschrecken, Finsternis! Sibylle Mulot lernt: Die biblischen Plagen bedrohen uns auch heute. Ulrich Baron ärgert sich über Wassermangel in einem Öko-Thriller und erfährt: Nicht jedem Toten mit einer Plastiktüte über dem Kopf wurde Sterbehilfe zuteil.


Claudia Moroni und Helga Lippert: "Die Biblischen Plagen"
(Piper Verlag. 298 Seiten, 19,95 Euro)

Wenn in der Kinderkirche etwas Spaß gemacht hat, dann dieser Bibel-Comic: Frösche, Heuschrecken, Finsternis! Die Ägyptischen Plagen. Zehn insgesamt, die schlimmeren hatte man bald verdrängt, wie die unheimliche Verwandlung des Nilwassers in eine rote Brühe, das Viehsterben, den Tod der Erstgeburten, Seuchen, Hagel, was noch? Jedenfalls ein zorngöttliches Zaubertheater, echt gut ausgedacht.

Leider kein bisschen. Zwei Terra-X-Redakteurinnen spielen in ihrem Buch das spannende Spiel von der Bibel, die historisch häufig recht hat. Sie führen überzeugend den Nachweis, dass die zehn ägyptischen Plagen genau so stattgefunden haben wie beschrieben, sogar in derselben Reihenfolge - eine traumatische Verkettung ökologischer Katastrophen infolge eines gewaltigen Vulkanausbruches: des Santorin im Jahr 1603 vor Christus.

Eine solide Analyse. Und der Versuch, alle bisherigen Einzelerklärungen plausibel zur wissenschaftlichen Theorie einer Klimakatastrophe zusammenzufassen, die sich ereignet hat und die sich wiederholen kann. Wieder durch Vulkane? Nein, diesmal bereits einfach nur durch uns. Die multiple menschliche Präsenz auf diesem Planeten.

Wem dies zu pessimistisch wird, vertiefe sich ins tröstliche Kapitel "Die Wunder der Wüste". Die gab es ja alle auch. Sibylle Mulot

Assaf Gavron: "Hydromania"
(Roman. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Sammlung Luchterhand, 288 Seiten, 9 Euro)

Mit der Ebbe in Wasserspeichern ist es wie mit dem Schwund in Wertpapierbeständen: Das Wasser ist nicht einfach weg. Es ist nur woanders. Ein echter Trost ist das nicht. So zählt der Kampf ums Wasser dann auch zu den Szenarien künftiger Kriege.

Einer dieser Kriege hat im jüngsten Buch des 1968 geborenen israelischen Romanciers Assaf Gavron schon stattgefunden. Gewonnen haben ihn die Palästinenser. Wie eigentlich, erfährt man nicht. Den Israelis ist im Jahre 2067 nur eine kleine Enklave an der Mittelmeerküste bei Cäsarea geblieben. Chinesische, japanische und ukrainische Konzerne haben weltweit die Wasserrechte an sich gerissen. Obwohl die überlebenden Israelis zum Teil in schwimmenden Städten leben, ist Wasser zum Luxus geworden.

Ido, der Mann der Romanheldin Maja, der diesem System Paroli bieten wollte, ist verschwunden. Hat man ihn verschwinden lassen? Es wäre besser gewesen, es hätte ihn nie gegeben. Das große Panorama globaler Politik, Wirtschaft und Ökologie, das Gavron sich zugetraut hat, ist in der Krimihandlung, die seine simple Story am Laufen halten soll, zum Sturm im Wasserglas geschrumpft. Zwei-Minuten-Duschen, Expresstrockenreinigungsgeräte und digitale Blumengrüße vermögen nicht zu kaschieren, dass dieses Wasserglas ziemlich leer ist. "Hydromania" ist trotz des brandaktuellen Ansatzes schlechte Science-Fiction, die sich der großen und kleinen Requisiten des Genres bedient, aber eine überzeugende Handlung und eindringliche Szenen schuldig bleibt. Ulrich Baron

Claus Cornelius Fischer: "Totenengel"
(Ehrenwirth, 398 Seiten, 19,95 Euro)

Patientenverfügungen, Sterbehilfe - hinter diesen Begriffen verbirgt sich ein weitreichender Wandel von Gesellschaft und Familie. Aber was verbirgt sich hinter den Plastiktüten, mit denen in Amsterdam ein depressiver Mann und in Harlem eine todkranke Frau erstickt wurden?

In seinen ersten beiden Romanen um den Amsterdamer Commissaris Bruno van Leeuwen ("Und vergib uns unsere Schuld", "Und verführe uns nicht zum Bösen") hat Claus Cornelius Fischer auch beschrieben, wie dieser seine Frau durch die Alzheimer-Krankheit verloren hat. Im dritten irrt van Leeuwen schlaflos durch die nächtliche Stadt, ohrfeigt einen jungen Zuwanderer, der seine Freundin gequält hat, steht plötzlich vor dem Toten, mit dessen Ermordung der Roman begonnen hatte.

Dass es sich um einen Mord mit einer Plastiktüte gehandelt hat, wird bei der Obduktion durch einen Zufall entdeckt. Nun gibt es plötzlich ein Schema, das auf weitere Todesfälle passt, die man als "natürlich" abgelegt hatte. Jemand hat sich der unheilbar Kranken, der Schmerzgepeinigten und Untröstlichen und ihrer Todeswünsche angenommen und sie - ohne deren Zustimmung - erfüllt. Während van Leeuwen ermittelt und seine eigene Trauer zu bewältigen versucht, kommt er selbst dem Opferschema dieses Todesengels immer näher.

Während viele seiner Krimi-Kollegen sich mit blutigen Inszenierungen begnügen, schreibt Claus Cornelius Fischer über den Schmerz, den jeder Tod hinterlässt. Und über die Qualen des (Über)-Lebens. Während der Todesengel unterwegs ist, wacht eine Polizistin am Bett einer Sterbenskranken: "Ihre Lieder lagen auf den Augen wie tote Haut. Darunter bewegten sich die Augäpfel hin und her, von rechts nach links und zurück; sie suchten einen Ausweg, selbst im Schlaf, und Julika suchte mit ihr." Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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