SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Juli 2009, 12:28 Uhr

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Eine Liebestragödie von einem "reizenden kleinen Monster", eine Sommergeschichte von betäubender Schönheit und ein auf Mord eingerichteter Fengshui-Meister: Ulrich Baron und Daniel Haas haben Bücher für schwüle und gewittrige Tage gelesen.

Françoise Sagan: "Bonjour Tristesse"
(Deutsch von Helga Treichl. 219 Seiten, SchirmerGraf Verlag, 14,80 Euro)

Lange gab es das Werk nur als Großdruck. Und so mancher dachte bei "Bonjour Tristesse" womöglich an ein Sachbuch. Lebenshilfe, Marke: Umarme deine Traurigkeit. Jetzt liegt Françoise Sagans berüchtigter Debütroman wieder in einer angemessen eleganten Ausgabe vor.

"Reizendes kleines Monster": Jean Seberg in "Bonjour Tristesse" (1957)
Cinetext

"Reizendes kleines Monster": Jean Seberg in "Bonjour Tristesse" (1957)

Man merkt schnell: Dieses schmale Werk, das die Autorin mit 19 Jahren verfasste, hat nichts mit Lebenshilfe zu tun. Im Gegenteil, es ist ein Verunsicherungs- und Provokationsbuch, auch wenn der Text heute keine moralische Entrüstung mehr hervorrufen kann wie damals, 1958, als er erschien.

Die Geschichte einer 17-Jährigen aus bestem Hause, die während eines Sommerurlaubs die beiden Geliebten ihres Vaters so lange gegeneinander ausspielt, bis eine ihr Leben lässt, sorgte damals, im katholischen Nachkriegsfrankreich, für Aufruhr. Heute bilden die 68er den gesellschaftlichen Mainstream, und selbst in Deutschland, das nie über eine Simone de Beauvoir verfügte (freie Liebe, Abschaffung der Ehe), leistet man sich Exzentrisches wie Charlottes Roches Hämorrhoidenprosa.

Warum ist "Bonjour Tristesse" dann immer noch ein verstörender Text? Weil er ein nach oben depraviertes Milieu vorführt: die Bourgeoisie, wie sie ihren Egoismus und ihre Gier als Libertinage tarnt.

Und weil sich die Ich-Erzählerin, eben jene Society-Göre, als schlimmste und zugleich fragilste der Figuren entlarvt, eine Pubertierende, die Gemeinheit und Feinsinnigkeit zu einer tödlichen Intrige verspinnt.

Ein "reizendes kleines Monster" nannte der Kritiker François Mauriac die Autorin in seiner berühmten Kritik für "Le Figaro". Höchste Zeit, sich von diesem literarischen Ungetüm wieder erschrecken und amüsieren zu lassen. Daniel Haas


Esther Kinsky: "Sommerfrische"
(Matthes & Seitz, 122 Seiten, 16,80 Euro)

Eine Stadt, ein Fluss, ein Sommer, eine ungarische Feriensiedlung: Üdülö. Das klingt idyllisch, doch es trägt auch infernalische Züge: "Diesjahr gibt es keine Ertrunkenen", fistelt der Kneipenwirt Lacibácsi aus seinem versehrten Kehlkopf, "nur Verbrannte."

Zunächst realistisch anhebend, beschwört Esther Kinsky ein Hitzejahr herauf, in dem die Frühjahrsflut ausblieb und die "Kozakjungs" keinen zähen Flussschlamm ausräumen mussten, um ihr Urlaubsquartier zu beziehen. Dann weitet sich die Perspektive über Schrottplatz, Zuckerfabrik und obskures lokales Kleingewerbe hinweg - irgendwo auf dem tristen Hinterhof Europas.

Eine fremde Frau sorgt für Gesprächsstoff und eine Ehetragödie: Sie wird am Ende im Wasser verschwinden, das in diesem Sommer selbst fast verschwunden wäre. Manchmal ist der Fluss das Einzige, was noch voran- und dem Reigen dieser Sommerfreuden entkommt.

Endlich scheint das ganze Üdülö "zu Stein geworden, zu einem besonders schönen, reichen und rätselhaften Fossil für solche, die viel später auf diesen Ort stoßen mochten". Und zu einem zauberhaften Roman, der den Fluss der Zeit für einen langen, heißen Sommer in sich gefangen genommen hat. Ulrich Baron

Nury Vittachi: "Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät"
(Deutsch von Ursula Ballin, Unionsverlag, 254 Seiten, 19,90 Euro)

Eigentlich sollte die Welt des C. F. Wong ein Platz des himmlischen Friedens sein. Verspricht der Meister des Fengshui, der altchinesischen Geomantie, seinen Kunden doch, ihre Wohn- und Arbeitstätten harmonisch zu gestalten und für einen reibungslosen Fluss der positiven Energien zu sorgen.

Der aber ist bei Wong gerade ins Stocken geraten, weil sich der Mann, dem er eine größere Summe schuldet, als "weltweit einziges indisches Mitglied der Triaden" ausgewiesen hat. Selbst ohne chinesische Mafia hätte Wong es nicht leicht. Seine Assistentin Joyce hat das Gemüt eines australischen Teenagers, seine Sekretärin Winnie das eines Pol Pot.

Da zeigt sich ein Silberstreif am Horizont. In einem fliegenden Kongresszentrum soll Wong für gutes Fengshui sorgen. Danach winken lukrative Anschlussaufträge vom englischen Königshaus, das nach einer "ungerechtfertigten Häufung höchst stressreicher Vorfälle" dringend eines Harmonieschubs bedarf. Wong wundert's nicht: "Wenn man mit so großen Nasen geboren ist - sehr negativ."

Positiv hingegen: Verbrechen. "Wong mochte Morde. Sie steigerten sein Honorar." Dann wird der Fengshui-Meister zum Meisterdetektiv. Leider wird sich bald zeigen, dass auch der beste Ermittler ein brennendes Flugzeug nicht lange am Himmel halten kann.

Ost und West sind in den Eulenspiegeleien des 1958 in Sri Lanka geborenen Nury Vittachis vereint. Deren Botschaft ist so universell wie zwerchfellerschütternd: Nichts ist so nervenaufreibend wie das Streben nach perfekter Harmonie. Ulrich Baron

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung