Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

So schöne helle Sommertage - und dann gleich zwei Krimis, die schon im Titel das Dunkle zelebrieren? Die "Vorgelesen"-Kritiker bestehen gerade deshalb auf der Lektüre. Wer schreckliche Späße mag, kriegt einen totalen Roman zum totalen Krieg.

Von Ulrich Baron und Daniel Haas


James Sallis: "Dunkle Schuld"
(Heyne Taschenbuch, 301 Seiten, 8,95 Euro)

"Seine Stimme stolpert, kriecht und erhebt sich, immer hart an der Grenze dessen, was Stimme eigentlich ist", sagt eine Figur über einen Countrymusiker in diesem Roman. Das trifft auch auf die Stillage von James Sallis' Texten zu. Seine Erzählstimme kennt viele Bewegungen, sie laviert durch verschiedenste Genres, und am Ende fragt man sich: Ist das noch ein Krimi?

Nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen. Das gilt für Country-Musiker und Krimiautoren
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Nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen. Das gilt für Country-Musiker und Krimiautoren

"Dunkle Schuld" ist dem Plot nach gewiss ein Kriminalroman: Ein Ex-Cop zieht sich in ein brütendes Südstaatenkaff zurück und hilft den örtlichen Sheriffs bei der Aufklärung eines Ritualmords.

Aber diese Handlungsspur ist nur der brüchige Ariadnefaden durch ein komplexes Arrangement aus Unter- und Nebengeschichten. Lebensdramen einsamer Polizisten und ihrer Frauen, Begegnungen mit kuriosen Künstlern, Flirts mit starken Frauen, dem Alkohol, der Einsamkeit.

Kann es eine helle Schuld geben? muss man sich bei dem dämlichen deutschen Titel fragen. Natürlich nicht, im Original heißt das Buch schlicht "Cypress Grove", Zypressenhain. Das ist der Name des Örtchens, wo all die hemdsärmeligen Ladies und zugeknöpften Männer aufeinandertreffen, eine Keimzelle für Begehren und Gewalt, Lügen und Geheimnisse - und natürlich den Blues.

Sallis war Musikkritiker, schrieb Bücher über Jazzgitarre, und dieses improvisierende Umkreisen von Themen mit kunstvollen Linien beherrscht er wie kaum ein anderer. Sujets haben viele, einen Sound, eine Stimme nur wenige. Die von Sallis ist einmalig. Daniel Haas

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: "Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch"
(Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Reinhard Kaiser. Band 296/97 der Anderen Bibliothek im Eichborn Verlag. Zwei Bände im Schuber, 764 Seiten, 69 Euro)

Hineingeboren in das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges, wohl im Jahre 1621 oder 1622, veröffentlichte Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen 1668 seinen "Simplicissimus". Es war der totale Roman zum totalen Krieg, erst Wiegenlied, dann Symphonie vom Totschlag, Epochengemälde, Sittenbild - und zugleich Lebensreise "eines seltsamen Vaganten", dessen Name ihn als Einfältigsten, als reinen Toren auswies.

Vom Krieg gehetzt wurde er Bauernbursche, dann Schüler eines Einsiedlers, wurde zum viehischen Narren erniedrigt, war Frauenheld und Schmerzensmann, um am Ende sein Leben auf einer Insel zu beschließen - fern von Europa, fern vom Lärm der Menge.

Allein, es ließ sich nicht durchlesen dieses Buch, so wild, derb und saftig, so paradiesisch süß und hexenhaft giftig wucherte dessen Sprache, und in ihrem Dickicht lauerten bösartig knurrende Wörter wie "Fatzvögel", "Wammesklopfer" und "Hellenpotzmarter". An anderer Stelle wiederum führten scheinbar vertraute Ausdrücke wie "etliche" in die Irre, denn im Deutsch des 17. Jahrhunderts stand dieser Ausdruck für "einige" und nicht, wie heute, für viele.

Dass die Andere Bibliothek jetzt aus dem "Simplicissimus Teutsch" einen "Simplicissimus Deutsch" hat machen können, verdankt sich der Virtuosität des Übersetzers Reinhard Kaiser, der das barocke Textgebilde behutsam und kundig gelichtet und an den Sprachgebrauch unserer Tage herangeführt hat.

Das erleichtert einem den Zugang zu einem der faszinierendsten und zugleich schrecklichsten Werke der deutschen Literatur, ohne einem dessen Originalausgabe zu verleiden.

Dass nun aus "Fatzvögeln" Spaßvögel geworden sind, befördert das Durchlesen dieses Buchs von barocker Dicke und Dichte. Aber ganz entbehren mag man die Fatzvögel dann doch nicht. Vom sicheren Pfad des Kaiserschen Simplicissimus aus aber kann man sich nun umso freudiger in dessen sprachliche Ursuppe vertiefen. Ulrich Baron

John Hart: "Der dunkle Fluss"
(Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. C. Bertelsmann, 384 Seiten, 19,95 Euro)

Dieser Fluss kommt aus einer dunkleren und älteren Sphäre als mancher klassische amerikanische Kriminalroman der Hardboiled-Schule: "Ich würde meine Bücher als Thriller oder Kriminalromane bezeichnen, aber sie handeln auch von der Familie", schreibt der 1965 in North Carolina geborene John Hart.

In der Familie Chase und auf deren großer Farm geht es ausgesprochen patriarchalisch zu. So hat der Held des Romans seine Heimat verlassen, weil er sich von seinem Vater verstoßen fühlte. In einem Mordprozess war Adam zwar am Ende freigesprochen, aber von seiner eigenen Stiefmutter der Tat beschuldigt worden. Ganz von seiner Unschuld überzeugt war damals wohl nicht einmal seine Freundin Robin gewesen - allenfalls sein Schützling Grace, für die Adam wie ein großer Bruder gewesen war.

Nun kehrt Adam zurück. Sein alter Freund Danny hat ihn um Hilfe gebeten. Doch Danny ist unauffindbar. Dafür prangt auf Adams Auto bald die Inschrift "Mörder", und Grace wird brutal überfallen. Ein Unheil setzt sich fort, das für Adam begonnen hatte, als er als Kind den Selbstmord seiner Mutter miterleben musste.

"Der dunkle Fluss" ist eine klassische Verstrickungsgeschichte, die tragisch eskaliert, weil deren Gestalten einander nicht nur im Hass, sondern in Liebe verbunden sind - und weil einige von ihnen sich nicht nur der Untreue, sondern auch einer fatalen Treue schuldig gemacht haben. Ulrich Baron



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