Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Liebe als Tragödie - die Chinesin Eileen Chang macht aus diesem Motiv große Literatur. Håkan Nesser entdeckt im Durchschnitts-Leben außerordentliche Schrecken. Und Julia Leigh versetzt eine Familie in Unruhe.

Eine chinesische Garbo? So sahen Eileen Chang jedenfalls ihre Zeitgenossen
Crown Publishing

Eine chinesische Garbo? So sahen Eileen Chang jedenfalls ihre Zeitgenossen

Von Ulrich Baron und Daniel Haas


Eileen Chang: "Das Reispflanzerlied"
(Aus dem Englischen unter Berücksichtigung des Chinesischen von Susanne Hornfeck. Claassen, 222 Seiten, 19,90 Euro)

China in den frühen fünfziger Jahren: Ländereien und Hausrat der Großgrundbesitzer sind an die Reisbauern verteilt worden, doch die Ernte verschwindet in den dunklen Kanälen maoistischer Planwirtschaft. Nach Chinas Eintritt in den Koreakrieg müssen "heldenhafte Soldatenfamilien" durchgefüttert werden. Bald verschwinden die letzten Schweine, und statt Reis kommt Reissuppe auf den Tisch.

Eileen Chang: "Das Reispflanzerlied"

Eileen Chang: "Das Reispflanzerlied"

Die Hungersnot verschärft die Konflikte im Dorf, den Neid, das Misstrauen, die Streitlust. Als die schöne Yuexiang nach Jahren in der Stadt zu ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter heimkehrt, münden die Spannungen in eine blutige Revolte.

Mit dem ländlichen China verband die 1920 in Shanghai geborene Eileen Chang (eigentlich Zhang Ailing) nur wenig. Die Tochter einer angesehenen Familie pendelte zwischen Osten und Westen, eine eigensinnige Schönheit, die mit Greta Garbo verglichen wurde, und 1942 in ihrer von Japanern besetzten Heimatstadt eine erstaunliche literarische Karriere begann. Nachdem Ang Lee im Jahre 2007 ihre Erzählung "Gefahr und Begierde" verfilmt hat, wird die 1995 in San Francisco gestorbene Klassikerin der modernen chinesischen Literatur jetzt wiederentdeckt.

Ihre Arbeit am "Reispflanzerlied" wurde 1952 zwar in Hongkong vom United States Information Service gefördert, doch entstand alles andere als ein antikommunistisches Propagandawerk. Wie in ihren Erzählungen zeigt sich Eileen Chang als Meisterin menschlicher Beziehungstragödien, denen sie nun einen zeitlosen Rahmen gibt: "Der Sonnenschein lag wie ein alter gelber Hund quer über der Straße", heißt es über Yuexiangs Dorf, was an die magischen Orte eines Gabriel García Márquez denken lässt: "Hier war die Sonne alt geworden." Ulrich Baron

Håkan Nesser: "Das zweite Leben des Herrn Roos"
(Übersetzt von Christel Hildebrandt, Btb, 525 Seiten, 21,95 Euro)

Håkan Nesser: "Das zweite Leben des Herrn Roos"

Håkan Nesser: "Das zweite Leben des Herrn Roos"

Valdemar Roos ist Ende fünfzig und glücklos verheiratet - eines jener stillen Wasser, bei denen man nicht auf Tiefe, sondern auf Antriebsschwäche tippen würde. Dann gewinnt er im Toto. Sagt es niemandem. Kauft sich heimlich ein Häuschen im Wald. Scheint weiterzuleben wie bisher. Fährt morgens angeblich zur Arbeit. Kehrt abends zurück. Und dann eines Tages nicht mehr.

Wer hätte gedacht, dass dieser unscheinbare Mensch ein Fall für die Polizei werden würde? Ein Mann, der ein Doppelleben geführt hat, samt jugendlicher Geliebter und einer Leiche im Wald zum Abschied? Wohl niemand - mit Ausnahme der Leser von Håkan Nessers neuem Roman, die das zweite Leben des Herrn Roos schon ausführlich miterlebt haben, wenn auf Seite 249 erstmals der Inspektor Barbarotti auftritt.

Nesser hat diesen Roman nämlich als Aussteigerstory angelegt, ganz harmlos zunächst, aber bald zu schön, um gut auszugehen. Souverän zieht er alle literarischen Register und erzählt die Geschichte vom unverhofften Glück seines Helden so, dass man hofft, dass sie nicht als Kriminalroman enden möge. Aber natürlich kommt es wie es kommen muss, traurig aber mitreißend. Ulrich Baron

Julia Leigh: "Unruhe"
(Aus dem Englischen von Marica Bodroži, Liebeskind, 128 Seiten, 14,90 Euro)

Julia Leigh: "Unruhe"

Julia Leigh: "Unruhe"

In "Der Jäger", ihrem Erzähldebüt, schilderte sie die Suche nach einem seltenen Tiger als tödliche Obsession. Die Kritiker überschlugen sich mit Lob, ein Literaturstar war geboren: Julia Leigh, 39, Australierin, befreundet mit Toni Morrison, gefeiert von Don DeLillo und J. M. Coetzee.

Das neue Buch, "Unruhe", ist wieder so ein schmaler, konzentrierter Text, und erneut ist es dieser hypnotische Sound, mit dem Leigh selbst handlungsarme Geschichten aufladen und zum spannenden Drama veredeln kann.

Viel passiert nicht in diesem Roman: Eine Frau kehrt mit ihren beiden Kindern aus Australien zurück auf den Landsitz der schwerreichen Mutter. Ihre Ehe ist gescheitert, die Kinder haben sich in eine Welt aus Eigensinn und Marotten eingekapselt. Dann kommt der Bruder der Heimkehrerin mit seiner Frau, die gerade ihr Kind verloren hat. Den kleinen Leichnam bewahrt sie als Fetisch ihrer Lebenshoffnungen im Eisfach auf, die Beerdigung wird immer wieder aufgeschoben.

Die Trauer überzieht diese Geschichte mit einem Firnis aus Lethargie und Betäubung, man schaut dieser Familie zu wie Akteuren in einem Traumspiel, an dessen Ende nur ein böses Erwachen warten kann. Beklemmung und Hoffnung halten sich die Waage in dieser faszinierenden Etüde über Familie und wie sie Schuld, Angst, Lügen und Geheimnisse verwaltet. Daniel Haas



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