Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Der coolste Ermittler der deutschsprachigen Krimiliteratur kehrt zurück - obwohl sein Ich-Erzähler schon tot war! Und ein genialer britischer Fälscher verblüfft mit seinem riskanten Leben. Volles Risiko spielt auch der Roman eines melancholischen Amerikaners.
Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot
Der Brenner kämpft sich weiter durch - im Roman und in einer Verfilmung mit Josef Hader

Der Brenner kämpft sich weiter durch - im Roman und in einer Verfilmung mit Josef Hader

Foto: Majestic / Cinetext

Andre Dubus III: "Der Garten der letzten Tage"
(Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. C. H. Beck Verlag, 600 Seiten, 24,90 Euro)

Nicht jeder amerikanische Autor wird hierzulande sofort bejubelt. Der Romancier Andre Dubus III (geb. 1959, sprich "Dubjuuhs") ist so ein Fall von Rezensentenzurückhaltung. Er und sein Vater, der Short-Story-Schreiber Andre Dubus (1936-1999, mit "Tanz zu später Stunde" bei uns immer Geheimtipp geblieben) sind irischer Abkunft, aufgewachsen im frankophonen Teil von Louisiana.

Im Mittelpunkt der Arbeiten von Andre Dubus III steht das Drama des Durchschnittslebens. Im ersten auf Deutsch erschienenen Roman ("Haus aus Sand und Nebel", 2003) schilderte er, wie einer sozial schwachen Amerikanerin Unrecht geschieht. Ihr Haus wird ihr versehentlich weggenommen - ein Irrtum der Behörde - und sofort von einem durch das Exil schwer angeschlagenen Iraner ersteigert. Der daraus entstehende Zweikampf trifft mitten ins Herz des American way of life.

So auch sein neuer Roman. Die kluge, disziplinierte Nachtclubtänzerin April liebt ihre dreijährige Tochter Franny innig. Und scheint in jener Nacht, da ihre Babysitterin ausfällt, alles zu verlieren, weil der von seiner Frau verstoßene Arbeiter AJ die Kleine "in bester Absicht" aus dem Nachtclub entführt. Am andern Morgen hat aber er (fast) alles verloren, während ein junger arabischer Terrorist auf Durchreise - der Roman spielt in den Tagen vor dem 11. September in Florida - nie irgendetwas zu verlieren hatte.

Bemerkenswert die Sympathie des Autors für all seine Figuren. Selten entfaltet sich Multiperspektive geschmeidiger, entrollt sich der Alltagsschlamassel sinnlicher als in dieser Symphonie aus Zufall und Notwendigkeit. Während man liest, ist man hin und weg. Sollte es Hochjubel-Literatur nicht sein - ungewöhnliche Romankunst ist es allemal. Sibylle Mulot

Hugh Trevor-Roper: "Der Eremit von Peking. Die Geschichte eines genialen Fälschers"
(Aus dem Englischen von Andrea Ott, Eichborn, Die Andere Bibliothek, Frankfurt/M. 2009. 400 Seiten, 32 Euro)

Geleimt hat er sie alle: Sir Edmund Backhouse (1873-1944), China-Experte und genialer Fälscher, schrieb 1910 ein Standardwerk über China unter der Kaiserwitwe Cixi, dessen wichtigste "Quelle" er wahrscheinlich selbst verfasst hatte. Manager von Werften und Banknotendruckereien köderte er mit riesigen Staatsaufträgen, für die es in China gar kein Geld gegeben hätte. Für die britische Armee kaufte er während des Ersten Weltkriegs Hunderttausende von Waffen. Deren Transport auf Flussschiffen wurde von Backhouse zuletzt "vor Huichowon" lokalisiert, einem Ort, den weder die Experten in der britischen Fernostabteilung, noch sein Biograf Trevor-Roper je auf einer Landkarte finden konnten.

Noch als der inzwischen greise und langbärtige Schwindler ganz dem Bild des eremitischen Privatgelehrten glich, auf das so viele hereingefallen waren, fand er einen weiteren Gläubigen. Einem Schweizer Gesandten tischte er eine Autobiografie auf, die nach Art einer pornografischen Nummernrevue zwischen Oscar Wilde und Kaiserwitwe wenig ausließ.

Beim britischen Historiker Hugh Trevor-Roper (1914-2003) liest sich das Leben des talentierten Mr. Backhouse wie ein Roman von Eric Ambler. Als Geschichte eines schwachen Mannes, der den Platzhirschen verkaufte, was ihnen fehlte: Insiderwissen, Sprachkenntnisse und angebliche Kontakte zum chinesischen Kaiserhof. Dass er dabei hochstapelte, fiel kaum auf, weil nicht nur der führende britische China-Korrespondent die Landessprache nicht beherrschte. So zeigt die Geschichte des Edmund Backhouse auch, mit wie wenig Wissen die Meinungsbildung über China seinerzeit auskam. Ulrich Baron

Wolf Haas: "Der Brenner und der liebe Gott"
(Hoffmann & Campe, 224 Seiten, 18,99 Euro)

Als dem Privatdetektiv Brenner 2003 ausgerechnet in "Das ewige Leben" der Ich-Erzähler erschossen wurde, lautete das Urteil der Kritik nahezu einhellig: Ohne Erzähler auch kein Brenner. Also literarischer Exitus, und die Stimmung der Brenner-Gemeinde fortan reichlich getrübt.

Aber da schaust du: "Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen", geht's nun wieder los. Quasi ein romanbedingter Nachbrenner. Da kann man nur sagen: Alle Achtung, Frau mit Weitblick.

Andererseits: Dass Totgesagte länger leben, ist eine Binsenwahrheit, und da wir schon beim Plural sind: Totgesagte kommen selten allein, weshalb diesmal nicht nur das munter schwadronierende Erzählermundwerk, sondern auch der liebe Gott dem Brenner zur Seite steht. Und das selbst dort, wo sonst keiner stehen möchte. Da sollte man aber nicht denken, der Brenner wäre jetzt komplett religiös geworden. Wenn ihn die zweijährige Helena "Fara" nennt, dann nicht, weil er ein geistliches Amt ergriffen hätte, sondern weil ihr das Wort "Chauffeur" noch nicht über die Lippen will.

Aber dann ist die Helena weg und Brenners neuer Job als "Fara" auch. Wir sagen hier nur: Mutter Abtreibungsärztin, Vater Baulöwe, Geschäftspartner Österreicher, Großprojekt im Prater, Entführer jemand anderes als erwartet; sieben Leichen garantiert. Doch am Ende gibt es dann sogar ein Kind mehr. Und wer dafür jetzt Alimente zahlen muss, das rätst du nie. Ulrich Baron

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.