Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Winter Wonderland? Von wegen. Gerard Donovans Roman besticht durch Eiseskälte. Daniel Haas findet: Ein Text wie eine Klinge. Ulrich Baron lernt, dass CO2 nicht nur Klimakiller, sondern auch Lebenselixier ist. Außerdem: ein neuer Fall für Jack Reacher.

Eiseskälte: Donovans Roman "Winter in Maine" (Szene aus dem Hollywood-Thriller "Fargo")
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Eiseskälte: Donovans Roman "Winter in Maine" (Szene aus dem Hollywood-Thriller "Fargo")


Gerard Donovan: "Winter in Maine"
(Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Luchterhand, 208 Seiten, 17,95 Euro)

Ein Mann, eine Hütte in den verschneiten Wäldern von Maine, ein Hund, ein Gewehr. Das sind die Zutaten für diesen schmalen Roman. Nur fünf Tage umfasst die Geschichte, fünf Tage im Leben des einsamen Julius Winsome, der im Sommer arbeitet, um im Winter lesen zu können. Das abgelegene Blockhaus, das er ebenso wie ein Scharfschützengewehr von seinem Vater erbte, beherbergt exakt 3282 Bücher.

Man darf kaum mehr sagen zu der Geschichte, weil man sonst den Leser um den Genuss des Schocks brächte, den allein die ersten 20 Seiten dieses Buches bereithalten. Nur so viel: Der Ausbruch von Gewalt ist selten so verstörend geschildert worden wie in diesem Buch.

Ausbruch meint auch: Die Schrecken vergangener Generationen leben in uns fort, lassen sich nicht befrieden mit Lektüre, wie es Winsome über Jahrzehnte versucht. Sie bahnen sich ihren Weg zurück in die Gegenwart, und wenn dieser Weg die Flugbahn eines Geschosses beschreibt, sind die Folgen drastisch.

"Winter in Maine" taucht ein sich immer weiter verdüsterndes Schicksal in gleißende Helle. In der Schneewüste des amerikanischen Hinterlands arrangiert Autor Donovan seine Helden - neben Winsome gibt es Claire, seine frühere Geliebte, und deren Mann - zu einem tragischen Tableau. Es erscheint wie mit dem Messer herausgeschnitten aus dem friedlichen Winterweiß. Ein Text wie eine Klinge. Präzise und gefährlich. Daniel Haas

Jens Soentgen, Armin Reller (Hrsg.): "CO2. Lebenselixier und Klimakiller"
(Oekom Verlag, 301 Seiten, 24,90 Euro)

"There's no business like CO2-business", mag man angesichts der Klimakonferenzen, Klimaexperten, Klimasünder und Klimahelden seufzen, denen ein steigender Kohlenstoffdioxid-Anteil in der Atmosphäre bestens bekommt. Deshalb lohnt es sich, diesen Stoff einmal genauer zu betrachten, und genau das hat die Reihe "Stoffgeschichten" des Münchner Oekom Verlags schon zuvor auch mit Kaffee, Holz und Aluminium in vorbildlicher Weise getan.

"Alle Wälder dieser Erde sind verwandeltes CO2", schreiben die Herausgeber in Ihrer Einleitung: "Äpfel Kirschen, Brot und Wein: alles das ist umgewandeltes CO2." So richtig lebendig wurde es auf der Erde nur, weil dieses "Treibhausgas" zum einen verhinderte, dass sich der Planet in einen Schneeball verwandelte und die Entwicklung der Photosynthese zum anderen die Nutzung der Sonnenenergie mit der Gewinnung von atmosphärischem Kohlenstoff aus CO2 verband.

Doch Kohlendioxid ist nicht nur Lebenselixier, sondern bietet in gasförmiger, flüssiger oder fester Form eine Vielzahl von durchaus klimafreundlichen Anwendungen. Also nicht als Trockeneis zur Erzeugung von Bühnennebel, bei dem dieses Gas freigesetzt wird, sondern beispielsweise in geschlossenen Kreisläufen besonderer Waschmaschinen, in denen flüssiges CO2 Wasser und Reinigungsmittel zugleich ersetzt.

Von ausgewiesen Fachleuten, aber nicht nur für Fachleute geschrieben, bietet dieses Buch hervorragende Einblicke in den Stoffwechsel unserer Welt und die gravierenden Störungen, die ihm durch ungezügelte Verbrennung fossilen Kohlenstoffs zugefügt werden. Der Blick auf den "Klimakiller" wird hier versachlicht, doch der Geologe Hartmut Seyfried lenkt den Blick auch auf die "schönen Dinge, die Menschen aus CO2 machen" - wie etwa das Hefeweißbier. Wohl bekomm's ... Ulrich Baron

Lee Child: "Way Out"
(Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Blanvalet, 448 Seiten, 19,95 Euro)

Ein Mann, ein Espresso, ein Fall. Lee Child lässt seinen neuen Thriller mit einem Satz beginnen, den man sich gerahmt über seine Kaffeemaschine hängen möchte: "Jack Reacher bestellte einen Espresso, doppelt, keine Orangenschale, kein Würfelzucker, Styroporbecher, kein Porzellan, und noch bevor er serviert wurde, sah er, wie das Leben eines Mannes sich für immer veränderte."

Was Jack Reacher sieht, ist für New Yorker Verhältnisse gar nicht ungewöhnlich: "Ein Kerl sperrte ein Auto auf, stieg ein und fuhr davon." Aber Lee Child gelingt es, diese banale Szene und deren alltägliche Requisiten so mit Bedeutung und Spannung aufzuladen, dass Reachers Rückkehr am nächsten Tag dem Gang durch ein Minenfeld gleicht. Und schon hat der Ex-Militärpolizist einen neuen, einen Entführungsfall: "Sie haben beobachtet, wie einer der Entführer meiner Frau das Lösegeld abgeholt hat", sagt Mr. Lane, Ex-Soldat und Chef eines obskuren Sicherheitsdienstes.

Reacher zeigt sich kooperationsbereit. Das Honorar kann sich sehen lassen, und bald stößt er auf eine heiße Spur. Aber er hat einen schrecklichen Irrtum begangen. Schon Lanes erste Frau war entführt worden. "Wer ist sie?", fragt Reacher, als der ihm ihr Foto zeigt: "'War', sagte Lane." Ist eine gelungene Entführung möglicherweise noch das Beste, was Lanes zweiter Frau geschehen könnte?

Mit den stilisierten Zuspitzungen und Dialogen und den dramatisch kippenden Handlungskonstellationen erinnern Lee Childs Jack-Reacher-Romane an die Frühzeit der Hardboiled-Schule. Ulrich Baron



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