Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Grrr! Ist das Leben nicht manchmal zum Aus-der-Haut-Fahren und Heulen? Wie gut, dass wir uns mit Dave Eggers' Roman in einen Wolfsjungen verwandeln können. Wer's ruhiger mag, verliebt sich mit William Trevor - oder erforscht die Verstrickungen von Geist und Macht.
Von Ulrich Baron und Daniel Haas
Probleme bei den Hörnern packen: Das passiert im "Wilden Kerle"-Film. Und auch im Buch.

Probleme bei den Hörnern packen: Das passiert im "Wilden Kerle"-Film. Und auch im Buch.

Foto: Warner Bros

Dave Eggers: "Bei den wilden Kerlen"
(Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasle, 240 Seiten, 18,95 Euro)

Seit 1963 bevölkern sie die Phantasie von kleinen und großen Lesern: die Monster aus Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen". Zehn Sätze, 20 Bilder und rund 340 Wörter - mehr brauchte der Autor nicht, um einen rasante Entwicklungsroman zu skizzieren. Der Held, das ist der Junge Max, der ins Reich schrulliger Riesenkreaturen segelt, ihr König wird und nach wilden Abenteuern nach Hause zurückkehrt.

Sendak gab schon früh grünes Licht für die Opernfassung, aber erst in den Neunzigern willigte er einer Verfilmung ein. Die Regie vertraute er Spike Jonze ein, der wiederum den Schriftsteller Dave Eggers fürs Drehbuch beauftragte. Parallel schrieb Eggers einen Roman; es ist aber nicht das Buch zum gerade angelaufenen Film, sondern ein begleitendes, an manchen Stellen abweichendes und eigenständiges Werk.

Und was für eines! Eggers hat eine rührendes, aber niemals verharmlosendes Jugenddrama gestaltet: Max ist ein Scheidungskind, er hat seine Aggressionen nicht mehr im Griff und haut ab ins Phantasiereich der Wilden Kerle. Dort muss er alle Konflikte noch einmal lösen, muss lernen, ehrlich zu sein und Rücksicht zu nehmen, sich gegen erdrückende Liebe zu wehren oder zu große Verantwortung abzuschütteln. Die Monster heißen Carol und Alexander, Ira, Judith und Katherine, sie sind herzige, eigensinnige und kompromisslos ehrliche Gestalten - die idealen Gefährten für eine Erziehung des Herzens.

Eltern können dieses Buch wunderbar vorlesen oder still für sich schmökern, Kinder werden es sowieso für sich entdecken. Und so kann eine tolle Tradition entstehen: Sendak lesen, dann Eggers, dann Jonze schauen. Oder in einer anderen Reihenfolge - da kann man sich nach Belieben austoben. Daniel Haas

William Trevor: "Liebe und Sommer"
(Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 20 Euro)

Liebe und Sommer kommen und gehen. Eine alte Frau stirbt. Ein junger Mann fotografiert die Beerdigung und lernt so die junge Bauersfrau Ellie kennen. Florian Kilderry hält nichts in seiner irischen Heimat; er muss nur den Haushalt seiner Eltern auflösen, ihr Landhaus verkaufen. Dann wird er fortgehen, wie all die anderen jungen Männer, von denen die Lieder Irlands erzählen.

Aber Ellie erinnert Florian an eine Jugendliebe. Und Florian erinnert Ellie daran, dass es mehr im Leben geben könnte als das Leben mit einem Witwer, der sie vor allem deshalb geheiratet hat, weil ein Bauer eine Bauersfrau braucht.

Der 1928 geborene William Trevor ist ein exzellenter Geschichtenerzähler und ein Meister der feinsten Nuancen. So entfaltet sich dieser schmale Roman einer Sommerliebe zu einer Comédie humaine des ländlichen Irlands. Am Ende hat sich die Vielzahl der Episoden, aus denen das Leben besteht, um ein paar weitere vermehrt. Bei Tagesanbruch galoppieren Pferde über Weiden. Möwen ruhen sich auf Flussmauern aus. Die Luft riecht nach Hopfen, und ein weiterer junger Mann starrt von einem Schiff aus gen Heimat, bis kein Land mehr in Sicht ist.

Das ist traurig, aber auch sehr schön, und es zeugt von Trevors Begabung, dass das einem selbstverständlich erscheint. Ulrich Baron

Wolfgang Martynkewicz: "Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945"
(Aufbau-Verlag, 450 Seiten, 24,95 Euro)

Wer um 1900 herum eine der Einladungskarten des Münchner Verlegerpaars Hugo und Elsa Bruckmann erhielt, hatte es geschafft: Über mehr als vier Jahrzehnte hin trafen sich Geist und Macht in deren Salon in der Nymphenburger Straße 86 und seit dem Winter 1908/09 im hochherrschaftlichen Palais am Karolinenplatz Nummer 5. Hier rezitierten Rilke, Hofmannsthal und George ihre Gedichte, hier wurden Visionen des neuen Jahrhunderts beschworen. Hier feierte sich die Moderne selbst - doch hier wuchs auch das Unbehagen an ihr.

Nach Weltkrieg und Räterepublik hatte sich auch im liberalen München das Klima verändert. Im Dezember 1924 trat erstmals ein Mann bei den Bruckmanns auf, dessen Bewegung man eher mit Kneipenschlägereien als mit Salongeplauder verband. Adolf Hitler sei "von den schönen Dingen" im Hause seiner Gastgeber fasziniert gewesen, und bald zählten auch andere führende Köpfe der NSDAP zu den gern gesehenen Gästen. Schließlich brauchten ja auch die Nazis ihre Verleger und Dichter, Architekten und Dekorationskünstler.

Der katastrophale Umschlag der Aufklärung in Barbarei und der maßgebliche Beitrag deutscher Großbürger dazu ist schon an der Entwicklung der Gästeliste ablesbar. "Salon Deutschland" zeigt, wie Geist und Macht sich in unheiliger Allianz vereinten. Wie in einem Brennglas erscheinen die kreativen und destruktiven Energien der Wilhelminischen und der Weimarer Zeit gebündelt. Ulrich Baron