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04. August 2010, 15:44 Uhr

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Die wichtigsten Bücher der Woche

Von Ulrich Baron und Daniel Haas

Sommer, Sonne - von wegen! Die SPIEGEL-ONLINE-Kritiker haben Düsteres ausgewählt: eine absurde Romanstudie über die Schuld, einen beklemmend raffinierten Alpenwestern und einen Band mit Horror-Geschichten, in denen das Böse im Alltag lauert.

Emmanuel Bove: "Schuld"

Anfang der Nullerjahre wurde Emmanuel Bove (1898 - 1945) von Peter Handke wiederentdeckt, er geisterte kurz durch die Feuilletons, sogar auf der Ferienlektüreliste von Friedrich Merz tauchte er auf. Das alles darf man nicht gegen ihn verwenden. Seinen Sound kann man tatsächlich suggestiv finden, seine Themen aber sind schwer und spekulativ.

"Schuld", das knappste Werk des Franzosen, heißt im Original "Un Raskolinikoff", und wie der Held aus Dostojewskis Roman arbeitet sich auch hier die Hauptfigur an einem Begriff von Verbrechen und Sühne ab. Aber wie ist das alles ins Absurde gewendet: Changarnier, der Protagonist, hat keine Straftat begangen, dennoch stellt er sich der Polizei, die einen Mörder sucht. Von welchem Delikt ist also die Rede? Wieso besteht Changarnier auf seinem Vergehen?

Offen wie alle großen Texte der Moderne und zugleich von beklemmender Schlüssigkeit ist der schmale Text, an dessen Ende eine grausige Erkenntnis dämmert: dass uns die verwaltete Welt derart aller zentralen ideellen Haltepunkte beraubt hat, dass uns die Begründung unserer Existenz mit allen Mitteln recht ist - und sei es mit einem Mord. Oder dessen Geständnis.

Fast zeitgleich erscheint die gleichnamige Erzählungensammlung des Rechtsanwalts Ferdinand von Schirach. Der Autor fächert darin die Absurditäten des Justizwesens auf. Boves Szenario geht viel weiter: Es beschreibt den Menschen, dem die Würde abhandengekommen ist, sogar die des Schuldigseins. Daniel Haas

Thomas Willmann: "Das finstere Tal"

Bevor der Winter es von der Außenwelt abschneidet, kommt ein Fremder in ein abgelegenes Alpenhochtal. Malen will er dort angeblich, und nur widerwillig gibt man ihm Quartier, doch je mehr er von dieser abgeschlossenen Welt auf seine Skizzenblocks bannt, desto mehr scheint er selbst zu einem Teil von ihr zu werden. Dann beginnt eine Serie rätselhafter Todesfälle, ausgerechnet die Söhne des selbstherrlichen Bergtyrannen Brenner sterben. Verbirgt der mysteriöse Greider in seinen Gepäckrollen mehr als nur harmlose Pinsel und Leinwände?

Der 1969 in München geborene Thomas Willmann nutzt Bergkulisse und Mundart als Grundlage für eine furiose Rachegeschichte, bei der Ludwig Ganghofer ebenso Pate gestanden hat wie der Italo-Western und der mörderische Richter Holden aus "Die Abenddämmerung im Westen" von Cormac McCarthy. Das Ergebnis ist ein Alpenwestern, der über gut 300 Seiten hinweg seinem mörderischen Showdown zustrebt.

Was Django sein Maschinengewehr und Richter Holden sein Skalpiermesser war, ist für Willmanns Greider eine Repetierbüchse, deren simples, doch tödliches Geheimnis bald gekonnt ausgespielt wird. Dabei zeigt Willmann, dass auch Alpendialekt westerntauglich sein kann: "Die wer'n zu uns kommen", bangt ein furchtsamer Dörfler, nachdem Greider seinen Fehdehandschuh gegen den Brenner-Clan geworfen hat. Das hält Greider für sehr unwahrscheinlich: "'Ich komm' zu denen', sagte er." Wenn das keine viel versprechende Drohung ist. Ulrich Baron

John Ajvide Lindqvist: "Im Verborgenen"

Nach der erfolgreichen Verfilmung seines Vampirromans "So finster die Nacht" (2008) kommt nun ein Erzählungsband des 1968 geborenen Schweden John Ajvide Lindqvist. Wie im Roman liefern Plattenbausiedlungen hier die Schauplätze, aber auch Bauernhöfe und Sommerhäuser verschont das Grauen nicht. Es geht um Geschäfte mit dem Tod, vor denen man sich hüten sollte, und um Geschäfte mit Untoten, die von skrupellosen Wissenschaftlern betrieben werden.

Aber anders als viele seiner Kollegen setzt Lindqvist nicht auf aktuelle Vampir- und Zombie-Moden, sondern entwickelt seine Storys, wie Stephen King, aus einem Alltag heraus, der oft so öde oder so schrecklich ist, dass allein noch das Übernatürliche Erlösung verspricht.

Die Begegnung mit einem rätselhaften Fremden führt eine Frau auf die Spur ihrer nicht ganz menschlichen Herkunft, und so erfährt sie, was es mit der Narbe an ihrem Steißbein auf sich hat. Ein alter Mann bemerkt eines Tages, dass sein Hochhaus ein wenig schief steht, und merkt zu spät, dass darunter etwas sehr Großes Appetit auf dessen Bewohner entwickelt hat.

Ein Schüler erkennt, dass seine Vertretungslehrerin nur ein schlechter Ersatz ist - in einem sehr buchstäblichen Sinn. All das hinterlässt beim Lesen Irritationen, die sich verdichten. Am Ende hat man bisweilen den Eindruck, dass auch die wirkliche Welt ein wenig schiefer dasteht zuvor. Ulrich Baron

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