Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Wer hätte gedacht, dass im Sterben liegende Drachen reimen können? Tolkien-Fans können sich von der Nibelungen-Version ihres Mythenmeisters noch einmal überraschen lassen. Wer sich kunstkritisch inspirieren oder gewalttätig amüsieren lassen will, liest Aby Warburg oder Greg Hurwitz.
Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot
Seine Hobbits (Szene aus "Lord of the Rings") fand Tolkien mickrig. Reimte er deshalb?

Seine Hobbits (Szene aus "Lord of the Rings") fand Tolkien mickrig. Reimte er deshalb?

Foto: ddp images

J. R. R. Tolkien: "Die Legende von Sigurd und Gudrun"
(Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring)

Von seinem Buch "Der Hobbit" hielt J. R. R. Tolkien nach eigenem Bekunden nicht viel. War ihm seine mit Zwergen und Gollums bevölkerte Welt womöglich nicht literarisch genug? Dann wäre seine opulente Nacherzählung der Wälsungen- und Nibelungen-Sagen eine Art philologischer Kompensation gewesen.

Mehr als 500 Strophen des Mythenstoffs übertrug Tolkien in zeitgemäßes, allerdings dem altnordischen Metrum angepasstes Englisch. Jetzt können deutsche Leser dieses Großprojekt in deutscher Sprache entdecken, Hans-Ulrich Möhring hat es kongenial übersetzt.

Und was für eine Welt sich da erschließt: Die Gestalten der Edda treten auf; die Götter halten Rat, Thors Hammer wird geschmiedet, Heimdalls Horn gellt, und die Weltesche zittert: "Rot glüht das Horn/ des Riesen Surt", während die Midgards-Schlange die Wellen schlägt und der Fenriswolf auf seine Stunde lauert.

Bei aller mythologischen Action aber handelt es sich hier um Sprachkunst, die strengen Regeln folgt. Selbst der von Sigurds Schwert tödlich getroffene Drache Fafnir sucht seinen Hort noch mit Worten zu verteidigen: "Nein, sag ich, nimm's nicht,/ du Narr, sondern flieh!/ Dies Gold ist umgarnt/ von grässlichem Los." Also eine wunderbare Vorlage, um Tolkien noch einmal neu und laut zu lesen.
Ulrich Baron

Aby Warburg: "Werke in einem Band"

Werkauswahl in einem Band? Ein niederländischer Verlag erfand hierfür mal das Label "draagbar". Der tragbare Nietzsche, der tragbare Sophokles, der tragbare Freud. "Draagbar" bedeutet außerdem "erträglich" - in puncto Preis und Auswahl vermutlich.

Der tragbare Warburg: Dieser produktive, besessene Kulturwissenschaftler also, der Zusammenhänge von Kunst und Ausdrucksformen über Tausende von Jahren hinweg erkannte? Der mit Hilfe seiner ungeheuer wachsenden Spezialbibliothek Denkbilder und Denkweisen aus fernen Zeiten und Ländern rettete? Ebenjener. Die vorliegende Auswahl seiner Werke wiegt 942 Gramm, hat 179 Abbildungen und wurde mit einem editorischen Meisterstreich für Neulinge und Forscher gleichermaßen "erträglich" gemacht.

Ertragreich sowieso: Der Band umfasst wichtige Arbeiten aus Warburgs "Gesammelten Schriften", der Studienausgabe von 1923 (Reprint 1998), dazu ein halbes Dutzend bisher noch nie publizierte Texte und drei im deutschen Original erst jetzt veröffentlichte Abhandlungen. Acht weitere Arbeiten wurden ergänzt, von Überarbeitungen fremder Hand befreit.

Warburg neu, alt, authentisch, live! Die Texte sind chronologisch und systematisch geordnet, die Genese seiner Ideen wird fassbar. Alle Etappen mit kundigen Einführungen; die zahlreichen (oft langen) fremdsprachlichen Zitate in Klammern ins Deutsche übersetzt; Namens-, Wort- und Sacherklärungen fehlen ebenfalls nicht. - Warburg lesen und verstehen? Jetzt sogar unterwegs, in U-Bahn, Freibad, Park. Sibylle Mulot

Greg Hurwitz: "Die Meute"
(Aus dem Amerikanischen von Wiebke Kuhn)

Ein Koloss von einem Biker, der nicht nur Handschellen zerbricht. Sein Club-Kumpan, der das halbe Gesicht als Bremsspur auf einer Straße Kaliforniens zurückgelassen hat. Eine Anwältin, die selbst dem Höllenengel Luzifer einen Platz im Himmel erstreiten würde. Das sind keine Leute, mit denen man um einen Parkplatz streiten möchte. Bei der Vormacht im Drogenhandel aber ist der Streitwert deutlich höher, und so wollten die mexikanischen Konkurrenten der "Laughing Sinners" nicht klein beigeben. Seitdem tendiert ihre Lebenserwartung gegen null.

Die einzigen ernstzunehmenden Gegner der Sinner sind US-Marshall Tim Rackley und seine Kollegen. Nachdem Rackleys schwangere Frau von einem Club-Mitglied niedergeschossenen wurde, ist "ernstzunehmend" noch untertrieben. Doch die Polizisten müssen frustriert feststellen, dass ihnen das FBI Knüppel zwischen die Beine wirft. Offenbar sind die Sinner dabei, das Geschäft mit Heroin neu aufzuziehen und gehen beim Aufbau neuer Transportwege buchstäblich über Leichen.

"Die Meute" ist ein furioser Höllenritt zwischen dem skrupellosen "Born to be wild" der Biker und dem menschenverachtenden Neoliberalismus ihrer Anwältin. Für die Lady sind Drogenfahnder nur Büttel eines kontrollwütigen Staates, gegen den man sich mit allen Mitteln wehren darf. Ulrich Baron