Analyse von Buch-Neuerscheinungen Wenn es unterhaltsam wird, sind die Frauen dran

Von Berit Glanz und Nicole Seifert
Bücher von Frauen sind in deutschen Verlagen unterrepräsentiert. Wird das auch so bleiben? Zwei Literaturwissenschaftlerinnen haben sich durch die Frühjahrsprogramme gearbeitet.
Leserin in einer Buchhandlung: Wie steht die Chance, das Werk einer Autorin herauszuziehen?

Leserin in einer Buchhandlung: Wie steht die Chance, das Werk einer Autorin herauszuziehen?

Foto: Ivan Pantic/ iStockphoto/ Getty Images

Das Hashtag #frauenlesen ist in den sozialen Medien seit Längerem ein Anlaufpunkt für Lesende, die nach Büchern von Autorinnen suchen. Doch sollte die Identität der Schreibenden überhaupt eine Rolle spielen bei der Literaturauswahl? Ist es nicht wichtiger, dass einem Inhalt und Stil zusagen, egal wer das Buch geschrieben hat?

Tatsache ist, dass Autorinnen unterrepräsentiert sind - ob im Feuilleton, in Lehrplänen oder in den Bücherregalen. Bei der spielerischen Herausforderung, alle Bücher von Autoren in den eigenen Regalen umzudrehen, sodass nur noch die Rücken der Bücher von Autorinnen sichtbar sind, ergibt sich bei vielen ein ernüchterndes Bild: mehrheitlich weiße Regale, unterbrochen von einigen bunten Buchrücken.

Die Studie #frauenzählen  der Universität Rostock aus dem Jahr 2018, bestätigt ein klares Ungleichgewicht in der medialen Repräsentation von Autorinnen und Autoren: In Print standen 65 Prozent besprochener Autoren 35 Prozent Autorinnen gegenüber, das Verhältnis für Radio und TV sah ähnlich aus. Auffällig war außerdem, dass Kritiker mit 74 Prozent überproportional oft Autoren besprachen, während Kritikerinnen sich beinahe gleichwertig Autorinnen und Autoren widmeten.

Diese Zahlen belegen ein krasses Missverhältnis und bildeten die Basis, um ganz konkret mehr Diversität in den Feuilletons und verstärkte Aufmerksamkeit für die Sichtbarkeit von Autorinnen einzufordern.

Zu den Autorinnen

Berit Glanz, Jahrgang 1982,arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neue Skandinavische Literaturen des Instituts für Fennistik und Skandinavistik der Universität Greifswald. Im Herbst 2019 erschien ihr Debütroman "Pixeltänzer" bei Schöffling. Lesen Sie hier eine Rezension.Nicole Seifert arbeitet in Hamburg als Herausgeberin und Übersetzerin. Sie ist ausgebildete Verlagsbuchhändlerin und studierte in Berlin Amerikanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften. Ihr Blog "Nacht und Tag" wurde 2019 mit dem Buchblog-Award ausgezeichnet.

Nach den großen Zählaktionen im Jahr 2018 stand das Jahr 2019 besonders in den sozialen Medien im Zeichen immer lauterer Kritik an sexistischen Auswüchsen des Literaturbetriebs. Unter dem von Güzin Kar, Simone Meyer und Nadia Brügger initiierten Hashtag #dichterdran wurde beispielsweise mit spöttischer Umdrehung karikiert, wie Autorinnen auf ihr Äußeres reduziert werden.

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Und nachdem die "Süddeutsche Zeitung" einen Weltliteratur-Schuber präsentiert  hatte, der ausschließlich mit Werken von Männern bestückt war, initiierten Nicole Seifert und Lisa Brammertz als Reaktion das Hashtag #autorinnenschuber.

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Bereits im Frühjahr 2019 gerieten Verlage mit besonders unausgewogenen Programmen in die Kritik. Im Fokus standen dabei der Hanser Verlag, der auch schon in den Vorjahren unangenehm aufgefallen war, und der Rowohlt Verlag, der ein Programm mit nur einer einzigen Autorin veröffentlichte. Dass es im Feuilleton einen strukturellen Bias gibt, der Autoren und männlich konnotierte Genres bevorzugt, wurde in der Rostocker Studie #frauenzählen nachgewiesen. Inwieweit dieses Missverhältnis bereits aus den Programmen der Verlage resultiert, wurde jedoch noch nicht konkret untersucht.

Auswertung der Frühjahrsprogramme 2020

Deshalb haben wir mit dem Hashtag #vorschauenzählen auf Twitter dazu aufgerufen, die Verlagsvorschauen für das Frühjahrsprogramm auszuwerten, und die Resonanz war groß. Die Auszählungsergebnisse wurden von uns gesammelt und stehen als Spreadsheet online , sodass mit den Daten weitergearbeitet werden kann.

Da bisher das Ungleichgewicht in der Literaturkritik im Fokus stand, ging es uns zunächst um das Verhältnis von Autoren und Autorinnen in den Frühjahrsprogrammen der literarischen Verlage. Um diese abgrenzen zu können, haben wir uns die Vorschauen der Verlage angesehen, die in den letzten drei Jahren einen Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises hatten, oder die im Laufe des Jahres 2019 einen Titel auf der SWR-Bestenliste hatten. Die resultierende Liste versammelt so eine relevante Stichprobe literarischer Verlage.

Unterm Strich ist das Verhältnis von Autoren zu Autorinnen in den Frühjahrsvorschauen 2020 der literarischen Verlage 60:40. Auf 0 Prozent Autorinnen bringen es die Verlage Guggolz und Haymon, wobei Guggolz ein sehr kleiner Verlag mit insgesamt nur zwei Titeln im Frühjahrsprogramm ist. Relevanter wird es bei den größeren Häusern. Bei Klett-Cotta kommen sieben Autoren auf eine Autorin, das sind 12,5 Prozent. Das Hauptprogramm von

Mit überdurchschnittlich hohem Autorinnenanteil von 60 bis 70 Prozent starten die Verlage Hanser Berlin, Kein & Aber, Insel, Kampa, und Penguin in das Frühjahr 2020. Auf ein ausgeglichenes Verhältnis von 50 zu 50 bringen es Luchterhand und Piper. Bei vielen großen literarischen Verlagshäusern mit bekannten Namen und starker Marke ist der Anteil von Autorinnen also weiterhin gering. Die Tendenz: Je höher das literarische Prestige eines Verlages, desto mehr scheint er auf Männer im Programm zu setzen.

Der Fundus der Rechtfertigungen ist gut bestückt

Ähnlich ausgeprägt ist das Verhältnis im Sachbuch, genau umgekehrt verhält es sich im Kinder- und Jugendbuch, wo Autorinnen im Verhältnis 70 zu 30 in der Überzahl sind. Einzelne Verlage mit sehr hohem Genre-Anteil, wie etwa Diana, bringen es auf 100 Prozent Autorinnen. Diese Zahlen bestätigen das strukturell nachweisbare, geschlechterbezogene Bias im Literaturbetrieb, von dem auch die Studie #frauenzählen spricht. Je ernsthafter es zugeht, desto männlicher; je unterhaltsamer es wird, desto weiblicher. Für Menschen, die sich jenseits fester Zuschreibungen von männlich und weiblich verorten, ist noch überhaupt kein Raum vorhanden.

Dass die Verteilung ist, wie sie ist, hat damit zu tun, wer welche Aufträge und Anfragen bekommt, wem was zugetraut wird, und da wirken nach wie vor tief sitzende sexistische Vorurteile. Die abendländische Kultur ist, wie die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem Buch "Frauen und Macht" ausführt, seit Jahrtausenden darin geübt, zu definieren, in welchen Bereichen, Frauen sich äußern sollten und in welchen nicht. Kinder und Haushalt sind gewünscht, Politik und Wissenschaft - darüber schreiben vielleicht doch besser Männer.

Nach Veränderungen sieht es also nicht aus. Solange die Literaturkritik auf die unausgewogenen Programme der Verlage verweist und die Verlage wiederum auf die ungleiche Aufmerksamkeit, ist Stillstand die Konsequenz. Für Experimente ist die Verlagsbranche in Zeiten, in denen ihr die Leser*innen abhandenkommen, wenig aufgeschlossen. Man verweist lieber darauf, dass Bücher von Männern sich angeblich besser verkaufen, dass Frauen früher so wenig geschrieben hätten, dass sie kaum Sachbücher anbieten würden, oder man geht optimistisch davon aus, dass sich das historisch gewachsene Ungleichgewicht in den nächsten Jahren schon von selbst ausgleichen wird. Während der Fundus mit guten und weniger guten Rechtfertigungen also bestens bestückt ist, verändern sich die Programme nur sehr langsam.

Dabei hängt vom Mut und der Entschlossenheit der Programmverantwortlichen in den Buchverlagen viel ab. Denn hier entscheidet sich, wer dem Vergessen überlassen wird, wer wiederentdeckt, vielleicht neu übersetzt wird, wer teure Gesamtausgaben erhält. Und das legt die Grundlage für Aufmerksamkeit, für Wertzuschreibung durch die Literaturkritik und Aufnahme in die Lehrpläne, dafür, wer in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken steht. Warum haben beispielsweise Françoise Sagan, Marlen Haushofer, Natalja Ginzburg und viele andere verdiente Autorinnen keine Gesamtausgaben, aber Jörg Fauser schon die dritte?

Deshalb, liebe Verlage, fragt mehr Sachbücher bei Frauen an und mehr Kinder- und Jugendbücher bei Männern, akquiriert bewusst Romane von Autorinnen und macht sie zu Spitzentiteln, durchforstet eure Backlist und die Archive, bewahrt Autorinnen vor dem Vergessen, übersetzt zeitgenössische wie klassische Autorinnen aus den "kleinen Sprachen" und öffnet die Türen für Schreibende, die sich einer binären Einordnung verweigern. Es gibt so viel nachzuholen und zu entdecken, und eure Leser*innen verlieren langsam die Geduld.

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