Wahlkampf-Manga "Eagle" Der japanische Kandidat

Präsident werden leicht gemacht: Auf über 2000 Comicseiten schildert der japanische Autor und Zeichner Kaiji Kawaguchi den Aufstieg eines fiktiven amerikanischen Präsidentschafts-Kandidaten zur Macht. Ein Politdrama von bestechender Finesse.

Die japanische Comic-Kultur ist, vielleicht als einzige auf der Welt, komplett frei von Berührungsängsten. Das gilt nicht nur für die oft verschmähten pornografischen Hentai-Mangas, in denen Perversion auf oft seltsame Spitzen getrieben wird, sondern für jedes denkbare Sujet. Politik, Soziales, Science Fiction oder Tennis: Was man auch sucht - in Japan gibt es ganz sicher einen Manga dazu.

Nur so lässt sich "Eagle" von Kaji Kawaguchi erklären. Ein fast zweieinhalbtausendseitiger Comicroman, in dem der Aufstieg des japanischen Einwanderersohns Kenneth Yamaoka zum Präsidenten der Vereinigten Staaten geschildert wird. In Japan erschien dieser Manga 1998. Er spielt im Wahljahr 2000. Die deutsche Ausgabe erscheint seit 2003. Aktuell liegen 10 von insgesamt 11 Bänden vor. Trotz fiktiver Handlung und einigen Soap-Elementen ist die Serie eine der genauesten Schilderungen eines US-Wahlkampfes.

"Eagle" schildert den Zeitraum von der ersten Vorwahl in New Hampshire bis zur Wahlnacht aus der Sicht eines japanischen Journalisten. Der, Takashi Jo, ist jung, aufstrebend und exklusiv vor Ort. Immer auf Tuchfühlung mit dem Kandidaten, immer dabei, während der stetig größer werdende Wahltross durch die Bundesstaaten tingelt.

Es ist ein Zirkus, den Kawaguchi schildert. Aber kein lustiger. Da werden potenzielle Wähler im tiefsten Schneesturm vom Wahlkampfteam zur Urne geleitet. Yamaoka absolviert unzählige Essen und Reden, provoziert und schmeichelt, stiehlt anderen die Show oder schenkt sie ihnen. Schritt für Schritt werden die Mitbewerber in den eigenen Reihen ausgeschaltet, lächerlich gemacht oder zu Bündnissen gezwungen. Im Zentrum der Ereignisse steht stets Yamaoka, der sich als waghalsiger Taktierer erweist, als Machtmensch, dem Erfolg alles und Inhalt nichts ist.

Dabei kann man ihn nicht einmal wirklich unsympathisch finden. Politisch gesehen ist der demokratische Kandidat Yamaoka eine Taube, ein Linker, der sich für verstärktes Engagement in der Bildung stark macht, der Investitionen in der Dritten Welt fordert und sogar den stiernackigen Texanern eine Verschärfung des Waffenrechts verkaufen kann. Deutlich hat John F. Kennedy Pate gestanden für diese Figur, die jung, attraktiv und dynamisch ist.

Aber das alles sind bloß Äußerlichkeiten. Es geht in "Eagle" nicht um Positionen, sondern darum, wer diese zuerst und am glaubwürdigsten besetzt. Politik ist in dem Manga reiner machiavellistischer Machtdrang, ein Spiel für Männer, die sonst nichts Besseres zu tun haben. Die Spiele der Mächtigen sind immer wiederkehrendes Thema in allen Handlungssträngen der Serie. Immer wieder trifft Yamaoka auf andere Machtmenschen, die überzeugt, gewonnen oder benutzt werden müssen - sei es der texanische Rinderbaron, ein nordamerikanischer Gewerkschaftsboss oder der Bürgermeisters von New York. Die Demokratie in "Eagle" ist marode. Wie in einer Schachpartie wird das Wahlvolk beliebig hin- und hergeschoben.

Selbstverständlich kann Kawaguchi nicht für sich beanspruchen, die Wahrheit zu schildern. Aber allein die schiere, atemberaubende Komplexität der politischen Intrigen lässt glauben, dass es genau so sein könnte. Zudem bietet "Eagle" einen leicht verständlichen Zugang zu dem nicht immer leicht zu durchschauenden US-Wahlsystem. Überhaupt gibt sich der Autor und Zeichner viel Mühe, sein Werk so realitätsgetreu wie möglich zu gestalten. Grafisch ausgefeilt sind die Hintergründe, jeder Slogan auf den Plakaten und jeder Mail-Header ist lesbar. Für die amerikanische und die europäische Ausgabe wurden sogar akribisch Artikel aus Tageszeitungen gefälscht und dort eingefügt, wo in der japanischen Ausgabe lediglich Blindtext steht. Einzig die Namen der allergrößten Akteure im Spiel sind leicht verändert. Im Weißen Haus sitzen Bill Clyton und Al Nore.

Als nachteilig erweist sich allein die große Verspätung, mit der "Eagle" auf den deutschen Markt kommt. Fast schon nostalgisch muten die Wahlkampf-Schwerpunkte Bildung und Immigration an, mit denen Yamaoka auftrumpft. Aussagen Yamaokas, dass die USA nicht länger Weltpolizist spielen dürfe, klingen in Zeiten täglicher Irak-Opfer und anhaltender Al-Qaida-Paranoia naiv.

In den USA wurde das Werk erstaunlich positiv aufgenommen. Sogar die im Grunde absurde Idee eines japanischen Kandidaten wurde von den Lesern akzeptiert. Mehrere Jahre in Folge stand "Eagle" auf der Nominiertenliste für den Eisner-Award, den bedeutendsten Comic-Preis der USA. Die "L.A. Times" verglich Kawaguchi gar mit dem konservativen Thriller-Autor Tom Clancy.

In Deutschland fand die Serie dagegen bislang eher wenig Aufmerksamkeit. Zu sehr haftet Mangas nach wie vor das Image der "Kinderlektüre" an. Dabei ist "Eagle" fraglos eines der großen Comic-Meisterwerke des Jahrzehnts. In der glasklaren Erzählweise Kawaguchis wird sogar die seitenlange Aufzählung von Zwischenwahlergebnissen zum unerträglichen Spannungsmoment. "Eagle" ist die Sorte Lektüre, die man ab der ersten gelesenen Seite nicht mehr aus der Hand legt.


Kaji Kawaguchi: "Eagle"; Egmont Manga & Anime. 11 Bände zu je 6,50 Euro

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