Walser-Debatte Grass empört sich über Feuilletonkrieg

Nach Ansicht des Schriftstellers Günter Grass geht es in der Debatte um Martin Walsers "Tod eines Kritikers" längst nicht mehr um einen Roman, sondern um einen Feuilletonstreit zwischen "FAZ" und "SZ". Der Literaturnobelpreisträger kündigte zudem erneut seine Wahlkampfhilfe für die Bundesregierung an und warnte vor "berlusconihaften" Verhältnissen.


Schriftsteller Grass: "Deswegen bin ich noch lange kein Antisemit"
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Schriftsteller Grass: "Deswegen bin ich noch lange kein Antisemit"

Rom - Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sich erneut empört über die Debatte um das neue Buch von Martin Walser geäußert. "Was dort in Frankfurt passiert, ist einfach unglaublich", sagte Grass am Dienstag bei einer Pressekonferenz im Goethe-Haus in Rom.

Nicht mehr das Walser-Buch als solches sei ein Event, sondern das, was die Starkritiker sagten, kritisierte Grass: "Es wird über das Sekundäre aus primärer Sicht gesprochen." Wer das Lebenswerk Walsers kenne, käme nie auf die Idee, von antisemitischen Ideen zu sprechen, sagte er und bekräftigte noch einmal seine Rückendeckung für den in die Kritik geratenen Walser. Im Grunde sei alles ein Feuilletonstreit zwischen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") und der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"). Der Literaturnobelpreisträger sprach von der Engstirnigkeit einiger Kritiker und verwies auf die Kurzgeschichte "1962" aus seinem Buch "Mein Jahrhundert". Diese Geschichte habe er im jüdischen Dialekt vorgelesen, um so dem Zuhörer einen Eindruck von der jüdischen Hauptperson zu vermitteln. "Deswegen bin ich aber noch lange kein Antisemit", sagte Grass.

Der 74-jährige Schriftsteller erklärte zudem, er plane im Bundestagswahlkampf einige Veranstaltungen zu Gunsten der rot-grünen Koalition. "Ich werde helfen zu verhindern, dass es in Deutschland "berlusconihafte" Verhältnisse geben wird. Mediale Macht mit einem politischen Amt zu verbinden, zerstört automatisch die Demokratie", sagte Grass.

Außerdem sprach sich Grass gegen Stoiber aus, der ja bekanntlich "ein großer Freund des rechtsextremistischen Österreichers Haider" sei und dem italienischen Staatsoberhaupt Silvio Berlusconi bei dessen Wahlkampagne unterstützt habe. "Ich kann nicht verstehen, wie die Italiener Silvio Berlusconi wählen konnten, nachdem sie doch schon Erfahrungen mit mittelmäßigen Schauspielern als Staatsoberhäupter gesammelt haben", erklärte Grass. "Ich hoffe, dass in Deutschland im September nicht dasselbe passiert."



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