Walsers NSDAP-Mitgliedschaft Historisches Pech

Martin Walser, Dieter Hildebrandt und Siegfried Lenz waren NSDAP-Mitglieder - zumindest wohl auf dem Papier. Doch was sagt der Eintrag auf einer Karteikarte aus? Walser-Biograf Jörg Magenau erklärt, warum er den Schriftsteller und andere seines Jahrgangs für unschuldig hält.


Im Bundesarchiv existiert ein Aktenvermerk der NSDAP-Zentraldatei, auf der die NSDAP-Mitgliedschaft von Walser, Martin, geboren am 24.3.1927 in Wasserburg am Bodensee, vermerkt ist. Demnach hat Martin Walser am 30. Januar 1944 den Parteieintritt beantragt, der am 20. April 1944 vollzogen wurde. Ähnlich verhält es sich bei Siegfried Lenz und Dieter Hildebrandt. Alle drei streiten ab, davon gewusst zu haben.

Schriftsteller Walser: Ein Leben lang mit der deutschen Schuld auseinandergesetzt
DDP

Schriftsteller Walser: Ein Leben lang mit der deutschen Schuld auseinandergesetzt

So weit die nüchternen Fakten, über die das Magazin "Focus" in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Doch was besagen sie? Nicht viel, denn die Modalitäten des Parteieintritts bleiben im Dunkeln. Die Daten erhärten allenfalls die nicht ganz frische Erkenntnis, dass die Generation der 1927 Geborenen ihre Jugend im Nationalsozialismus verbracht hat. Sie waren Zeitgenossen, Beteiligte, Verstrickte. Das war ihr historisches Pech.

Martin Walser hat sich ein Leben lang mit dieser – seiner – deutschen Schuld auseinandergesetzt. Die Rekrutierung von Sechzehnjährigen als Parteimitglieder ist nicht mehr als eine symbolische Bestätigung der moralischen Ausnahmesituation dieser Generation, die sich irgendwo zwischen jugendlichem Fanatismus und dem Schicksal, bloßes Kanonenfutter zu sein, einordnen musste.

Walser war, so viel steht fest, kein Fanatisierter und auch kein Widerstandskämpfer. Das Nazi-Gedröhn blieb ihm fremd – auch wenn er es als Mitglied der Marine-HJ am Bodensee immerhin zum Reichsmeister im Signalwinken gebracht hat. Was ihn an der Hitlerjugend reizte, war das Körperliche und die Überlegenheit über die Bürgerskinder. Denn er, der schon früh im elterlichen Kohlehandel helfen musste, war an harte Arbeit gewöhnt. Der NSDAP musste er deshalb allerdings noch lange nicht zuneigen.

Walser sagt, er habe nie einen Aufnahmeantrag gestellt und nie ein Mitgliedsbuch erhalten. Vermutlich habe der Standortführer von Wasserburg, der ein fanatischer Nazi war, ihn und andere seines Jahrgangs ohne ihr Wissen gemeldet. Unter Historikern ist die Frage umstritten, ob es gegen Kriegsende solche Gruppen-Zuführungen von Jugendlichen der Jahrgänge 1926 und 1927 ohne deren Wissen gab, sei es schulklassenweise oder über die HJ. Wer das für ganz und gar unmöglich hält, muss der Nazibürokratie dann allerdings ein gesetzmäßiges und rationales Funktionieren bis zum Ende unterstellen.

Beichtstuhl als zentraler Ort der Kindheit

Näher liegend ist die Vermutung, dass geltungssüchtige Ortsgruppenleiter und andere Geltungssüchtige sich nicht darum kümmerten, ob die Betreffenden ordnungsgemäß unterschrieben und ob sie etwas davon wussten. Hauptsache die Quote stimmte. Die auf Walsers Aktenkarte vermerkten Daten – der Jahrestag der "Machtergreifung" und "Führers Geburtstag" – stützen seinen Verdacht, es habe sich eher um einen offiziellen Beitrag zum nationalsozialistischen Feiertagskalender gehandelt, als um einen persönlichen Entschluss.

Warum auch hätte er im Frühling 1944 Parteimitglied werden sollen? Nichts lag ihm, dem ganz und gar katholisch geprägten Dorfbewohner, ferner. Die zehn Gebote verlangtem ihm ein solches Maß an Pflichterfüllung ab, dass für nationalistische Parolen daneben nicht mehr viel Platz blieb. Der Beichtstuhl war einer der zentralen Orte seiner Kindheit, wo er sich schon während der Beichte mit unkeuschen Gedanken neuer Sünden schuldig machte.

1944 war er bei der Flak und beim Arbeitsdienst. Er las Gedichte von Stefan George und von Schiller und wappnete sich mit lyrischen Tönen gegen die Militarisierung des Alltags. Um die Parteimitgliedschaft hat er sich nicht beworben, gleichwohl aber, im Oktober 1944, freiwillig zum Militär gemeldet – und das, obwohl kurz zuvor sein älterer Bruder an der Ostfront getötet wurde. Als Reserveoffiziersbewerber wurde er aber abgelehnt.

Sein Aufsatz über Friedrich den Großen ließ zu viel geistigen Eigensinn erkennen: "Wer nicht gehorchen kann, kann auch nicht befehlen", habe der Kompaniechef nach der Grundausbildung zu ihm gesagt. Als Rekrut der Gebirgsjäger wurde er im Inntal stationiert, aber da war der Krieg schon fast vorbei. Sich nicht zu melden hätte er als Drückebergerei empfunden, als Feigheit und Ungerechtigkeit auch gegenüber dem toten Bruder. Briefe aus dieser Zeit an eine Freundin in Wasserburg zeigen, wie er sich mit den pervertierten Idealen beschäftigte und am Heldentod zweifelte. Kann es denn sein, dass die Besten sterben und die Feiglinge bleiben zu Haus? Was ist das für eine Ordnung? Wo ist da Gerechtigkeit?

Die eigene Befangenheit im katholischen Kosmos der Wasserburger Dorfwelt ist das Thema seines autobiografischen Kindheitsromans "Ein springender Brunnen". Da kann man auch nachlesen, wie lächerlich der brüllende Dorfnazi in seiner Uniform auf ihn wirkte, wie verstört Walser (der sich im Roman "Johann" nennt) war, als der Clown eines im Dorf gastierenden Wanderzirkus' zusammengeschlagen wurde, nachdem er politisch unkorrekte Witze gemacht hatte. Und er erinnert sich daran, wie seine Mutter mit Psst-psst-Flüstern reagierte, wenn die Rede auf "die Dachauer" kam, Zwangsarbeiter in gestreifter Häftlingskleidung. Die Mutter – auch das wird in aller Ausführlichkeit dargestellt – trat bereits 1932 in die Partei ein. Sie hoffte, dadurch die Gastwirtschaft der Walsers vor dem Ruin zu retten, weil dann die Parteiversammlungen hier abgehalten werden würden. Der Vater war gegen solch ökonomisches Kalkül. Ihm war klar, dass Hitler Krieg bedeuten würde.

Der "springende Brunnen" ist ein Versuch, die Dorfwelt erzählerisch zu retten und gewissermaßen hinter das Trauma des Nationalsozialismus zurückzukommen. Walser zeigt, wie die NS-Zeit diesen Kosmos zerstörte, indem sie ihn in Schuldige und Unschuldige, Täter und Opfer, Wissende und Unwissende aufspaltete. Er gehörte zu denen, die sich nach 1945 mit zunehmendem Entsetzen der eigenen Ahnungslosigkeit zu stellen hatten. Walsers Werk – von der essayistischen Auseinandersetzung mit dem Auschwitz-Prozess im Jahr 1965 bis zur Paulskirchenrede, von dem Roman "Halbzeit" bis zum "Springenden Brunnen" – steht dafür, dass er es sich damit nicht leicht gemacht hat.



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