Reaktionen auf Walter Jens' Tod "Seine intellektuelle Vielseitigkeit war einzigartig"

Walter Jens ist tot, er starb 90-jährig in Tübingen. Persönlichkeiten aus Kultur und Politik würdigten den Philologen. Er sei "Vordenker und Gestalter" gewesen und habe das "Idealbild des umfassend gebildeten Gelehrten" verkörpert. Trauer herrscht aber auch in einem Fußballclub.

Walter Jens in Tübingen gestorben: Trauer im Kanzleramt und beim Traditionsclub
DPA

Walter Jens in Tübingen gestorben: Trauer im Kanzleramt und beim Traditionsclub


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trauert um den Philologen und Schriftsteller Walter Jens. Er sei einer der "bedeutenden Intellektuellen in unserem Land" gewesen und habe das Wort Streitkultur jahrelang verkörpert, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. "Seine Stimme war über Jahrzehnte richtungsweisend in den großen Geistesdebatten, auch den großen politischen Debatten unseres Landes." Jens war am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bezeichnete Jens als "engagierten Demokraten", der die Kulturpolitik Deutschlands wie kaum ein anderer geprägt habe. Als Präsident des PEN-Zentrums Deutschland oder der Akademie der Künste sei der Literaturwissenschaftler nicht nur Vordenker, sondern auch Gestalter gewesen, erklärte Neumann am Montag in Berlin. "Seine intellektuelle Vielseitigkeit war einzigartig", sagte Neumann. Besonders beeindruckt hätten ihn die Biografien über die Familie Mann, die Jens mit seiner Frau Inge herausgebracht hatte.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, mit Jens verliere "Deutschland einen großen Intellektuellen und brillanten Rhetoriker und Berlin einen großen und verlässlichen Freund". Von 1989 bis 1997 war Jens Präsident der Berliner Akademie der Künste. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte: "Walter Jens zeigte Mut, wenn es darum ging, Ungerechtigkeiten aufzudecken und mehr Gerechtigkeit zu verwirklichen. Das war für einen Mann des Geistes und des Wortes nicht selbstverständlich."

Fotostrecke

7  Bilder
Walter Jens gestorben: Er kämpfte mit der Kraft des Wortes
Für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) ist Walter Jens ein "wirkungsmächtiger Intellektueller" gewesen. Jens habe die Gesellschaft als engagierter Demokrat, Pazifist und Schriftsteller entscheidend geprägt, sagte Kretschmann am Montag in Stuttgart. "Für Baden-Württemberg war es ein Glücksfall, dass Walter Jens 1956 an die Universität Tübingen berufen wurde und in den folgenden Jahrzehnten von hier aus die Streitkultur und zahlreiche politische Debatten in Deutschland nachhaltig beeinflusst hat", erklärte Kretschmann in einer Mitteilung.

Zugezogener Hanseat in der "kleinen großen Stadt"

Mit großer Bestürzung hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer die Nachricht vom Tod von Walter Jens aufgenommen. Tübingen, seine "kleine große Stadt", verliere viel, im Menschen wie im Wissenschaftler und Schriftsteller Walter Jens, im engagierten Bürger und homo politicus. Ihm, dem zugezogenen Hanseaten, sei Tübingen zur zweiten Heimat geworden, in der er den größten Teil seines Lebens verbrachte. "Er wird seine Ruhestätte an jenem Ort finden, den er sich selbst gewünscht hat: auf dem Stadtfriedhof, dort, wo die großen Toten unserer Stadt begraben sind."

Imre Török, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, schrieb: "Die Stimme eines streitbaren Humanisten und Pazifisten, eines wortgewaltigen Kritikers und Autors ist für immer verstummt."

Der katholische Theologieprofessor Hans Küng (85) fand persönliche Worte: "Ich habe ihn geschätzt als treuen und couragierten Freund gerade in der schwierigsten Zeit meines Lebens, der Auseinandersetzung mit Rom." Küng würdigte Jens als Meister der Sprache, unerschrockenen Kämpfer für Demokratie und aufrechten kritischen Christenmenschen.

Das "Hamburger Abendblatt" holte eine ganz andere Trauerstimme ein: Auch der Eimsbüttler TV (ETV) trauert um den großen Literaturprofessor und Schriftsteller, der im Hamburger Stadtteil Eppendorf geboren wurde. "Wir haben sehr positive Erinnerungen an ihn. Sein Tod macht uns traurig", zitiert die Zeitung Frank Fechner, den ersten Vorsitzenden des Traditionsclubs. Zum 100-jährigen Jubiläum der ETV-Fußballabteilung sei Jens 2006 zu Gast gewesen und habe sich an seine Kindheit und Jugend in den Dreißigern erinnert, als er Mitglied im Verein war.

Erinnert wird an Jens' Aussage: "Wenn ich den letzten Goethe-Vers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm noch aufzählen können - Dehrle Ahlers, Otto Rohwedder, Herbert Panse, Kalli Mohr und Hanno Maack".

feb/dpa



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
matjeshering 11.06.2013
1. Ein sehr grosser Verlust..
für das geistige Deutschland, Europa ja die Welt. Es gab nur wenige humanistische Kämpfer wie ihn, die die Rethorik als integralen Bestandteil des menschlichen unbewaffneten Wiederstandswesen einsetzte und auch so verstand. Trotz der Vorwürfe bezüglich seine (Zwang-) Mitgliedschaft in der NSDAP, ist und bleibt er einer der grössten Philosophen der Menschheit. Einer der klarsten Spiegel der Gegenwart. Sein Tod reisst ein Loch. Aber was ist ein Loch? Wie kann man ein Loch definieren wenn es sich auf ein Nichts bezieht? Wie kann ein schmerzvolles Ende, nichts bedeuten? Herr Jens, Sie waren, für alle, die Kontakt mit Ihnen hatten mehr als nichts und immer zu nichts mehr nütze als nicht. Humane Rethorik ist zu nichts nutze als im Auge des Betrachters, Empfängers oder Senders. Egal. Sie sind ein Verlust für alle, die die humane Kommunikation mit mehr als nichts sehen. Leben Sie nicht wohl und seien Sie nicht bedankt für ihr Ableben, sondern für Ihr Leben. Danke.
Antoninus 11.06.2013
2. Gemerkelt!
Der gute, freundschaftliche Walter Jens - jetzt wird er gemerkelt. Und seine Frau Inge kann oder will sich nicht wehren.
Antoninus 11.06.2013
3. Verband deutscher Schriftsteller
Sorry, eine etwa pietätlose Anmerkung.. - zum Zitat: "Imre Török, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller, schrieb: "Die Stimme eines streitbaren Humanisten und Pazifisten, eines wortgewaltigen Kritikers und Autors ist für immer verstummt."" Bitte? Es gbit ihn noch, den "Verband deutscher Schriftsteller"? (Auch der Schriftstelllerinnen?) Sorry, ich entschuldige mich für diese "taff-krumme" Anmerkung zum Tod meines Vorbildes Waltler Jens. (Der Dichter Jens war mit der Parabel "Bericht über Hattington" vom ersten Tag einer Referendarsstunde (1973) mein Leitbild für Inhalt und Form von Bildung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.