Walter Moers' neuer Roman Wenn dich nachts der Alb heimsucht

Lauter Hirngespinste: "Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr" heißt der neue Roman von Walter Moers. Die Zeichnungen stammen diesmal nicht von ihm selbst - sondern von einer schlaflosen Illustratorin.
Von Wiebke Brauer
Havarius Opal, der Nachtmahr

Havarius Opal, der Nachtmahr

Foto: Walter Moers/ Lydia Rode

Die Königstochter kann nicht schlafen. Einmal vermochte sie ganze vier Wochen kein Auge zu schließen, ihr persönlicher Rekord. Und sei dem nicht genug, hockt eines Abends auch noch ein Nachtalb auf der Brust von Prinzessin Dylia. Als ein "bestürzend hässlicher und kleinwüchsiger Gnom mit vielfarbiger Haut und einem unverschämten Blick" wird er beschrieben. Die Illustration im Buch sieht ein bisschen aus wie auf dem berühmten Gemälde "Nachtmahr" des Malers J. H. Füssli : mit spitzen Ohren, griesgrämiger Miene und lidlosen Augen.

Im Gegensatz zu Füsslis Figur schillert die Haut des Moersschen Nachtmahrs jedoch in allen Regenbogenfarben. Havarius Opal ist sein Name, zentnerschwer thront er auf der Regententochter, die um Atem ringt. Er eröffnet ihr, dass er sie um den Verstand bringen wird. Großzügig bietet er an, gemeinsam eine letzte Reise zu unternehmen, bevor sie von allen guten Geistern verlassen aus dem Fenster springt. Die Tour soll durch ihr Gehirn führen, Ziel ist das dunkle Herz der Nacht. Allerdings hat der Alb nicht mit ihrer List gerechnet. Und mit seinen Gefühlen schon gar nicht. Wie das eben immer so ist mit Prinzessinnen, denen man einen Deal anbietet.

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Moers, Walter

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr: Roman

Verlag: Albrecht Knaus Verlag
Seitenzahl: 344
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Schon ist der Leser mittendrin in dem siebten Zamonien-Roman des Bestsellerautors und Cartoonisten Walter Moers, und lange hat er auf sich warten lassen. Zamonien, das ist eine Welt voller Fabelwesen, 1999 tauchte sie in "Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär" das erste Mal auf, fünf weitere Bestseller folgten. 2011 erschien das Buch "Das Labyrinth der Träumenden Bücher", die Fortsetzung mit dem Titel "Das Schloss der träumenden Bücher" sollte 2014 auf den Markt kommen, wurde verschoben, stattdessen wurde der Roman "Die Insel der 1000 Leuchttürme" angekündigt. Doch auch daraus wurde nichts.

Inspiration durch eine schlaflose Zeichnerin

Walter Moers, von dem kaum Fotos existieren und der (vielleicht) in diesem Jahr 60 wurde, erzählte in einem seiner seltenen Interviews, er würde nach dem "Warmhalteplatten-Prinzip" arbeiten. Sprich, er schob den Roman auf dem Herd ganz nach hinten und widmete sich einer schlaflosen Prinzessin.

Offizielles Autorenbild von Walter Moers alias Hildegunst von Mythenmetz

Offizielles Autorenbild von Walter Moers alias Hildegunst von Mythenmetz

Foto: Walter Moers

Grund: Während seiner Arbeit an "Die Insel der 1000 Leuchttürme" erhielt er einen Brief von einer jungen Frau namens Lydia Rode. Rode leidet am Chronischen Erschöpfungssyndrom. Die 25-Jährige bekämpfte das bisher unheilbare Leiden mit seinen Romanen, wie sie ihm schrieb, und sie ist zeichnerisch begabt. Es entsteht die Idee für eine kurze gemeinsame Geschichte, heraus kommt am Ende ein 334 Seiten langer Roman. Ein Märchen über eine schlaflose Prinzessin, bebildert von einer schlaflosen Zeichnerin und nicht von Moers selbst.

Die Geschichte selbst ist die typische Melange aus fantastischem Abenteuer, fabulierenden Fabelwesen, einer Prise Boshaftigkeit und einem Hauch Bildungsbürgertum. Havarius Opals und Dylias Reise führt durch das Prinzessinnengehirn zu den Etagen des Cortex cerebri, Ideen werden geboren und sehen aus wie Popel, weiter geht es zum Volk der Vernunft; da sie Beamte sind, bestehen ihre Floskeln aus "Ja", "Nein", "Genehmigt", "Abgelehnt", "Darüber muss ich nachdenken" - und natürlich "Mittagspause". Die Reisenden passieren die Große Fissur und den Sumpf des Unterbewusstseins - um schließlich am Ziel zu landen. Das befindet sich in Amygdala, dem Zentrum der Angst.

Die "Schmopfkerzen" vertreiben den Schrecken

Um Anatomisches geht es Moers so gar nicht, dafür aber wieder sehr darum, der deutschen Sprache zu huldigen und mit ihr zu spielen. Entsprechend begeistert wirft der Schriftsteller mit Alliterationen um sich. So wälzt sich die somnambule Prinzessin auf Kissen umher, die mit feinsten Flaumhärchen von frühreifen florinthischen Faultieren gefüllt sind, kein Chimärisches Chloroform hilft ihr und kein Buchimistisches Betäubungsgas.

Und, wie man es von Moers kennt, suhlt er sich in Silbenverdrehungen und Anagrammen. Zu deren Herstellung verwendet er, wie er einmal verriet, Plastikbuchstaben eines Scrabble-Spiels, in der Vergangenheit fanden sich in seinen Büchern schon Namen wie "Dölerich Hirnfiedler"" für Hölderlin und "Ojahnn Golgo van Fontheweg" für Goethe.

In "Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr" sind es fiese Wörter, die durch das von Dylia erfundene Buchstabenvertauschungsprogramm ihren Schrecken verlieren. "Es konnte jedes Schreckenswort in eine Karikatur seiner selbst verwandeln und sogar Krankheiten und Tod den bösen Stachel ziehen", heißt es im Buch. So wird aus einem Schlaganfall ein absurder Flaganschall oder aus Kopfschmerzen lächerliche Schmopfkerzen. Spätestens an dieser Stelle des Buches scheint durch, wie unendlich lang eine Nacht sein kann, wenn man an einer Krankheit wie dem Chronischen Erschöpfungssyndrom leidet und wie tröstend und hilfreich die Sprache ist. Ob nun für fiktive Personen wie die rastlose Prinzessin Dylia (Achtung, Anagramm!) oder für Lydia Rode.

Prinzessin Dylia

Prinzessin Dylia

Foto: Walter Moers/ Lydia Rode

Rodes Aquarelle im Übrigen mag man im Gegensatz zu Moers düsterer und knollennasiger Strichführung zu sauber angeordnet, zu lieblich und überhaupt zu bunt finden. Aber wem sie nicht passen, der sollte sich an Prinzessin Dylia halten: Die hält nämlich den Vorwurf, sie würde sich regenbogenfarbenen "Kitsch" ausdenken, für ein Totschlagargument, das nur Leute benutzen, die zu verbittert sind, um die Schönheit einer Seifenblase überhaupt nur zu erkennen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Walter Moers habe im besprochenen Band erstmals nicht mit eigenen Zeichnungen gearbeitet. Allerdings war bereits Moers' 2001 erschienener Roman "Wilde Reise durch die Nacht" mit Holzstichen von Gustave Doré illustriert.