"Was verloren geht" von Zinzi Clemmons Trauer ohne Tralala

Eine Mutter stirbt, ihre Tochter trudelt. Mit ihrem Debüt "Was verloren geht" gelingt Zinzi Clemmons ein starker Roman, der Trauer-Kitsch vermeidet und Verlustgefühle realitätsnah abbildet.

Trauernde (Symbolbild)
Getty Images

Trauernde (Symbolbild)

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Es ist, als bräuchte sie zwischendurch eine Dosis Realität. Fakten. Statistiken. Fotos. Zeitungsausschnitte. Um ihrem eigenen Gefühlsloch etwas entgegenzusetzen. Und die unscharfe Abwesenheit mit etwas Handfestem zu füllen.

Ihre Mutter ist gestorben, neulich erst, länger her, irgendwann. Krebs, das elende Miststück. Und nun hängt Thandi, mitten im Studium, in einem Karussell aus Gleichzeitigkeiten:

"Sie ist von uns gegangen."
"Und doch ist sie hier."
"Aber sie fehlt."
"Dabei spüre ich ihre Arme um mich."

Romane, die davon erzählen, jemanden an den Tod zu verlieren, laufen immer Gefahr, dass allzuviele beim Lesen denken: Nein, so fühlt sich das nicht an. Hat mit mir nichts zu tun. Trauer-Kitsch, uh. Weil Trauer nun einmal vor allem eines ist: verschieden. Weil es kein Richtig und Falsch gibt. Nur zu viel Gefühl, das immer wieder wie aus dem Nichts über einen drüber schwappt. Auch Monate, Jahre später.

Und eben deshalb ist es sensationell, wie Zinzi Clemmons genau dieses Diffuse in ihrem Roman abbildet. Indem sie Thandi in "Was verloren geht" bruchstückhaft erzählen lässt. Sie lässt alles Episode sein. Die Hospizflure, die Schmerztagenächte der Mutter, den Kühlschrank voller Wohlfühlessen, Thandis Fluchten in Sex mit wemauchimmer und in Liebe zwischen Philadelphia und Portland. Um endlich nicht mehr zu erinnern.

Alles Fetzen - so funktionieren Gefühle nun mal

Dazwischen jene Schaubilder, Fotos und Nachrichten, die Thandis herumrutschendes Leben an die Realität festbinden, als wären es rettende Taue. Und an ihre Familienlinie. Sie, die Tochter einer Südafrikanerin und eines schwarzen US-Amerikaners, reagiert nun erst recht auf News über Gewalt in Südafrika, Oscar Pistorius und die Brutalität von Mrs Mandela als "Mutter der Nation". Über Fotografen, die sich umbringen, weil sie den Tod vor ihrer Kamera nicht mehr ertragen.

Alles Fetzen, so unverbunden und unchronologisch, wie Erinnerung und Gefühle in Trauerrealitäten nun einmal funktionieren. Eine Zeile, nächste Seite. Ein Absatz, zwei, vielleicht drei. Nächste Seite. Dazwischen viel Weiß, ein Leuchten.

Autorin Clemmons
Nina Subin/ Ullstein Verlag

Autorin Clemmons

Menschen, die jene Trauer kennen, die alles umhaut, wissen genau, ob sie sich Bücher, Filme, Gespräche über einen solchen Verlust zumuten wollen. Die Trauer anderer zu betrachten ist nunmal oft kein Trost, sondern hebt die eigene alte, mäßig zugeschüttete Trauer wieder neu aus wie ein Friedhofsbagger ein frisches Grab. Aber dieser Roman hier erlaubt ein Wiedererkennen, das sich lohnt. Weil das Erzählen selbst diesen bizarren Zustand abbildet.

Zumal Clemmons in diesem Debüt, das so mächtig ist, dass man kaum ermessen mag, was von der Mittdreißigerin noch kommt, weit über Trauer-Tralala hinausgeht. Wie leichthändig sie über ihre Figur Thandi die Wucht des Mutterverlusts mit einem Kreiseln um die eigene Identität zusammenführt, steckt schon wie eine Vorahnung im ersten Satz: "Meine Geburt fiel mit dem Tod der Apartheid zusammen."

Erinnerungen, "die kleinen Biester"

Auf dieser Basis schält sich für Thandi aus dem alles zerfetzenden Nichts nach und nach Neues heraus. Fragen danach, wie Mutterlosigkeit und Mutterschaft zusammengehen. Fragen zu ihrer eigenen Position innerhalb einer Genealogie. Sie bemerkt nun auf einmal Verschiebungen. Sie, die mit einem Weißen ein Kind bekommt.

Wenn sie, als Tochter eines Mathe-Profs in einem wohlhabenden Viertel aufgewachsen, in Sterblichkeitsstatistiken recherchiert und Folgen von strukturellem Rassismus bemerkt: weil die Raten zwischen weißen und schwarzen Frauen so krass auseinanderklaffen. Wenn andere Südafrika und Afrika synonym verwenden. Und sie dann an ihre Familie in Südafrika denkt und weiß, dass sie auch dort nicht wirklich dazugehört: "Ich sah wie meine Verwandten aus, aber dass ich mich selbst als Schwarze bezeichnete, fanden sie anstößig", so Thandi. "Amerikanische Schwarze waren cool, südafrikanische Schwarze waren gewöhnlich, aber gefährlich."

Preisabfragezeitpunkt:
25.04.2019, 15:40 Uhr
Ohne Gewähr

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Zinzi Clemmons
Was verloren geht: Roman

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
240
Preis:
EUR 20,00
Übersetzt von:
Clara Drechsler, Harald Hellmann

Erst eine Erinnerung an ihre eigene trauernde Mutter dreht etwas. Als diese am Familientisch in Südafrika saß, das Gesicht ihrem Nachtisch zugewandt und wie nebenher sagte: "Am schlimmsten ist es, wenn ich aufwache und denke, du musst Mama anrufen und dich mal wieder melden". Ein Gefühl, das Thandi nun bei sich selbst wiedererkennt: "Dein Herz verlangt nach etwas, doch die Realität steht dagegen. Der Tod ist ein unverrückbarer Klotz, und was dein Herz dir sagt, interessiert ihn nicht."

Hier die Realität, dort die Erinnerungen, "die kleinen Biester": Zuerst haben sie sie gepiesakt, als würde sie sich in einem Stacheldrahtzaun wälzen. Und nun rutschen auch sie ihr weg. Noch mehr Verlust.

"What we lose", was wir verlieren, heißt der Originaltitel. Ein "Wir" als Gemeinschaft der Trauernden. Aber darin steckt ex negativo auch das Gegenteil, auch bei Clemmons. Es geht nicht nur etwas verloren, es kommt auch etwas hinzu. Zu wissen, dass man das Schlimmste überstehen kann, ist ein Gewinn. Zu wissen, dass es den Sinn fürs eigene Sein schärft, ebenso.

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