Weltgeschichte in 100 Objekten Schreib das auf, Kalaschnikow!

Ein Rhinozeros oder ein Stuhl aus Gewehren erzählen mehr als mancher Historiker: Neil MacGregor wirft in "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" einen überraschenden  Blick auf zwei Millionen Jahre - und korrigiert mit feinem Humor Halbwissen und Vorurteile.

Trustees of the British Museum

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Wird gern zitiert, stimmt aber doch nicht ganz: Nicht unbedingt die Sieger sind es, die Geschichte schreiben - es sind diejenigen, die überhaupt schreiben können. Herodots "Historien" sind auch etwa 2500 Jahre nach ihrer Entstehung noch als hübsches Reclam-Heft erhältlich. Zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen im Januar 2012 läuft die Sachbuchmaschine heiß, als wäre er noch im Amt. Den unzähligen Gefolgsleuten und Opfern jener Fürsten und Feldherren aber, auf die sich die Geschichtsschreibung seit jeher mit Vorliebe konzentriert, bleibt in aller Regel nur das Schweigen.

Es sei denn, man betrachtet die Weltgeschichte von einer anderen Seite - nicht in Form überlieferter Texte, sondern in Form von Objekten. Dann wird man feststellen, dass nicht nur scheinbar wertlose Scherben am Strand von Tansania oder Trinkbecher aus dem Nahen Osten, sondern auch die Druckfarbe eines berühmten japanischen Kunstwerks einen neuen Blick auf die Menschheit möglich machen. Vieles, was bei vorschneller Betrachtung übersehen oder in der schriftlichen Überlieferung übergangen wird, weil es im Mainstream der populär aufbereiteten Geschichtserzählung keinen Platz hat, findet sich nun in einem Buch: "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten".

Herausgegeben und präsentiert wird der Bildband von Neil MacGregor, als Kunsthistoriker, Jurist und Philosoph geradezu paradetypisch gut ausgebildet. MacGregor ist seit 2002 Direktor des British Museums in London. Das, gern als Institution verunglimpft und so mit dem abschreckenden Unklang der Muffigkeit belegt, wurde zwar bereits 1753 gegründet - in der intelligenten Interpretation seiner Objekte allerdings scheint es einer Vielzahl deutscher Museen voraus.

"Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten", hervorgegangen aus einer Sendereihe der BBC, wirft einen anderen, frischen, überraschenden Blick auf die Welt. In 100 kurzen Kapiteln über 100 Ausstellungsgegenstände des Museums erzählt MacGregor eine komprimierte Version der vergangenen zwei Millionen Jahre, bei der es vor allem darauf ankommt, das Gesehene gründlich zu untersuchen. Weniger die abgebildeten Objekte selbst machen den Reiz dieses Buchs aus, sondern, das, was MacGregor über sie weiß. Der Museumschef (der von den Mitarbeitern offenbar bestens präpariert wurde) als sein bester Führer durch die eigene Sammlung.

"Keineswegs Mittelpunkt der Erde"

"Der Großteil der Welt war die meiste Zeit über schriftlos", meint MacGregor. Höhepunkte seines Buchs sind Kapitel wie das über die Messingtafeln aus dem afrikanischen Königreich Benin des 16. Jahrhunderts. Während im Bildhintergrund des Reliefs zwei vernachlässigbar wirkende Männchen die europäischen Handelspartner darstellen, beherrscht den Vordergrund des Bildes der Oba. Er war der mächtige Herrscher dieses untergegangenen, im heutigen Nigeria gelegenen Reiches. Sein Hof und die Gesellschaft, die sich um ihn gruppierte, waren so gut organisiert und strukturiert wie die Residenzen in Europa, mit denen man beste Geschäfte betrieb: Elfenbein, Gold und Pfeffer gegen Messing und Stoff.

Doch als die Reliefplatten nach einer Strafexpedition der Armee ihrer Majestät Victoria Ende des 19. Jahrhunderts nach London ins Britische Museum gebracht wurden, vermerkte der damalige Direktor lediglich, dass er sich eine so hoch entwickelte Kunst bei einer so ganz und gar barbarischen Rasse kaum erklären könne. Es ist nicht der einzige Fall eurozentristischer Überheblichkeit, die sich ja, wenn man manche Reaktion auf den Lynchmord an Gaddafi betrachtet, bis heute gehalten hat: Dort drüben die Wilden, hier wir, der kultivierte Westen.

Dabei zeigen Fundstücke wie die Scherben von der Insel Kilwa vor Tansania, wie Mac Gregor schreibt, "dass allein schon das Wort 'Mittelmeer' falsche Assoziationen weckt. Es bildet keineswegs den Mittelpunkt der Erde, und seine maritime Kultur ist nur eine von vielen." Die Scherben aus Kilwa sind chinesischen Ursprungs und stammen aus den Jahren zwischen 900 und 1400. Ein Strandgutsammler entdeckte sie 1948 und bot sie dem Britischen Museum an. Sie sind der letzte sichtbare Beweis für einen regen Handelsverkehr, der sich auf dem Indischen Ozean zwischen den blühenden afrikanischen Hafenstädten und Indien erstreckte - weit vor der Zeit, in der von den afrikanischen Küsten vor allem Sklaven verschifft wurden.

"In einer Hinsicht hatte das Nashorn Glück"

In den meisten Kapiteln ist MacGregors Tonfall von jener leichtfüßigen Ernsthaftigkeit, die nach den Sprachverheerungen von Wilheminischem Zeitalter, zwei Weltkriegen und der darauffolgenden, unter anderen Vorzeichen ebenso gravitätischen bundesdeutschen Suhrkamp-Kultur nur englischsprachige Intellektuelle zu beherrschen scheinen. Über den berühmten, aus dem Jahr 1515 stammenden Holzschnitt des "Rhinoceros" schreibt er, zwar habe die Insel St. Helena vor allem als Freiluftgefängnis für Napoleon Berühmtheit erlangt, aber auch ein anderes, in Europa bestauntes Wesen hatte dort einen Aufenthalt - ein indisches Panzernashorn. "In einer Hinsicht hatte das indische Nashorn mehr Glück als Napoleon: Es wurde von Albrecht Dürer porträtiert."

Dürers Holzschnitt (der Künstler ist dem echten Nashorn nie begegnet) ist nicht das einzige Beispiel in diesem Buch, in dem ein Kunstwerk mehr über seine Zeit erzählt, als es sein bloßer Bildgegenstand vermag: In Europa war seit einem Jahrtausend kein Nashorn mehr zu sehen gewesen. Die Ankunft des Tiers galt, wie MacGregor erklärt, als nicht weniger als ein Stück wiederbelebten Wissens der Antike. Schließlich hatte einst Plinius von Nashörnern berichtet. Später glaubte man, dass es sich dabei um Fabelwesen handelte.

In Hokusais berühmtem Druck "Große Welle" dagegen kündigt sich im Blauton des Meeres das Ende der zwei Jahrhunderte dauernden Isolation Japans an: Die Farbe stammt gar nicht aus Japan, sondern aus Deutschland. Hokusais "Welle" war so auch ein Vorbote der Globalisierung - heute ist es entsprechend ein weltweit gezeigtes Motiv.

Der so genannte "Warren Cup" hingegen, ein antikes Trinkgefäß, kurz nach Christi Geburt im römischen Imperium hergestellt, erwies sich noch im 20. Jahrhundert als skandalbefrachteter Gegenstand. In weiten Teilen der Welt dürfte er auch 2000 Jahre nach seiner Entstehung höchstens zur Abschreckung ausgestellt werden können. Warum? Er zeigt erwachsene Männer beim intimen Verkehr mit jugendlich wirkenden Burschen. Zu Zeiten seiner Entstehung war das Gefäß ein Luxusgegenstand, dessen damaligen Preis man heute auf etwa 250 Denare, den Gegenwert eines ungelernten Sklaven, schätzt. Homosexualität war in der Antike ein normaler Bestandteil des Sexuallebens.

Als der Sammler Edward Warren das Gefäß 1911 in Rom erwarb, hatte sich das längst geändert. Die Vorbesitzer wurden verschwiegen, und als Warren 1928 starb, blieb der Silberbecher über Jahrzehnte unverkäuflich. Erst 1999 kaufte das British Museum das Objekt - zu einem Rekordpreis. Die gesellschaftliche Einstellung zur Homosexualität hatte sich wieder geändert - mittlerweile würde man vielleicht schon wieder Zweifel anmelden: Sind die gezeigten Knaben nicht verdächtig jung? So erzählt der antike Becher auch von einem Moment der von wenigen Skrupeln befrachteten Sinnenfreude im späten 20. Jahrhundert.

Ohne ihn würde unsere Epoche, laut MacGregor, die "der Kriege und des Massentötens", vor allem von einem Gegenstand repräsentiert: einem 2001 in Mosambik gefertigten Thron. Er besteht ausschließlich aus Waffen. Nicht nur alle Macht, auch die Geschichtsschreibung kommt eben häufig aus den Gewehrläufen.



insgesamt 6 Beiträge
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peterbruells, 02.11.2011
1. Assoziationen überleben die Übersetzung nicht
Für einen Briten, der den Begriff Mediterranean benutzt, mag das noch nachvollziehbar sein, aber ich bezweifle, dass die Aossiziativbildung für den deutschen Begriff "Mittelmeer" noch gilt, zumal es sich nur um ein "Meer" handelt und nicht um eine See.
chilasi 02.11.2011
2. Vor und nach Christus --- verdammt schwer!
"Die Scherben aus Kilwa sind chinesischen Ursprungs und stammen aus den Jahren zwischen 900 und 1400 vor Christus. Ein Strandgutsammler entdeckte sie 1948 und bot sie dem Britischen Museum an. Sie sind der letzte sichtbare Beweis für einen regen Handelsverkehr, der sich auf dem Indischen Ozean zwischen den blühenden afrikanischen Hafenstädten und Indien erstreckte - weit vor der Zeit, in der von den afrikanischen Küsten vor allem Sklaven verschifft wurden." - so schreibt SPON. Natürlich hat sich all dieses erst zwischen dem 9. und dem 14. Jh. NACH Christus abgespielt. Um 1000 vor Chrstus war die Existenz der Monsunwinde noch nicht nutzbar gemacht worden und es gab auch zwar im Vorderen Orient, jedoch noch nicht in Indien oder in China Großreiche und Händler, die einen derartigen Handel hätten führen können.
alnemsi 02.11.2011
3. Gleichzeitige Publizierung in auf Deutsch und Englisch?
Ein humorvolles Interview mit MacGregor findet sich hier: http://www.colbertnation.com/full-episodes/mon-october-31-2011-neil-macgregor
1001daze 02.11.2011
4. als podcast auch auf den seiten der bbc abrufbar
http://www.bbc.co.uk/podcasts/series/ahow#playepisode9 hat eine hervorragende märchenerzählerstimme, der onkel neil
profdocnix 02.11.2011
5. Zeit der Kriege
Also bei Kriege pro Kopf oder Tote pro Kopf der beteiligten Bevölkerung oder Kämpfer pro Kopf oder Kriege pro Quadratkilometer oder Bewaffnete pro Kopf oder durchschnittlicher Größe einer Kriegspartei und vielem anderen mehr: ist heute das friedlichste Zeitalter der Welt. Und diese Pro-Kopf oder Pro-Fläche Sachen sind für das persönliche Glück und Unglück viel entscheidender als die Frage von wie vielen Kriegen wir heute live was wissen. Klar, irgendwo zündet jemand eine Bombe, aber gleichzeitig leben im selben Land, am selben Tag in der selben Stadt Millionen ein friedliches Leben. Das war früher anders. Da ging es Kleinkönig gegen Kleinkönig. Da mußte ein Reisender bewaffnet und geübt sein. Da gab es andauernd Ärger mit nahen und fernen Feinden, mit Verwandten, mit Räubern usw... Seit es die komplexen Waffensysteme und die großen Staaten gibt, ist Krieg für den normalen Menschen hauptsächlich zu einem Schauspiel geworden. Er nimmt dort kaum noch Teil.
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