Tagebuch eines freigestellten Wirtschaftsredakteurs Tief in der Rentnergrube

In seinem neuen Roman erkundet der Büchner-Preisträger F. C. Delius die politische Seelenlage der Republik - indem er seinen Helden aufschreiben lässt, was sie nicht wissen will.

Ausblick von der Insel Rügen: "Da lagerte noch viel Abraum von Enttäuschung"
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Ausblick von der Insel Rügen: "Da lagerte noch viel Abraum von Enttäuschung"

Von Elke Schmitter


Im 30. Jahr nach der Wende hat das Land immer noch viel damit zu tun. Die - eher stillschweigende als ausposaunte - westdeutsche Erwartung, die Themen Frustration, Fremdgefühl, auch Demütigung sollten sich von selbst erledigen, durch restaurierte Innenstädte und gesäuberte Flüsse, durch freie Wahlen und natürlich "die Freiheit" überhaupt, hat sich keineswegs erfüllt.

F.C. Delius
Jürgen Bauer/ Rowohlt

F.C. Delius

Vor beinahe 30 Jahren, 1991, schrieb der westdeutsche Autor Friedrich Christian Delius, geboren in Rom, aufgewachsen in Hessen, seit Jahrzehnten Westberliner, einen so kurzen wie eindrucksvollen Roman namens "Die Birnen von Ribbeck". Es ging um die festliche Invasion des alten Dorfes im Havelland durch Investoren von "drüben", um das unbekümmert-unverschämte Gemisch aus sentimentalem Patriotismus, echtem Wohlstandsglauben und kaum bewusster Herablassung der Westler einerseits, um den Trotz und das unwirsche Beiseitestehen der Ostler andererseits.

Denn so groß hatte sich das Elend zwischen LPG und Tauschwirtschaft, zwischen Schnaps und Gundermann dann doch nicht angefühlt, dass man "die Wessis" mit dankbar glänzenden Augen bejubeln wollte wie die Kinder in der amerikanischen Zone 1945 die GIs mit der Schokolade. Stattdessen hätte man viel zu erzählen gehabt, von einem Leben und einer Vergangenheit, die in den Formaten "Stasi ja" oder "Stasi nein" partout nicht aufgehen wollten. Aber dafür hatten die neuen Brüder und Schwestern weder Lust noch Zeit im fröhlichen Furor des Wiederaufbaus.

Preisabfragezeitpunkt:
20.08.2019, 16:29 Uhr
Ohne Gewähr

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Friedrich Christian Delius
Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Verlag:
Rowohlt Berlin
Seiten:
256
Preis:
EUR 20,00

Nun hat der Schriftsteller Delius den Osten wieder einmal besichtigt. Sein Icherzähler, dessen Aufzeichnungen eines knappen Jahres, September 2017 bis Juli 2018, diesen Roman bilden, ist ein Berliner Wirtschaftsredakteur, zuständig für Globalisierung. Der Tag, an dem er seine Notizen beginnt, ist sein persönlicher "Tag danach": "Als ich den Brief gestern Morgen auf dem Tisch liegen sah, wusste ich Bescheid, obwohl der Himmel heiter war. Solche Briefe kommen freitags." Der Mann ist 63 und zum Jahresende "freigestellt, abserviert, abgebaut, kaltgestellt, fallengelassen, verjagt, rausgekickt".

Er versucht, es nicht persönlich zu nehmen, denn dass es mit der gedruckten Presse abwärts geht, ist ja bekannt. Doch er weiß auch, dass er sich nicht beliebt gemacht hat mit seinen Positionen: Anders als die meisten Kollegen, auch in der Politik und im Feuilleton, hat er das deutsche Gebaren in der EU stets so beurteilt wie die "europäischen Nachbarn", die verelendeten Griechen, die verarmten Spanier und Portugiesen - um nur die krassesten Opfer zu benennen. Wie es gelang, die Bankenkrise zur "Griechenlandkrise" umzuwidmen, wie es außerdem gelang, die nationalen Interessen ohne Milde noch Zögern durchzusetzen und dabei als Helfer und Notwehropfer zu erscheinen, erstaunt und empört ihn nach wie vor.

Dabei betrachtet er sich nicht einmal als Linken, er nennt sich einen "Altliberalen" und hält sich lediglich an die Fakten, auch daheim: "Vor zehn, zwanzig Jahren hatten wir eine Zweidrittelgesellschaft, heute eine 60-40-Gesellschaft, 40 Prozent sind und bleiben unten." Und da soll man Schäuble dankbar sein für die sagenhafte schwarze Null und Merkel feiern als große Europäerin? "Das wollten die, die mich rauswarfen, auch nie kapieren: wie konservativ ich bin."

Mit dem Rechthaben ist es so eine Sache; es macht eher bitter als zufrieden. Delius' gebildeter Held weiß auch das und nimmt voraus, was man über ihn denken könnte. Er wettert immer wieder über die zahllosen Blogs und Twittereien - "je weniger sich bewegt in der Gesellschaft, desto mehr Meinungsgewusel" -, findet seine Bemerkungen aber dann doch unverzichtbar und widmet sie deshalb seiner Nichte, gewissermaßen im Vorhinein postum. Er schreibt das Elend des Jahresbeginns 2018 mit, das Gewürge um eine neue Koalition, und fällt sich gleich ins Wort: "Deutsche Parteiegoisten aller Spielarten, nur gut, dass ich das nicht mehr kommentieren muss (aber offenbar immer noch will, wie diese Einträge zeigen)." Der Mann hat auch noch recht mit seiner Selbstkritik.

Deutschland, intensiv mit sich selbst beschäftigt

Da ist also nicht viel Spielraum für Überraschungen, man hängt als Leser ziemlich tief mit drin in der Rentnergrube. Dynamik kommt in dieses Tagebuch des freigestellten Missvergnügens nur durch einen Schulfreund, der aus den USA wieder übersiedeln will, am liebsten nach Mecklenburg oder Vorpommern, der familiären Wurzeln, des Segelns und der landschaftlichen Schönheit halber. Oder gleich Rügen? Allerdings weiß sein Freund über den herausgeputzten Osten: "Da lagerte noch viel Abraum von Enttäuschung an den Küstenstreifen, in jeder Straße Streit und Groll unter den leuchtend neuen Dachziegeln und rechts und links der Postkartenansichten und der vielfotografierten Alleen."

Deutschland ist hier noch intensiv mit sich selbst beschäftigt, mit der verpatzten Vergangenheit und der rumorenden Gegenwart. Weshalb die eigentliche Bedrohung, die noch weiter im Osten liegt, kaum jemand bemerken will: Das ist die expandierende Wirtschaftsmacht China. Die mit Millionen Touristen schon jetzt Europas schönste Städte übervölkert und deren Wohlhabende Häuser und Filetgrundstücke in Lissabon, in Berlin und Rom erwerben. Und die sich nicht nur den Hafen von Piräus, sondern auch andere Infrastrukturen munter und klandestin einverleibt. Welche ihnen, unbeabsichtigte Nebenfolge des Schäubleschen Spardiktats, von den erschöpften Volkswirtschaften der EU zu Schleuderpreisen angeboten werden. Aus Meldungen dieser Art, verstreut in den von ihm intensiv genutzten Medien, entwickelt Delius' Hauptfigur die mokante Vision, der dieses Buch seinen Titel verdankt - das Originellste, leider, was der Roman zu bieten hat.

Die vorläufig letzte Ironie der Geschichte

Es sind nämlich nicht die schlüssigen Analysen, die dieses Buch zu einer trüben Lektüre machen; herabstimmend ist seine ästhetische Bescheidenheit. Delius mag aus seinem Wirtschaftsredakteur keinen Dichter machen, also lässt er ihn im Branchenjargon erzählen. Es wimmelt von "Autobossen", "Wirtschaftsmuffeln" und "Lügenbaronen", hier gibt es "eine Win-win-Situation", dort mangelt es an Sachverstand. Und soll eine Pointe oder ein Sprachwitz her, dann ist es stets das Nächstliegende: "Ein Vogeldeuter bin ich, ja - immer noch besser als ein Vogelfänger."

So bringt man im Tippelschritt die Nachrichten und Einsichten dieses Tagebuchjahres hinter sich, und keinerlei Leben stört. Nicht einmal die Gefährtin des Frühverrenteten darf mehr als eine Stichwortlieferantin sein für seine Einsichten, die gern eingeleitet werden mit Fertigsätzen wie: "Noch ein höherer Witz" oder "Die nächste Ironie der Geschichte."

Die vorläufig letzte Ironie der Geschichte ist die, dass Delius ein eleganter Glossist sein kann, ein präziser Polemiker und ein melodischer, geradezu rhapsodischer Erzähler. Nach der Lektüre dieses Buches wünscht man sich: Mindestens einen politischen Essay von ihm über die blinden Flecken in der deutschen Selbstbespiegelung und einen Abgesang auf die Kanzlerin, wenn es denn so weit ist; es wird eine aufklärende Freude sein. Und einen nächsten und wirklichen Roman.

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