Comeback der Westerncomics Sie reiten wieder

Westerntitel feiern im Comic ein massives Comeback: Die Verlage legen Klassiker neu auf oder beleben das Genre neu. Wir verraten, wo Sie ziehen sollten - und wo Sie steckenlassen können

Alejandro Jodorowsky & Francois Boucq

Von


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Liegt's am ziemlich hervorragenden Videospiel "Red Dead Redemption 2"? An der Suche nach einfachen Problemen und klaren Lösungen? Denn obwohl Western bei Kindern angeblich out sind, im Comic-Bereich sprudeln sie derzeit geradezu. Sechs Titel finden Sie hier, die perfekte Anzahl, wie wir vom glorreichen Halunken Clint Eastwood wissen. Nicht alle sind top, aber jeder hat natürlich seinen eigenen Geschmack. Und jeder Revolver seinen eigenen Klang.

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Westerncomics: Nicht alle glorreich

Mac Coy

Antonio Hernandez Palacios wird alt. Nicht schlecht, aber er scheint Mitte der Achtziger ein bisschen die Lust verloren zu haben. Der dritte "Mac Coy"-Sammelband lässt die absoluten Glanzpunkte vermissen, die aufregend inszenierten Seiten, die völlig aberwitzigen Farbkombinationen. Und die Storys sind immer noch nicht wirklich erstligatauglich. Diesmal pfuscht ihm die Geschichtsbegeisterung besonders deutlich ins Handwerk: Weil Mac Coy ja öfter historische Begebenheiten miterleben muss, wird diesmal deutlich, dass der Held längst über 20 Jahre hätte altern müssen - das wird dann schon etwas sehr wurschtig ignoriert.

Trotz aller Nörgelei: Noch immer liefert jeder Band von Palacios einen wundervoll zerknitterten, verranzten, staubig verschwitzt stinkenden, authentischen Wilden Westen und gelegentlich auch etwas richtig Neues: Nach einer wundervollen Seite im strömenden Regen verlässt Palacios seine bewährte Strichtechnik. Für drei Seiten im dichten Nebel wechselt er zu Punkten, und das allein ist schon fast wieder den ganzen Band wert.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Jean-Pierre Gourmelen, Antonio Hernández Palacios
Mac Coy - Gesamtausgabe Band 3

Verlag:
avant-verlag GmbH
Seiten:
208
Preis:
EUR 39,95

Lakota

Auf Anhieb erinnert der Stil von Paolo Eleuteri Serpieri ein wenig an Palacios. Und was die Stories angeht, sind sie vergleichbar nichtssagend. Aber Serpieri zeichnet sauberer, und was Action angeht, ist er in "Lakota" zurückhaltender: Entweder liegt sie ihm nicht, oder er zeichnet einfach gern seitenweise Dialoge. Nachdem die aber mäßig sind und er nicht über allzu viele Inszenierungsideen verfügt, hat man sich rasch sattgesehen. Das hinterlässt eine rechte Enttäuschung, denn vom Untergang General Custers am Little Big Horn erwartet man doch ordentlich Drama und Kawumms. Da ist es nicht ungeschickt, dass Serpieri nie sein Hauptstandbein vergisst, das Fantasy-Epos "Druuna".

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Paolo Serpieri
Serpieri Collection – Western: 1. Lakota

Verlag:
Schreiber & Leser
Seiten:
160
Preis:
EUR 29,80

Lincoln

Lincoln, ein übellauniger Faulpelz begegnet dem lieben und goldgräberartig verlotterten Gott, der ihm die Unsterblichkeit schenkt und nebenher irgendeine fragwürdige Sache mit dem Teufel laufen hat. Eine Parodie also, und sie klaut bei den richtigen Vorbildern: Jerome Jouvray orientiert sich zeichnerisch an Christophe Blain, sein Bruder Olivier für das Szenario an Lewis Trondheim. Zündet leider nicht, weil: zu viele Konstruktionsfehler. Gott will Lincoln zum guten Menschen und Helden machen, Lincoln stört das aber nicht. Hm. Lincoln will meist seine Ruhe, macht aber doch meist was Gott will. Soso. Es gibt jede Menge Action, aber Lincoln riskiert als Unsterblicher ja nichts. Puh. Dazwischen sorgen ein paar ordentliche Gags und ein paar richtig heftige Szenen für allgemeine Unentschlossenheit. Schade eigentlich, ein neuer Lucky Luke (so wird "Lincoln" gelegentlich beworben) wäre nett gewesen - aber das ist Lincoln leider nicht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Olivier Jouvray
Lincoln: 1. Auf Teufel komm raus

Verlag:
Schreiber & Leser
Seiten:
48
Preis:
EUR 14,95

Mondo Reverso

Ist das ein Western? Eigentlich ist "Mondo Reverso" was ganz anderes: Eine Geschlechterdebatte, für die Dominique Bertail und Arnaud le Gouëfflec einfach die angestammten Rollen vertauscht haben. Die Frauen haben die Hosen und die Revolver, die Männer die Kleider. Die Vorurteile sind dieselben, bloß umgekehrt: Männer haben immer Kopfschmerzen, Frauen saufen und furzen. Erstaunlich ist, wie weit Bertail/Gouëfflec mit diesem eigentlich recht banalen Dreh kommen - weil es zeigt, dass vieles bleibt, wie es ist: Die Verunsicherung, sich als Mann oder Frau falsch zu verhalten, die eigene Verblüffung, weil es plötzlich Frauen sind, die sehr detailreich Köpfe wegballern und sich einen Dreck um Männer scheren. Wie gesagt: Ein simpler Dreh, und dennoch ist das Ergebnis überraschend irritierend und häufig auch komisch.

Aber ist das ein echter Western? Eher zufällig, das Setting hätte man auch im Weltraum oder im ritterlichen Mittelalter durchspielen können. Die Landschaften sind dennoch sehr ansehnlich geraten, und harte Frauen, die einen Revolver, eine Winchester oder einen Sattel herumtragen, einen vollbärtigen Typ im Kleidchen hinter sich herziehend, all das wirkt natürlich deutlich cooler mit einer Zigarette oder Eastwoods Zigarillo zwischen den Zähnen - und den gibt's im Weltraum eher selten.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Arnaud Le Gouëfflec
Mondo Reverso: 1. Cornelia & Lindbergh

Verlag:
Schreiber & Leser
Seiten:
96
Preis:
EUR 19,80

Bouncer

Ein einarmiger Held in einer völlig verwahrlosten Welt: Klingt ein bisschen nach "Für ein paar Dollar mehr", und es gäbe schlechtere Vorbilder. Leider fehlt jede Doppelbödigkeit, und damit morden und vergewaltigen die Schurken letztlich nur noch, damit es einen guten Grund zur Rache gibt. Das Ganze kommt in hübschen, aber letztlich handelsüblichen Bildern. Nice to have, genauso nice to have not.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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François Boucq
Bouncer: Gesamtausgabe 1

Verlag:
Schreiber & Leser
Seiten:
136
Preis:
EUR 29,80

Ticonderoga

Klassisch, aber neu: "Corto Maltese"-Schöpfer Hugo Pratt hat die Serie "Ticonderoga" gezeichnet, von Hector Oesterheld ("Eternauta") stammt die Story um den titelgebenden jungen Waldläufer, die in den Fünfzigern in Argentinien erschien. Wir sind im britisch-französischen Krieg um Nordamerika, Lederstrumpf-Szenario also, aber aus Jungen-Sicht, der "Schatzinsel"-Perspektive.

Das ist gleich dreifach gut: Einerseits sympathisch altmodisch, wird andererseits gerade in Anbetracht des jungen Zielpublikums erstaunlich schonungslos gestorben und getötet. Und Pratt tuscht die Action "Prinz Eisenherz"-würdig, Natur und Landschaft mit viel Sinn für großes Kino, und all das in erstaunlich lebendigem schwarz-weiß, obwohl ihm das Querformat anfangs nicht mal Platz für Splashes lässt. Erstmals auf deutsch, schön gebunden, im Schuber mit vielen Extras - Zeit war's!

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Héctor Germán Oesterheld, Hugo Pratt
Ticonderoga

Verlag:
avant-verlag GmbH
Seiten:
304
Preis:
EUR 50,00


insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
peho65 11.06.2019
1. Und wo ...
... bleibt Umpah Pah? :-D
heissSPOrN 11.06.2019
2.
...und "Der Mann, der keine Schusswaffen mochte"? So gern ich Comics mag, so wenig kann ich regelmässig mit den Empfehlungen von Herrn Vermes hier anfangen. Komplett gegenläufiger Geschmack, wie es scheint.
h.hass 11.06.2019
3.
Kein Westerncomic war je so gut wie "Blueberry". Ab Ende des Jahres in einer neuen Gesamtausgabe-
polemix 11.06.2019
4. Lucky Luke
Wahre Kunst, am Beispiel der Tortillas für die Daltons: "Lakkiluuk, Amigo, Du sollst nicht leben wie ein Rantanplan!"
Taiga_Wutz 12.06.2019
5. The Duck of Death
h.hass hat es mir schon vorweg genommen. Ehrenhalber erwähnen unter "Highlights" möchte ich hier auch noch Hugo Pratts "Fort Wheeling".
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